Deutscher Gewerkschaftsbund

28.08.2018

„Die Linke hat kein Konzept für die digitale Zukunft“

einblick September 2018

Künstliche Intelligenz kann Gewerkschaften bei der Arbeit unterstützen. Wie das aussehen könnte und warum der Linken das Konzept für eine digitale Zukunft fehlt, erklärt Stephan Dörner, Online-Chefredakteur des Digitalmagazins t3n.

Wie nehmen Sie die Gewerkschaften in der Debatte zur Digitalisierung wahr?

Gewerkschaften kommen in meinem Umfeld nicht vor. Auch in der Kommunikation nehme ich sie wenig wahr. Ich hab mitbekommen, dass sich die Gewerkschaften gegen das Bedingungslose Grundeinkommen ausgesprochen haben, was aus ihrer Sicht verständlich ist. In der Start-up-Szene spielen sie bisher kaum eine Rolle, mit Ausnahme der Essenslieferdienste wie Foodora und Deliveroo. Dort ist es ihnen gelungen, dass sich MitarbeiterInnen organisieren – aus guten Gründen. Die allermeisten Menschen in der Tech-Szene nehmen Gewerkschaften aber nicht als Option wahr.

t3n-Onlinechef Strephan Dörner

Stephan Dörner ist Online-Chefredakteur des Digitalmagazins t3n. t3n

Wie können Gewerkschaften in diesen Bereichen Fuß fassen?

Die Gewerkschaften sollten sich die Frage der sozialen Teilhabe am technologischen Fortschritt groß auf die Fahnen schreiben. Sie sollten deutlich machen, dass sie den Wohlstandsgewinn durch digitale Technik wollen, unter dem Motto: ‚Wir haben eine Wohlstandsexplosion durch digitale Technologien. Wir wollen, dass alle davon profitieren!‘. Zurzeit fehlt die übergeordnete Konzeption, wie man das schaffen kann. Das gilt nicht nur für die Gewerkschaften, sondern für die gesamte Linke. Ich höre und lese sehr wenig, wie ein linkes Zukunftsmodell, von dem alle profitieren, aussehen könnte. Es geht viel um Identity Politics oder Gender, aber wenig um die Grundfrage: Wie soll das Wirtschaftssystem aussehen?

Wie tickt der durchschnittliche Beschäftigte in einem Start Up-Unternehmen?

Viele sind jung, wollen sich ausprobieren. Sie alle wollen lernen und etwas gestalten. Das ist in einem Start-up gut möglich. Häufig müssen kleine Teams sehr vielfältige Aufgaben übernehmen. Das geht einher mit großer Verantwortung, die man in jungen Jahren schon übernehmen darf. In großen Unternehmen ist das eher unüblich. Danach steht vielen der Weg zu großen Tech-Unternehmen offen.

Wie kann die Gewerkschaftsarbeit von digitaler Technik profitieren?

Durch Künstliche Intelligenz gibt es viel Bewegung im Bereich Legal Tech – also der digitalen Rechtsberatung. Natürlich ist es denkbar, dass etwa die gewerkschaftliche Rechtsberatung KI einsetzt, um Mitglieder rechtlich zu unterstützen. Auch die Erfolgsaussichten vor Gericht lassen sich mit automatisierter Software berechnen. Der Investor Peter Thiel hat in den USA ein Start-up gegründet, das mit Hilfe von KI prüft, welche Chancen potentielle Mandanten vor Gericht haben. Stehen sie gut, übernehmen Anwälte den Fall. Bis dahin ist es in Deutschland noch ein weiter Weg.

Was sind die herausragenden Trends, die die Arbeitswelt verändern werden?

Vor allem der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) wird die Automatisierung vorantreiben. Seit den 1970er Jahren gibt es in Kombination mit Robotik eine verstärkte Automatisierung, die durch KI nochmal beschleunigt wird. Wir erleben das bereits jetzt im Bereich des Supports, also etwa in Telefon-Hotlines. Dort werden nur noch die Fälle von Menschen bearbeitet, bei denen die Maschine nicht mehr weiterweiß. Ein weiterer Bereich ist das selbstfahrende Auto. Es ist absehbar, dass zumindest auf bestimmten Strecken selbstfahrende Fahrzeuge kommen werden.

Wo und wie wird sich der Arbeitsmarkt verändern?

Zum Beispiel im Bereich der Logistik oder im Taxigewerbe. In diesen beiden Branchen sind relativ viele Geringqualifizierte tätig. Künstliche Intelligenz wird dort starken Einfluss nehmen und wahrscheinlich Jobs vernichten.

Wie kann der Sozialstaat darauf reagieren?

Grundsätzlich muss die Finanzierung des Sozialstaates von den Arbeitseinkommen entkoppelt werden. Es muss ein politischer Weg gefunden werden, damit alle vom technischen Fortschritt profitieren. Das ist in den vergangenen 70 Jahren gelungen, funktioniert aber immer weniger. Der Sozialstaat muss stärker über Kapitalrenditen finanziert werden. Über Steuern müssen zum Beispiel die Konzerne stärker beteiligt werden – weil insbesondere jene, die global agieren, sich derzeit aussuchen können, wie sie die Gewinne versteuern. Mit diesem Geld könnten sowohl die Rente als auch die Kranken- und Pflegeversicherung mitfinanziert werden.

Ist das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) eine Lösung?

Noch nie gab es so viel Wohlstand und Wertschöpfung. Trotzdem sind viele Menschen unglücklich, weil sie von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt sind. Sie arbeiten häufig in Niedriglohnjobs oder unter prekären Bedingungen. Im Kern muss stehen, einen Weg zu finden, dass wieder ein Großteil der Menschen vom gesamtgesellschaftlichen Fortschritt profitiert – das Bedingungslose Grundeinkommen kann ein Weg dahin sein. Es hat Vor- und Nachteile gegenüber anderen Modellen wie der negativen Einkommenssteuer.


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