Deutscher Gewerkschaftsbund

26.05.2020
Datenschutz

Corona-Krise: Beschäftigte als virtueller Datensatz

Überwachung im Home Office

Immer mehr Apps und Plattformen dienen dazu, Daten in Unternehmen zu sammeln. Arbeitgeber nutzen die Corona-Krise, um gezielt neue Software einzuführen. Unter anderem sollen damit Beschäftigte im Home Office überwacht werden. Vor allem in den USA ufert die digitale Überwachung wegen fehlender Datenschutzregeln aus. Aber auch in Europa spitzeln einige Unternehmen.

Detektiv / Arbeitgeber vor Bildschirmen, Videoüberwachung

Colourbox

Firmen, die Überwachungssoftware produzieren, feiern in den USA Rekordumsätze. So jubelten laut dem Finanznachrichtendienst Bloomberg diverse Tech-Unternehmen, dass ihre Telefone nicht stillstehen vor eingehenden Bestellungen. Offenbar rüsten Arbeitgeber in den USA ihre IT auf, um während des Corona-Lockdowns Beschäftigte im Home Office zu überwachen.

Überwachung im Home Office

Das war noch nie so einfach, wie in Zeiten der Digitalisierung. Denn heute ist es leicht, alle Aktivitäten auf Computern zu beobachten und auszuwerten: Wie viel Anschläge auf der Tastatur schafft ein/e ArbeitnehmerIn pro Minute? Wie viele E-Mails werden gelesen und beantwortet? Wie erfolgreich läuft das Projekt? Welche Beschäftigten chatten über die firmeneigene Plattform regelmäßig miteinander? Wie lange dauern Telefonate und Videokonferenzen? Diese und viele weitere Kennzahlen können durch Software erhoben werden. Zudem ist es möglich, Screenshots oder Videos vom Bildschirm zu machen, um zu sehen, woran gearbeitet wird.

Überwachungs-Tools für den Arbeitgeber

Neue Produkte gehen noch weiter: Sie setzen auf künstliche Intelligenz, Gesichtserkennung und beziehen auch Gesundheitsdaten in die Analyse mit ein. Die Softwareprodukte heißen InterGuard, Time Doctor, Teramind, VeriClock, innerActiv, Activ-Trak oder Hubstaff. Viele bieten eine Kombination aus Bildschirmüberwachung und Leistungsanalyse. Diese Programme monitoren gezielt Produktivitätskennzahlen wie etwa die Anzahl der versendeten E-Mails. Vorgesetze bekommen diese Daten in einer Übersicht – dem sogenannten Dashboard – angezeigt. In bunten Zahlen und Grafiken wird der Mitarbeiter zu einem Datensatz, der mit anderen Datensätzen verglichen werden kann.


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Bespitzelung im Home Office: Kritik der Gewerkschaften

Aida Ponce Del Castillo vom Europäischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI) warnt vor dieser Entwicklung. In einem Beitrag auf netzpolitik.org beschreibt sie, wie die Schnüffel-Software funktioniert und welche Folgen die Überwachung für die ArbeitnehmerInnen hat. So warnt sie vor den Funktionen der Software Time Doctor, die unter anderem eine Verhaltenskorrektur der MitarbeiterInnen verspricht. Diese Applikation überwacht dafür alle Aktivitäten, die am Computer verrichtet werden. So wird getrackt, welche Webseiten besucht und gelesen werden. Angestellte werden bei länger andauernder Abwesenheit per Pop-up-Fenster wieder zur Arbeit ermahnt.

Mehr Stress, Diskriminierung und Verlust der Autonomie

Auch Spyrix Software wirbt mit einer Fülle an Funktionen: einer Überwachung von Bildschirm und Tastatur, Webcam- und Mikrofon-Aufzeichnung sowie Scans von Webseiten und einer Auswertung verschiedener Social-Media-Kanäle. Gewerkschafterin Del Castillo warnt angesichts der potenziellen Totalüberwachung vor mehr Stress, Diskriminierung, einem Verlust der Autonomie und der persönlichen Freiheiten am Arbeitsplatz. In Ländern mit geringeren Datenschutzstandards sind sich die Beschäftigten der Überwachung bewusst. Eine Studie der britischen Gewerkschaft Prospect, die vor allem gut ausgebildete SpezialistInnen wie Ingenieure oder WissenschaftlerInnen organisiert, belegt das. Mehr als die Hälfte der rund 7500 befragten Mitglieder halten es für wahrscheinlich, dass sie bei der Arbeit routinemäßig überwacht werden.

Datenschutzexperte warnt: Überwachung durch die Hintertür

Auch wenn deutsche ArbeitnehmerInnen vor einer so weitreichenden Schüffelei am Arbeitsplatz qua Gesetz geschützt sind, gibt es Schlupflöcher für Arbeitgeber. Peter Wedde ist Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences und führender Datenschutz-Experte, er warnt vor einer Überwachung durch die Hintertür. Wedde beobachtet, dass einige Firmen Software einführen wollen, angeblich um die IT-Infrastruktur auch in Zeiten des Home Office zu schützen. Diese Tools schützen aber nicht nur vor Hackern, sie können auch dazu verwendet werden, MitarbeiterInnen zu überwachen.

Betriebsvereinbarung schützt vor Überwachung

Zum Beispiel bei der Arbeitszeit. Einige Tools speichern nicht nur, wenn sich der Computer ins Netz einloggt, sondern auch, welche Programme verwendet werden. So können ebenfalls Profile über Menschen angefertigt werden. „Betriebsräte werden vor der Einführung dieser Software nicht selten unter Druck gesetzt, unter dem Motto: Wenn ihr hier nicht zustimmt, dann stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel.“ Wedde rät ArbeitnehmervertreterInnen deshalb, Betriebsvereinbarungen über Art, Umfang und Auswertungsmöglichkeiten der im Home Office anfallenden Daten abzuschließen.


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