Deutscher Gewerkschaftsbund

07.03.2018
FR-Kolumne "Gastwirtschaft"

Digitalisierung: Plädoyer für eine neue Lernkultur

Sorgen und diffuse Ängste in Hoffnung verwandeln

Alle reden über den digitalen Wandel - doch eine echte Strategie für die Umgestaltung der Arbeitswelt fehlt bislang in den Ministerien. In der Frankfurter Rundschau fordert DGB-Vorstand Annelie Buntenbach finanziell geförderte Weiterbildungszeiten, damit "jede und jeder die Chance bekommt, auch in der Arbeitswelt von morgen up to date zu bleiben."

Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied

DGB/Simone M. Neumann

Annelie Buntenbach ist Mitglied des Geschäftsführenden DGB-Bundesvorstandes. Sie schreibt regelmäßig als Autorin für die Kolumne Gastwirtschaft der Frankfurter Rundschau.

"Irgendwie" reicht nicht

Der Koalitionsvertrag von Union und SPD verspricht Aufbruch, Dynamik und Zusammenhalt. Der digitale Wandel soll ein Schwerpunkt der nächsten Jahre werden. Im Prinzip gut. Allerdings beschäftigten sich zuletzt schon fast alle Ministerien irgendwie mit der Digitalisierung. Das Problem ist das „Irgendwie“. Sicher: Schnelles Internet überall ist genauso wichtig wie die Modernisierung der Schulen oder Berufsschulen. Allerdings sind das nur die Basics, ohne die eine innovative Lebens- und Arbeitswelt gar nicht denkbar ist. Selbst da hapert es bis heute.

Orientierungsverlust und diffuse Ängste

Nun werden neue Kommissionen adressiert, ausgerichtet auf den digitalen Wandel. Alles richtig. Doch wo ist die Strategie? Entscheidend ist die Umgestaltung der Arbeitswelt. „Arbeiten 4.0“ war zuletzt ein wichtiger Prozess, der sich nun in viele Puzzleteile aufzulösen droht, so dass jede Orientierung verloren geht. Damit verbunden ist eine seltsam altbackene politische Haltung: Es heißt oft, die Menschen sollten „mitgenommen“ werden. Wollen sie nicht lieber selbst entscheiden und gestalten? Und mitnehmen – wohin? Es geht schließlich nicht nur um Teststrecken für selbstfahrende Autos, sondern um neue digitale Produktionsweisen, künstliche Intelligenz und neue Anforderungen an die Qualifikationen der Beschäftigten. Grund genug für diffuse Ängste vor der digitalen Zukunft.

Große Koalition ist gefragt

Darauf kann und muss die Koalition schnell Antworten geben. Auch die Bundeskanzlerin hat zuletzt ein Unbehagen der Menschen gegenüber technologischen Umbrüchen ausgemacht. Dies sollte nicht in neue Kommissionen, sondern in attraktive, konkrete politische Angebote münden – vorzugsweise für Teilhabe und Selbstbestimmung.

Digitalisierung braucht Weiterbildung

Alle Experten sind sich einig, dass die Digitalisierung eine neue Lernkultur erfordert. Dafür brauchen die Beschäftigten neue Bildungszeiten, also Auszeiten für Qualifizierung mit entsprechender finanzieller Unterstützung. Es sollte der Markenkern einer gesellschaftlichen Digitalstrategie werden, dass jede und jeder die Chance bekommt, auch in der Arbeitswelt von morgen up to date zu bleiben. So können sich Sorgen am ehesten in neue Hoffnungen verwandeln. Das wäre ein echter Aufbruch mit neuer Dynamik für sozialen Zusammenhalt.

von Annelie Buntenbach


Nach oben

Weitere Themen

Zu­sam­men ge­gen #Mie­ten­wahn­sinn
mietenwahnsinn.info
Fast zwei Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen in deutschen Großstädten. Die Forderungen DGB sind klar: Wir brauchen eine wirksame Mietpreisbremse und vor allem neue Wohnungen – und zwar 400.000 pro Jahr, davon mindestens 100.000 Sozialwohnungen. Der DGB beteiligt sich deshalb am alternativen Wohngipfel sowie an der Kundgebung "Zusammen gegen #Mietenwahnsinn!" am 20. und 21. September in Berlin.
weiterlesen …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …

Bür­ger­be­we­gung Fi­nan­zwen­de: Für ein neu­es Fi­nanz­sys­tem
Bürgerbewegung Finanzwende
Vor zehn Jahren begann mit der Pleite der Bank "Lehman Brothers" eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise. Der Verein "Bürgerbewegung Finanzwende" will jetzt dafür sorgen, dass endlich die notwendigen Konsequenzen gezogen werden und das internationale Finanzsystem nachhaltig, sozial und gerecht wird. Gründungsmitglied des Vereins ist der DGB.
weiterlesen …

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Deutlich mehr in Bildung und Weiterbildung investieren
Eine aktuelle Studie des Weltwirtschaftsforums zeigt: Schon 2025 könnte die Mehrzahl aller anfallenden Arbeitsstunden von Maschinen, Robotern und Künstlicher Intelligenz (KI) erledigt werden. Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann forderte in der WELT deutlich mehr Investitionen in Bildung. weiterlesen …
Artikel
"Schulen und Berufsschulen zu Leuchttürmen unserer Republik machen"
"Wir müssen Schulen und Berufsschulen zu Leuchttürmen unserer Republik machen, nicht Banken und Versicherungen", sagt der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann im Interview mit dem Deutschlandfunk. Das seien "Investitionen in die Zukunft von Menschen". "Bildung wird einen erheblichen Stellenwert haben für den Erfolg der Gestaltung digitaler Innovationen", so Hoffmann. weiterlesen …
Artikel
Livestream: Digitaler Kapitalismus – Revolution oder Hype?
Die Digitalisierung durchdringt immer mehr Bereiche unserer Wirtschaft. Aber erlebt der Kapitalismus wirklich eine Revolution? Oder bekommt er nur einen neuen Anstrich? Diese Frage wird auf dem Kongress "Digitaler Kapitalismus – Revolution oder Hype?" am 2. und 3. November in Berlin diskutiert – unter anderem mit dem DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten