Deutscher Gewerkschaftsbund

09.03.2018
DGB-Delegation besucht Smart City

Wie smart ist Santander wirklich?

Nie mehr eine Parklücke suchen, weil digitale Systeme sofort zu einem freien Parkplatz leiten? Die spanische Stadt Santander gilt als europäische SmartCity Nummer eins. Wie läuft das Projekt und was bedeutet das für die Menschen, die dort leben und arbeiten?

Blick auf die Stadt Santander. Mit Smartphone.

Blick auf die Hafenstadt Santander. DGB/Piegsa

Erst auf den zweiten Blick fallen sie auf, die kleinen grauen Antennenkästen, die an viele Laternenmasten und an die Häuserfassaden im nordspanischen Santander montiert sind. Die 175.000 Einwohner-Stadt an der spanischen Nordküste ist europäische Modellstadt für eine Smart City, für eine Stadt, in der alles miteinander vernetzt ist.

Gut 20.000 Sensoren wurden in Busse, Mülltonnen, im Rasen und in den Straßen eingesetzt, heißt es. Über die Antennenkästen werden die Datenströme ins Rechenzentrum gefunkt. Der Müll wird nur noch abgeholt, wenn die Tonne voll ist, Verkehrsströme werden so gelenkt und Parks automatisch bewässert - so stand es schon in vielen Zeitungen. Auch in Deutschland.

Santander

Fallen nicht gerade auf: Antennen von Smart Santander. DGB/Piegsa

Seit die Stadt 2010 in das Projekt eingestiegen ist, kommen viele Journalisten und IT-Spezialisten aus der ganzen Welt hierher, um sich zu informieren. Wie das Projekt läuft und wie Einwohner und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes eingebunden waren und sind, das wollte eine DGB-Delegation um Vorstandsmitglied Stefan Körzell im März vor Ort erfahren.

„So super, wie die Berichte es vermuten ließen, läuft es nicht“, gibt sich Körzell überrascht. Die Müllentsorgung fährt trotz Sensoren in den Müllcontainern nach wie vor die alten Routen, erfuhr er von Kolleginnen und Kollegen der spanischen Gewerkschaft UGT. Der Straßenverkehr läuft weitgehend ungelenkt. Wenn man die Ampelschaltung koordinieren wolle, greife man wie gehabt zum Telefonhörer, sagen Kollegen der örtlichen Polizei. In vielen Bereichen sei eben „nichts smart“, lautet die Kritik.

Das liegt auch daran, dass es an Beteiligung mangele. „Von Anfang an gab es keinen Bezug zur Basis und zur Belegschaft“, weiß UGT-Gewerkschafter Jésus Gallego. Das Projekt wurde von oben herab direkt vom damaligen Bürgermeister gesteuert. Ein High-Tech-Demonstration Center wurde eingerichtet, in dem sie in Hochglanz präsentiert wird, die Welt der Apps und der Sensoren. Es gehe darum, die Leistungen der Stadt zu optimieren, Schadstoffe und den Energieverbrauch zu reduzieren und letztlich Kosten zu sparen. Allein durch die komplette Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED konnte 80 Prozent der Stromkosten gespart werden. Gut 1300 neue Arbeitsplätze seien vor allem im Technologiebereich entstanden.

Santander

Der Showroom von Smart Santander. DGB/Piegsa

Doch wie viel Geld das Projekt selbst gekostet hat und weiterhin kostet, dazu erteilt die neue Bürgermeisterin Gema Igual Ortiz keine genaue Auskunft. Die Stadt investiere jährlich eine Million Euro. Weiteres Geld komme aus einem 95 Millionen Euro-Fördertopf der EU, der für Smart Cities überall in Europa eingerichtet ist.

Ob man auch Fehler gemacht habe? Der Bevölkerung den Nutzen des Projektes zu erklären, das sei versäumt worden, gibt die Bürgermeisterin unverhohlen zu. Wohl auch deshalb werden die beiden städtischen Apps nur von verhältnismäßig wenigen Menschen genutzt. Eine App zählt 5000 Nutzer, die andere 10.000 - wobei nicht klar ist, wieviele Touristen darunter sind. Die Stadt ziehtgerade im Sommer viele Urlauber an.

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Keine genaue Auskunft über die Kosten des Projekts: Die Bürgermeisterin Gema Igual Ortiz (PP). DGB/Piegsa

Dass die Apps nicht am Bedarf der Bevölkerung orientiert sind, kritisiert auch Pedro Casares, Oppositionsführer der sozialdemokratischen PSOE. Ohnehin mangele es an sozialer Verantwortung, sagt er. Aus- und Weiterbildungen für die Beschäftigten? Fehlanzeige. Arbeitsplätze bei der Müllabfuhr und in Straßenmeistereien fallen weg. Im Ergebnis haben die Beschäftigten nun Angst, ihren Job zu verlieren, heißt es bei der UGT. Und Unklarheit herrscht darüber, was mit all den Daten passiert, die überall in der Stadt anfallen.

Für DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell ist klar, „für solche Projekte muss es eine breite gesellschaftliche Debatte unter Beteiligung der Beschäftigten und Gewerkschaften geben – und zwar vorher.“ Darauf gelte es zu achten – auch in Deutschland. Es müsse immer darum gehen, dass die Technik den Menschen dienen kann und nicht umgekehrt. 

 

 

 

 

 

 


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