Deutscher Gewerkschaftsbund

02.08.2022
Gewerkschaften

Urlaubsgeld: Mit Tarifvertrag ist mehr drin

Aktuelle Analyse des WSI-Lohnspiegels

Urlaubsgeld ist eine feine Sache und macht für viele Beschäftigte eine kleine Reise erst möglich. Angesichts der hohen Inflationsraten gibt es den Beschäftigten in diesem Jahr Sicherheit und ermöglicht ihnen die gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise besser zu tragen. Doch nicht alle Beschäftigten kriegen Urlaubsgeld. Eine Analyse des WSI-Lohnspiegel zeigt, wer es bekommt und wer nicht.

Familie am Strand

Colourbox.de

Tarifverträge wirken!

Ob man Urlaubsgeld bekommt, steht entweder im Arbeitsvertrag oder im Tarifvertrag, wenn es eine tarifliche Regelung gibt. Ein Anspruch auf Urlaubsgeld kann sich auch aus einer betrieblichen Übung ergeben, weil Urlaubsgeld üblicherweise im Betrieb gezahlt wird. Fest steht: Tarifverträge lohnen sich! Auch in diesem Jahr erhalten 74 Prozent der Beschäftigten in der Privatwirtschaft mit Tarifvertrag Urlaubsgeld. Wohingegen nur 36 Prozent der Beschäftigten ohne Tarifvertrag welches bekommen.

Beschäftigte in der Privatwirtschaft mit Urlaubsgeld (2021/22) in Prozent

DGB; Quelle: Online-Befragung: www.lohnspiegel.de

Tarifbindung stärken – Ungleichheiten abbauen

Neben den Unterschieden zwischen Beschäftigten mit und solchen ohne Tarifvertrag, zeigen sich die altbekannten Muster der Ungleichheit. Frauen bekommen seltener Urlaubsgeld als Männer. Und auch Beschäftigte im Osten haben gegenüber den Kolleg*innen in Westdeutschland das Nachsehen. Neben dem Hauptfaktor Tarifbindung, spielen also leider immer noch Geschlecht und Wohnort eine wichtige Rolle und entscheiden möglicherweise darüber, wer in verreisen kann und wer nicht.

Eine Stärkung und Ausweitung der Tarifbindung kann hier entgegenwirken. Denn: Wer in Ostdeutschland nach Tariflohn bezahlt wird, verdient kaum weniger als in Westdeutschland. Frauen, die in tarifgebundenen Unternehmen arbeiten, verdienen fast ein Viertel mehr, als Frauen ohne Tarifvertrag.

Grafik Urlaubsgeld: Unterschiede zwischen Frauen und Männern

DGB; Quelle: Online-Befragung: www.lohnspiegel.de

Grafik Urlaubsgeld: Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland

DGB; Quelle: Online-Befragung: www.lohnspiegel.de

Kein gesetzlicher Anspruch auf Urlaubsgeld

Gesetzlich gibt es keinen Anspruch auf Urlaubsgeld. Zahlt der Arbeitgeber trotzdem welches, ist das eine freiwillige Leistung, die im Zweifel auch wieder gestrichen werden kann. Der wirkliche Anspruch kann sich häufig nur aus Tarifverträgen ergeben. Da es keinen gesetzlichen Anspruch gibt, ist Höhe und Auszahlungstermin nicht übergeordnet geregelt. Wie unterschiedlich die Höhe des Urlaubsgeldes dabei ausfällt, zeigt die Auswertung des WSI. Häufig erreichen die DGB-Mitgliedsgewerkschaften in den Tarifverhandlungen Urlaubsgelder in Höhe von 70 Prozent des Monatslohns oder mehr. Es zeigt sich aber auch, dass gerade in Branchen mit schwacher Tarifbindung die Höhe des Urlaubsgeldes niedriger ausfällt.

Mit Tarifvertrag und Betriebsrat mehr Urlaubstage

Nicht nur beim Urlaubsgeld bringt ein Tarifvertrag Beschäftigten Vorteile: In der Regel haben Beschäftigte mit Tarifvertrag auch deutlich mehr Urlaubstage als gesetzlich vorgeschrieben. Laut Gesetz haben Arbeitnehmer*innen in Deutschland bei einer Sechs-Tage-Woche Anspruch auf 24 Urlaubstage im Jahr. Bei einer Fünf-Tage-Woche macht das jährlich 20 Tage. Beschäftigte mit Tarifvertrag haben hingegen durchschnittlich 30 Tage Urlaub im Jahr.

Allerdings beanspruchen die Beschäftigten nicht immer ihre vertraglich vereinbarten Urlaubstage. Einfluss darauf hat auch, ob es einen Betriebsrat gibt, wie eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung zeigt. So schöpfen in mitbestimmten Unternehmen rund drei Viertel der Beschäftigten ihren Urlaub voll aus. In Unternehmen ohne Betriebsrat sind es dagegen über zehn Prozentpunkte weniger. Ein Grund dafür ist wohl, dass Betriebsvereinbarungen regeln, wie Urlaub zu beantragen ist, welche Kriterien für die Zustimmung oder Ablehnung von Anträgen gelten und ob Resturlaub auf das Folgejahr übertragen werden kann. Noch entscheidender ist aus Sicht des Forscherteams, dass Beschäftigte mit Betriebsrat besser über ihre Rechte informiert sind – und dass Arbeitgeber Anträge wohl eher bewilligen, wenn sie im Konfliktfall damit rechnen müssen, dass sich ein Betriebsrat einschaltet. Die Untersuchung zeigt einen weiteren positiven Effekt betrieblicher Mitbestimmung: In Betrieben mit Betriebsrat stehen Beschäftigten durchschnittlich 1,3 Urlaubstage mehr zur Verfügung als in Betrieben ohne Betriebsrat.

Tarifbindung: Alle Hebel in Gang setzen

Auch beim Thema Urlaub wird deutlich, dass alle Hebel in Gang gesetzt werden müssen, um die Tarifbindung in Deutschland zu stärken. Die Vorteile für die Beschäftigten liegen auf der Hand – sie verbessern merklich die Arbeits-, Einkommens- und Lebensbedingungen.

So sollten Tarifverträge durch Steuervorteile attraktiver gemacht und sogenannte „Ohne-Tarif“-Mitgliedschaften (OT) abgeschafft werden. Tariftreue muss als verbindliches Kriterium in der öffentlichen Vergabe aufgenommen und durch die Anerkennung von Innungen als öffentlich-rechtliche Institution die Förderung der Tarifbindung im Handwerk vorangetrieben werden. Tarifverträge sollten auch in ausgegliederten Unternehmensteilen fortgelten und das Verfahren zur Allgemeinverbindlichkeitserklärung geltender Tarifverträge erleichtert werden.

Auch sogenannte Entsendefirmen sollten regional allgemeinverbindliche Tarife anbieten müssen, um auch Beschäftigten aus dem Ausland gute Arbeits- und Lebensbedingungen zu garantieren.

Tarifflucht kostet jährlich Milliarden

Die Tarifbindung zu stärken darf nicht nur Aufgabe der Gewerkschaften sein. Eine starke Tarifbindung geht jede und jeden etwas an, denn mehr Tarifverträge sind im gesamtgesellschaftlichen Interesse.

Warum? Ein Beispiel: Durch Tarifflucht gehen jährlich fast 25 Milliarden Euro Sozialversicherungseinnahmen, fast 15 Milliarden Euro Einkommenssteuer und über 35 Milliarden Euro Kaufkraftgewinn verloren, die die deutsche Wirtschaft gerade während Krisen stabilisieren könnten. Deshalb: jetzt aktiv werden und für bessere Arbeits- Einkommens- und Lebensbedingungen kämpfen! Jetzt Mitglied werden!

WSI-Tarifarchiv: 46 Prozent aller Beschäftigten bekommen Urlaubsgeld – mit Tarifvertrag 74 Prozent


Nach oben

Mehr zum Thema

Ser­vice - Rund um den Ur­laub
Rote Strandkörbe am Strand
Colourbox.de
Wie viel Urlaub steht mir zu? Darf der Arbeitgeber den Urlaub verweigern? Gibt es „Hitzefrei“, wenn die Temperaturen am Arbeitsplatz in tropische Regionen steigen? Und was passiert, wenn ich im Urlaub krank werde? Antworten auf diese und viele andere Fragen haben wir in einem Themenspecial zusammengestellt.
weiterlesen …

Weitere Themen

"Wir brau­chen drin­gend einen Ener­gie­preis­de­ckel für Pri­vat­haus­hal­te"
Die DGB-Vorsitzende bei ihrer Rede auf dem Bundeskongress 2022
DGB/Jörg Farys
Anfang Juli fand das erste Treffen der "konzertierten Aktion" im Bundeskanzleramt statt. Es ging dabei um Entlastungen für die Bürger*innen. Unsere Vorsitzende Yasmin Fahimi sagt dazu: "Es ist doch furchtbar, dass Menschen wegen ihrer Strom- und Gasrechnung überlegen müssen, welches Gemüse sie sich noch leisten können. Wir brauchen dringend einen Energiepreisdeckel für Privathaushalte."
weiterlesen …

Ex­tre­me Tem­pe­ra­tu­ren: Gibt es Hit­ze­frei am Ar­beits­platz?
Thermometer mit hoher Temparatur bei gleißender Sonne
DGB/Wang Tom/123Rf.com
Die Sonne brennt, der Schweiß läuft: Der Sommer ist da. Wer wäre bei diesen warmen Temperaturen nicht lieber am Badesee. Doch gibt es Hitzefrei im Job? Wie heiß oder kalt darf es eigentlich am Arbeitsplatz sein? Und sind kurze Hose und Flip Flops im Büro erlaubt? Die wichtigsten Fragen und Antworten rund ums Thema Wetter und Arbeit.
weiterlesen …

Je­de*r Vier­te un­ter 35 Jah­ren oh­ne Ab­itur hat kei­nen Be­rufs­ab­schluss
Grafik: 25 Prozent sind ohne Berufsabschluss
DGB via Canva.com
Jede*r vierte*r junge Erwachsene unter 35 Jahren mit Hauptschulabschluss oder mittlerer Reife ist ohne Berufsabschluss. Insgesamt 16 Prozent der Abgänger*innen aus allen allgemeinbildenden Schulen erlangen keinen formalen Berufsabschluss in diesem Alter.
weiterlesen …

Min­dest­lohn 2022: Was än­dert sich?
Münze mit Prägung des Schriftzugs Mindestlohn
DGB/Bartolomiej Pietrzyk/123RF.com
Zum 1. Juli 2022 ist der gesetzliche Mindestlohn auf 10,45 Euro gestiegen, zum 1. Oktober 2022 steigt er auf 12 Euro. Hier beantwortet der DGB die wichtigsten Fragen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer rund um die Erhöhung des Mindestlohns.
weiterlesen …

Quiz zur Da­seins­vor­sor­ge
Bibliothek, Bus, Spielplatz, Schwimmbad: Nur die richtige Infrastruktur macht einen Wohnort lebenswert
DGB/Berliner Botschaft
Der Strom kommt aus der Steckdose, das Wasser aus dem Hahn. Busse und Bahnen bringen uns von A nach B, wenn wir krank sind, gehen wir zum Arzt oder zur Ärztin. Das alles umfasst die kommunale Daseinsvorsorge. Wenn du wissen möchtest, wie Daseinsvorsorge, deine Stadt und der DGB zusammenhängen, dann mach mit bei unserem Quiz! Tolle Preise gibt es ebenfalls zu gewinnen!
weiterlesen …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …