Deutscher Gewerkschaftsbund

27.11.2017

Comedian Ingo Appelt über den Humor der Gewerkschafter

einblick Dezember 2017

Ingo Appelt war vor seiner Zeit als Comedian gewerkschaftlich engagiert. Im einblick-Interview erzählt er, warum die Betriebsratswahlen 2018 wichtig sind und wie es um den Humor der GewerkschafterInnen bestellt ist.

 

 

Ingo Appelt

Ingo Appelt, 50, ist seit Jahren feste Größe in der deutschen Comedy-Szene. 2015 wurde Appelt mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. In diesem Jahr hat er den Berlin-Preis im Rahmen des großen Kleinkunstfestivals erhalten. Er ist Mitglied der SPD. Zur Zeit tourt er mit seinem aktuellen Programm durch Deutschland. www.ingo-appelt.de Felix Rachor

Wie bist du zur Gewerkschaft gekommen?

Ich habe Maschinenschlosser bei Siemens in Würzburg gelernt und bin ganz klassisch gewerkschaftlich sozialisiert. Mit 16 Jahren bin ich in die IG Metall eingetreten und hab mich auf allen Ebenen engagiert: unter anderem war ich Vorsitzender der Jugend- und Auszubildendenvertretung und Jugendbildungsreferent der IG Metall. In der Funktion bin ich durch das ganze Land gezogen, habe Betriebsräteschulungen und JAV-Seminare gegeben. Am Ende war ich hauptamtlicher Bildungsreferent bei der IG Metall in Würzburg. Ich habe praktisch meine ganze Jugend damit verbracht, von einem Seminar zum nächsten zu tingeln.

Wie bist du ins Comedy-Lager gewechselt?

Meine Laufbahn als Comedian habe ich bei der IG Metall gestartet. Meinen ersten Auftritt hatte ich im Rahmen der IG Metall-Bundesjugendkonferenz 1989 in Frankfurt – da war ich 22. Meine gesamte politische Sozialisation und meine kabarettistische Sicht auf die Welt habe ich bei der IG Metall gelernt.

Haben GewerkschafterInnen Humor?

Ne, haben sie nicht. Ich habe meine erste Rede als Jugendvertreter vor 2500 Leuten gehalten und hab der Geschäftsleitung humorig die Meinung gegeigt – gelacht hat keiner. Auch bei anderen Reden und Seminaren habe ich immer versucht, unterhaltsam zu sein. Meistens kamen danach die Kolleginnen und Kollegen an und meinten „Ingo, das kannst du nicht machen“. Gelacht hat nie jemand. Allerdings ist es als Gewerkschaftsfunktionär auch sehr schwer, Humor zu bewahren. Als ich dann ins Kabarett-Fach gewechselt bin und quasi eine Narrenkappe auf hatte, ging das auf einmal.

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Warum sind viele GewerkschafterInnen humorlos?

Funktionäre nehmen sich oft viel zu ernst. Teilweise geht es sehr hart zur Sache, vor allem bei den Jungfunktionären. Ich finde, gerade da müsste es lockerer und lustiger sein. Wir hatten damals trotzdem viel Spaß.

Vermisst du etwas aus deiner Gewerkschaftszeit?

Ich vermisse den ernstgemeinten politischen Diskurs und die vielen Gespräche, die ich damals geführt habe. Vor allem die Streitgespräche bis vier Uhr morgens – man ist sich in der Sache einig, aber trotzdem geht es hoch her. Ich bedauere das deswegen, weil es heute oft viel hasserfüllter zugeht. Sobald du dich politisch äußerst, erntest du eine Vielzahl an Hasstiraden – vor allem auf Facebook. Es ist fürchterlich. Im direkten Gespräch sind die Menschen rücksichtsvoller. Ich vermisse zudem viele Kolleginnen und Kollegen aus der damaligen Zeit, die ich wirklich geliebt habe.

Warum gibt es mehr Hass?

Es ist das Aufbrechen der Schamlosigkeit. Der Hass ist da. Ich laufe seit mindestens 20 Jahren durch die Gegend und erzähle, wie radikal viele Menschen denken. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass viele tendenziell eher nationalkonservativ und ausländerfeindlich sind. Nach dem dritten Bier kommt oft: „Wir sind doch nicht das Sozialamt für die Welt“. Viele Menschen denken rechter, als uns lieb sein kann. Ich kam mir oft wie ein Missionar vor, der in Dauerschleife sagt: „Nein, die Ausländer wollen uns nicht die Arbeit wegnehmen.“ Ich habe unsere Aufgabe immer darin gesehen, diese Leute wieder einzusammeln.

"Die wichtigste Arbeit des Betriebsrats ist das direkte Gespräch mit den Menschen."
Ingo Appelt

Was hilft?

Wir müssen mit diesen Menschen reden, sie im direkten Gespräch wieder auf Kurs bringen. Wenn das nicht stattfindet, werden sich die Verhältnisse in den Betrieben radikalisieren. Wo finden solche moralisierenden, politischen Gespräche heute überhaupt noch statt? Vor allem geht es darum, mehr Menschen für die Gewerkschaften zu gewinnen. Was soll ein Betriebsrat machen, wenn er keine Basis hat?

Was können Betriebsräte und Gewerkschaften konkret tun?

Wir müssen eine größere Fürsorge auch für Menschen entwickeln, die außerhalb der Tarifverträge stehen. Die Botschaft muss lauten: „Wir kümmern uns um euch. Wir sind fürsorglich.“ Betriebsräte und Gewerkschaften sind die einzigen, die an der Stelle überhaupt noch präsent sind. Die Kirchen schaffen das nicht, die Parteien auch nicht.

Was waren und sind deine Grundsätze?

Mir fehlt heute die antikapitalistische Sichtweise – vor allem ohne sofort in einen universitären Marxismus zu verfallen. Als ich das erste Mal bei den Jusos war, wurde gefragt ob ich reformistischer Marxist oder neoreformistischer Marxist bin. Ich habe gesagt, ich bin evangelisch und bin gegangen. Ich hab mich nie als linksradikal verstanden, für mich ging es darum, tolerant zu sein. Mir ging es darum, eine sozialdemokratische Freundlichkeit zu entwickeln, dass man mitmenschlich ist. Mir fehlt heute die Maxime, die Johannes Rau geprägt hat: „Versöhnen statt spalten“. Je mehr wir miteinander reden, um sehr mehr bauen wir Ressentiments ab.

2018 finden Betriebsratswahlen statt. Welche Themen würdest du in den Betrieben setzen?

Betriebsräte und Vertrauensleute müssen den Beschäftigten in den Unternehmen zeigen: „Ich bin dein Kumpel. Ich bin da“. Es geht nicht in erster Linie darum, dass man der Feind des Chefs ist, sondern dass man solidarisch ist mit den Kolleginnen und Kollegen. Die wichtigste Arbeit des Betriebsrats ist das direkte Gespräch mit den Menschen. Es geht im Betrieb darum, eine positive Gesprächskultur zu etablieren. Diese Sichtbarkeit fehlt an vielen Stellen – auch im Politischen. Ein Grund für mich, warum die SPD so abgeschmiert ist. Zudem braucht es Mut, anzuecken.

Fakten und Infos zur Betriebsratswahl gibt es hier...


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