Deutscher Gewerkschaftsbund

04.08.2017
Arbeit der Zukunft

Digitalisierung der Arbeitswelt: Was kommt auf uns zu?

"Kursbuch Arbeiten 4.0"

Die Roboter kommen! Seit zwei Jahren wird intensiv über die Arbeit der Zukunft diskutiert - und darüber, was das Internet der Dinge, Crowdworking und Big Data für Beschäftigte bedeuten. Jetzt zieht der DGB mit dem "Kursbuch Arbeiten 4.0" Bilanz: Was ist neu an Arbeit 4.0? Wo stehen wir heute? Und wie schaffen wir Gute Arbeit in digitalen Zeiten?

Mann mit Warnweste in Lager hält Scanner in der Hand und tippt auf Laptop

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Standortbestimmung und Perspektiven

Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften befinden sich in einem intensiven Diskussionsprozess um die Herausforderungen der Digitalisierung in der Arbeitswelt. Die politische Diskussion um die digitale Transformation hat mit der Veröffentlichung des "Weißbuch Arbeiten 4.0" durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen zwischenzeitigen Meilenstein erreicht. Das "Kursbuch Arbeiten 4.0" des DGB nimmt das zum Anlass, eine Standortbestimmung im politischen Diskus vorzunehmen. Es zeigt gewerkschaftliche Perspektiven und Ansätze für die Gestaltungsanforderungen der Arbeit der Zukunft.

Was ist neu an Arbeit 4.0?

Die Digitalisierung allein ist es nicht: In der industriellen Produktion gibt es in Deutschland schon seit vielen Jahren einen hohen Automatisierungsgrad. Neu ist die digitale Vernetzung. Vor 10 Jahren kam das iPhone auf den Markt und hat nicht nur unsere Lebenswelt und Gewohnheiten völlig verändert, sondern auch Wertschöpfungs-und Wirtschaftsprozesse - und die Arbeitswelt. Es ist die Basis für das Internet der Dinge.

Fakten und Tipps zur Digitalisierung?

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Das Internet der Dinge

Das Internet der Dinge (Internet of Things – IoT) ist die Vision der IT-Pioniere und Konzerne. Alles soll mit allem vernetzt werden: Fabriken und Dienstleistungen, die Energieversorgung, unsere Städte oder unser Zuhause (Smart Home). Die Daten sind das „Neue Öl“ für die Wirtschaft der Zukunft. Auf dieser Basis entwickeln sich künstliche Intelligenz oder die additive Fertigung wie der 3D-Druck mit rasanter Geschwindigkeit und in neuer Qualität. Virtuelle Welten und Realität verschmelzen.

Ein neues Betriebssystem für die Arbeit der Zukunft

Neu sind also vor allem die Verbindung von künstlicher Intelligenz und Maschinen, die Vernetzung von smarten Maschinen untereinander sowie die Interaktion von Maschinen und Menschen. Die digitale Vernetzung der Welt löst die Grenzen zwischen Märkten, Regionen, Unternehmen, Maschinen und Menschen auf. Es entstehen neue Netzwerke. Digitale Plattformen werden zu Drehscheiben der Ökonomie. Es entsteht ein neues Betriebssystem für die Arbeit der Zukunft.

Arbeitnehmer Arbeiter auf einer Platine CPU Chip Computer Digitalisierung Informationstechnologie

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Ein Prozess, der von Menschen verantwortet wird

Diese technologische Entwicklung ist für sich genommen weder gut noch schlecht. Sie bietet Möglichkeiten für neue, hochwertige Arbeitsplätze, für bessere Arbeitsbedingungen und letztlich für eine höhere Arbeitsqualität und Wohlstand. Gleichzeitig zeigen sich schon heute erste Anzeichen, dass die Digitalisierung zur Rationalisierung und zum Abbau von Arbeitsplätzen, zur Kontrolle und Überwachung sowie zur Verschärfung des Leistungsdrucks genutzt wird. Um die Chancen zu nutzen und die Risiken zu minimieren ist es wichtig, die Ditalisierung als einen Prozess zu verstehen, der von Menschen gemacht - und in dem Gute Arbeit gestaltet werden kann und muss.

Zentrale Faktoren: Tarifbindung und Mitbestimmung

Ob die Chancen für höherwertige Arbeitsplätze und bessere Arbeitsbedingungen realisiert werden können, liegt an der Ausgestaltung der wesentlichen Erfolgsfaktoren Tarifbindung und Mitbestimmung für  Qualifizierung, Flexibilität und Datenschutz.
 

  • Qualifizierung

    Es besteht ein breiter Konsens, dass die digitalen Arbeitsprozesse neue Berufs-, Tätigkeits- und Qualifikationsprofile erfordern.  Dabei wird davon ausgegangen, dass die Halbwertszeit von beruflichem Wissen aufgrund des hohen Tempos der technologischen Veränderungen sinkt, der qualifikatorische Anpassungsbedarf steigt. Gefragt sind auch neue Kompetenzen, wie zum Beispiel zur Datenanalyse, in der IT-Sicherheit oder bei neuen Kundenbeziehungen. Damit werden auch Sozial- und Kommunikationskompetenzen immer wichtiger.

    Mit der Digitalisierung wird die berufliche Mobilität zu einer neuen Herausforderung – das „berufs- und lebensbegleitende Lernen“ zur Pflichtaufgabe. Es muss eine präventive Strategie entwickelt werden, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden und den Beschäftigten eine neue Orientierung zu ermöglichen. Dazu gehört unter anderem ein einheitliches Bundesweiterbildungsgesetz, das Beschäftigten ein Recht auf Freistellung von der Arbeitsleistung für die individuelle berufliche Weiterbildung mit einem Rückkehrrecht auf ihren Arbeitsplatz garantiert. Eine Weiterentwicklung des Teilzeitrechts bietet hierfür gute Anknüpfungspunkte.

    Auch die ungleich ungünstige Ausgangssituation von Geringqualifizierten und Erwerbslosen darf nicht vergessen werden. Die Stärkung der Weiterbildung sollte nicht nur auf Kurzzeitarbeitslose beschränkt, sondern ebenso auf den ALG II-Bereich (Hartz IV-System) ausgeweitet werden. Auch hier braucht es neue Anreize wie zum Beispiel ein Bildungsunterhaltsgeld, damit die Weiterbildungsangebote erfolgreich umgesetzt werden können.

  • Flexibilität

    Bei Beschäftigten ist der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten sehr ausgeprägt. Bislang hat die Flexibilisierung allerdings tendenziell zu einer Verlängerung der tatsächlichen Arbeitszeiten geführt. Vollzeitbeschäftigte arbeiten mit 43,5 Stunden knapp fünf Stunden über der durchschnittlichen, tariflich vereinbarten Wochenarbeitszeit. Insgesamt leisten die Beschäftigten fast zwei Milliarden Überstunden im Jahr. Davon wird knapp die Hälfte – also eine Milliarde Überstunden – nicht bezahlt. Auch Wochenend- und Schichtarbeit sind gestiegen. Fast jede(r) Zehnte arbeitet nachts, fast ebenso viele auf Abruf.

    Hinzu kommt, dass mit der Digitalisierung die Verfügbarkeitserwartungen der Arbeitgeber zunehmen. Fast ein Viertel der Beschäftigten müssen in der Freizeit oft erreichbar sein. Damit nehmen auch die psychischen Belastungen zu. Das Abschalten von der Arbeit gelingt nicht einmal der Hälfte der Beschäftigten. Die Digitalisierung erleichtert also nicht automatisch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

    Bislang können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die technischen Möglichkeiten zum orts- und zeitflexiblen Arbeiten können nur bedingt in ihrem Interesse nutzen.  Sie müssen zwar oft „always on“ sein, haben jedoch nur beschränkte Möglichkeiten, von unterwegs oder im Home Office zu arbeiten. Auch können sie oft nicht zwischen Teilzeit und Vollzeit wechseln oder über die Lage der Arbeitszeit mitentscheiden. Viele würden ihre Arbeitszeit gerne reduzieren,einige – vor allem teilzeitbeschäftigte Frauen – würden gern länger arbeiten. Wunsch und Wirklichkeit liegen noch weit auseinander.

    Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften wollen die Arbeitszeitsouveränität der Beschäftigten stärken. Probleme bei Vereinbarkeits- und Gesundheitsfragen lösen sich nicht plötzlich in Luft auf, nur weil es digitale Möglichkeiten für mehr Flexibilität gibt. Mehr Souveränität – also größere Freiheiten – brauchen ein starkes Verhandlungsmandat für Gewerkschaften, Betriebs- und Personalräte und natürlich auch für die Einzelnen. Nötig ist daher ein neuer Rechtsrahmen, der neue Spielräume ermöglicht.

    Mehr Selbstbestimmung gelingt am besten durch bessere Rechte, tarifliche Lösungen und mitbestimmte Arbeitszeitarrangements in den Betrieben und Verwaltungen. Gleichzeitig sollte der Arbeitsschutz für die Beschäftigten erneuert werden. So kann gewährleistet werden, dass Flexibilität beiden Seiten zugutekommt.

  • Überwachung und Datenschutz

    Der Schutz der Persönlichkeitsrechte im Arbeitsleben wird vor dem Hintergrund digitaler Technologien und Big Data-Analytik in unterschiedlichen Dimensionen zur Herausforderung.

    Zum einen entstehen mit der betrieblichen Einführung von Cloud-Technologien im „digitalen Informationsraum“ neue Möglichkeiten der Vergleichbarkeit, Auswertung und letztlich Skalierbarkeit von Wissensarbeit. Leistungs- und Verhaltenskontrollenwerden durch die Digitalisierung erheblich erleichtert. Zum anderen treten auf dem Weg zur Industrie 4.0 neue Datenschutzfragen in Bezug auf die Mensch-Maschine-Interaktion oder Mensch-Roboter-Kollaboration auf. Außerdem generieren softwarebasierte Assistenzsysteme wie Head Mounted Displays oder Sensor-Handschuhe Daten von Beschäftigten. In der Logistik werden zum Beispiel Transportwege durch GPS-Tracking optimiert. Neben den neuen Fragen, die durch die Digitalisierungsprozesse oder digitalisierte Arbeitsmittel selbst entstehen, hat sich ein „Optimierungsmarkt“ entwickelt, der darauf abzielt, die Beschäftigten mit Hilfe von Algorithmen und Apps zu kontrollieren, zu steuern oder auch zu rekrutieren.

    Der Datenschutz ist eine elementare Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche digitale Transformation der Arbeitswelt.  Deshalb sollte so schnell wie möglich ein eigenständiges Beschäftigten-Datenschutzgesetz in Deutschland umgesetzt werden.

    Die Abhängigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in einem strukturellen Ungleichgewicht von Beschäftigungsverhältnissen erfordert spezielle Regelungen zum Schutz der Beschäftigten bei der personenbezogenen Verarbeitung von Beschäftigtendaten. Für die betrieblichen Digitalisierungsprozesse hilft ein ausdrückliches Mitbestimmungsrecht zum Datenschutz für Betriebs- und Personalräte, das sich auf die personenbezogene Verarbeitung von Beschäftigtendaten im Beschäftigungskontext erstreckt.


 

Deckblatt "Kursbuch Arbeiten 4.0"

DGB

Weitere Infos dazu sowie zu Initiativen in Europa, dem bisherigen Diskurs und dem weiteren Dialog-Prozess liefert das "Kursbuch "Arbeiten 4.0". Es kann über den DGB-Bestellservice angefordert oder als PDF heruntergeladen werden.

Aus dem Inhalt:
  • Die Digitalisierung der Arbeitswelt: Was kommt da auf uns zu?
  • Die Welt wird smart - Arbeit im Internet der Dinge
  • Plattformen: Crowd Work - Gute Arbeit?
  • Big Data: Die Vermessung der Arbeitswelt
  • Humanisierung der Arbeit durch High Tech. Was ist drin?
  • Den Wandel schaffen. Mit Tarifbindung und Mitbestimmung!
  • Initiativen in Europa - Internationale Aspekte
  • Die EU und der digitale Wandel
  • Der politische Prozess - Arbeiten 4.0 in Deutschland
  • Der Dialog - die Aussichten

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