Deutscher Gewerkschaftsbund

22.08.2018
Hans-Böckler-Stiftung

So groß ist die Wohnungsnot in deutschen Städten wirklich

Die Nachfrage ist groß, das Angebot klein: Wer in der Großstadt eine Wohnung sucht, hat schlechte Karten. Allein in Berlin fehlen 310.000 bezahlbare Wohnungen, bundesweit sind es fast zwei Millionen. Eine Studie zeigt, wo die Not am größten ist - und wer am stärksten davon betroffen ist.

Häuser in Berlin vor blauem Himmel

DGB/vvoennyy/123rf.com

Wohnungsnot in Großstädten

Wer braucht welche Wohnung? Wer kann wie viel Miete zahlen? Und wie viele Wohnungen stehen dafür zur Verfügung? Das sind die zentralen Fragen einer Studie, die von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde.

Für die Untersuchung haben Stadtsoziolgen der Humboldt-Universität Berlin und der Goethe-Universität Frankfurt die Einkommen von Großstadthaushalten mit dem lokalen Angebot an Mietwohnungen verglichen. Das Ergebnis: In den 77 deutschen Großstädten von Aachen bis Wuppertal fehlen mehr als 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen. Besonders groß ist die Not bei kleinen Wohnungen für Einpersonenhaushalte: Allein hier fehlen rund 1,4 Millionen günstige Apartments unter 45 Quadratmetern.

Spitzenreiter Berlin und NRW

Kritisch ist die Situation vor allem in Städten, in denen viele Einkommensschwache leben oder in denen das Mietniveau sehr hoch ist. Zu ersteren zählen zum Beispiel Berlin, Leipzig und Dresden, zu letzteren unter anderem München, Stuttgart und Düsseldorf. Doch selbst in Städten, in denen die Lücke vergleichsweise gering ist, übersteigt die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum das Angebot bei weitem. Das gilt zum Beispiel für Moers, Wolfsburg, Koblenz oder Ulm.

Orientiert man sich an den Bundesländern, ergibt die Analyse folgendes Ranking:

  1. Nordrhein-Westfalen (knapp 550.000 fehlende Wohnungen)
  2. Berlin (310.000 fehlende Wohnungen)
  3. Bayern (192.000 fehlende Wohnungen)
  4. Baden-Württemberg (156.000 fehlende Wohnungen)
  5. Niedersachsen (110.000 fehlende Wohnungen)
  6. Sachsen (105.000 fehlende Wohnungen)
Grafik zeigt Anzahl fehlender Wohnungen in deutschen Großstädten

Hans-Böckler-Stiftung

Eine umfangreiche Tabelle mit Daten zu allen 77 untersuchten Großstädten gibt es bei der Hans-Böckler-Stiftung.

Was heißt "bezahlbar"?

In einer früheren Studie hat die Hans-Böckler-Stiftung ermittelt, dass vier von zehn Großstadthaushalten in Deutschland mindestens 30 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Bruttokaltmiete ausgeben - also für die Miete inklusive Nebenkosten, ohne Heizkosten. Alles, was einen Anteil von 30 Prozent übersteigt, gilt bei Experten als problematisch, da das auf Dauer zu einer finanziellen Überlastung führen kann.

Vor allem für die unteren Einkommensklassen ist diese Entwicklung kritisch. In sämtlichen Millionenstädten, aber auch in zahlreichen anderen Orten wie Freiburg, Stuttgart, Düsseldorf, Kiel, Bonn, Münster, Regensburg, Aachen oder Darmstadt haben maximal 40 Prozent der armutsgefährdeten Haushalte die Chance auf eine Wohnung, die sie sich leisten können. In gefragten Studentenstädten wie Freiburg, Regensburg, Münster oder Aachen ist es auch für Durchschnittsverdiener sehr schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Generell die größten Probleme bei der Wohnungssuche haben Alleinstehende sowie Familien mit fünf Personen oder mehr.

Sozialen Wohnungsbau stärken

Daran wird sich in nächster Zeit auch nichts ändern. Im Gegenteil: Die Versorgungslücke wird weiter wachsen, so die Prognose der Forscher. Zwar wird jetzt vielerorts vermehrt gebaut, doch in fast allen Großstädten sind die Mieten bei Neuvermietung höher als bei Bestandsmieten - und damit für viele unerschwinglich.

Damit sich die Situation ändert muss der soziale Wohnungsbau deutlich gestärkt werden, fordern die Autoren der Studie. Vor allem bei den Kleinwohnungen mit Nettokaltmieten von vier bis fünf Euro pro Quadratmeter müsse das Angebot massiv ausgebaut werden. Außerdem solle die Sozial- und Mietpreisbindung für bestehende Wohnungen ausgeweitet werden. Um das zu erreichen, könnten zum Beispiel öffentliche Träger Privatvermietern Wohnungen abkaufen.


Weitere Infos: Böckler Impuls 07/2018: Wohnungsmarkt - Unbezahlbare Mieten


Nach oben

Konferenz: 4. September 2018

Kon­fe­renz: "We­ge aus der Wohn­raum-Kri­se"
Fassaden von Altbauten
DGB/totalpics/123rf.com
Steigende Mietpreise und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum entwickeln sich zu immer drängenderen sozialen Problemen. Was kann und muss getan werden, um diese Trends zu stoppen? Diese und andere Fragen diskutierte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mit Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis am 4. September 2018 in Frankfurt.
weiterlesen …

Weitere Themen

Das än­dert sich 2019 für Ar­beit­neh­mer und Ver­si­cher­te
2019 Jahrezahl
Colourbox.de
Am 1. Januar 2019 treten neue Gesetze und Regelungen in Kraft. Der Mindestlohn steigt, es gibt Neuerungen bei der Rente und endlich zahlen die Arbeitgeber wieder den gleichen Anteil für den Beitrag zur Gesetzlichen Krankenversicherung. Was ändert sich noch für Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmer und Versicherte? Eine Übersicht.
weiterlesen …

Was än­dert sich 2019 beim Min­dest­lohn?
Mindestlohn Stempel mit Geldscheinen
DGB/Bartolomiej Pietrzyk/123RF.com
Der Mindestlohn steigt zum 1. Januar 2019 auf 9,19 Euro und zum 1. Januar 2020 auf 9,35 Euro. Das hat die Bundesregierung am 31. Oktober 2018 per Verordnung festgelegt und ist damit dem Vorschlag der Mindestlohn-Kommission gefolgt. Unsere Übersicht zeigt, was beim gesetzlichen Mindestlohn und bei den Branchen-Mindestlöhnen im Jahr 2019 gilt.
weiterlesen …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
einblick DGB-Infoservice hier abonnieren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Was Mietpreisbremse, sozialer Wohnungsbau und Wohngeld bringen - und was nicht
Wohngeld, Mietpreisbremse und die finanzielle Förderung von Sozialwohnungen: Das sind die drei zentralen Instrumente, mit denen der Staat Wohnen auch für Menschen mit geringerem Einkommen bezahlbar machen will. Eine neue Studie zeigt: Keines dieser Instrumente erreicht sein Ziel - allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen. weiterlesen …
Link
Bezahlbare Wohnungen schaffen
Bund, Länder und Kommunen müssen mehr unternehmen, um die Krise in den Griff zu bekommen. Die Mietpreisbremse reicht nicht. Ein Gastbeitrag von DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell in der Frankfurter Rundschau. zur Webseite …
Artikel
"Lohnerhöhungen werden von steigenden Mieten aufgefressen"
Die Einkommensunterschiede in Deutschland werden größer, die Ungleichheit wächst. Das liegt auch daran, dass Ärmere einen immer größeren Teil ihres Einkommens für die Miete ausgeben müssen - während bei Reichen die Belastung sinkt. Diese Entwicklung muss endlich gestoppt werden, fordert DGB-Vorstand Stefan Körzell. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten