Deutscher Gewerkschaftsbund

28.09.2016

Mitbestimmung 4.0 für die Industrie 4.0

Die Arbeitswelt wandelt sich, die Industrie wandelt sich – also muss es auch eine gestärkte, offensive Mitbestimmung geben. Denn die flexible, digitalisierte Wirtschaft braucht mehr, nicht weniger Arbeitnehmer-Mitbestimmung – so der Tenor der DGB-Veranstaltung zur "Woche der Industrie".

DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell auf der Woche der Industrie 2016

DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell diskutierte auf der DGB-Veranstaltung im Rahmen der "Woche der Industrie" mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Betrieben DGB/Simone M. Neumann

Am 19. September 2016 startete das Bündnis "Zukunft der Industrie" die "Woche der Industrie". Auf mehr als 300 Veranstaltungen diskutierten Verbände, Unternehmen und Wissenschaft, welchen Nutzen die Industrie für die Gesellschaft hat – und wie sie sich in den nächsten Jahren verändern wird.

Auch der DGB beteiligte sich an der Aktionswoche – und diskutierte am 22. September in der Landesvertretung der Hansestadt Bremen in Berlin das Thema "Mitbestimmung für eine starke Industrie".

Sieling

Bremens Bürgermeister Carsten Sieling bei der Eröffnung der DGB-Veranstaltung zur "Woche in der Industrie" in der Landesvertretung Bremens in Berlin DGB/Simone M. Neumann

Mitbestimmung ist Standortvorteil für Deutschland

Das Thema Arbeitnehmer-Mitbestimmung habe der DGB ganz bewusst zum Thema der "Woche der Industrie" gemacht, sagte der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann zur Eröffnung der Veranstaltung auch, wenn das einigen Arbeitgebern nicht gefallen habe. "Wenn wir davon überzeugt sind, dass Mitbestimmung kein Standortnachteil, sondern ein Standortvorteil für Deutschland ist dann muss man das Thema auch in der Industriepolitik und der Strukturpolitik stark machen", so Hoffmann.

DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann, Woche der Industrie 2016

"Mitbestimmung in Industriepolitik und Strukturpolitik stark machen" - der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann auf der DGB-Veranstaltung im Rahmen der "Woche der Industrie" DGB/Simone M. Neumann

Demokratie in der Arbeitswelt: auch ein politisches Thema

Prof. Dr. Kerstin Jürgens, Co-Vorsitzende der Kommission "Arbeit der Zukunft" der Hans-Böckler-Stiftung, beleuchtete in ihrem Input zur Veranstaltung unter anderem den Zusammenhang von Mitbestimmung, Demokratie und Arbeitswelt: "Wer Gute Arbeit hat", so Jürgens, "dürfte weniger anfällig für einfache Lösungen rechter Stimmenfänger sein." Die aktuellen politischen Entwicklungen zeigten, dass "die Menschen ein gewisses Maß an Stabilität und auch ein gewisses Maß an Sicherheit" bräuchten. Deshalb sei es wichtig zu fragen, was die Mitbestimmung in der Arbeitswelt dazu beitragen könne.

Prof. Dr. Kerstin Jürgens, Co-Vorsitztende der Kommission "Arbeit der Zukunft" der Hans-Böckler-Stiftung

Prof. Dr. Kerstin Jürgens, Co-Vorsitztende der Kommission "Arbeit der Zukunft" der Hans-Böckler-Stiftung DGB/Simone M. Neumann

Global Player wie Google regulieren

Die "wohl schwierigste, aber auch wichtigste Aufgabe", so Jürgens, werde darin bestehen, Wettbewerb und Markt aus Arbeitnehmersicht "abzusichern". Man müsse die Frage klären, wie man die aufstrebende Plattform-Ökonomie und Global Player der Digitalisierung "eingrenzen kann". Auch Industrie-Unternehmen müssten in Zukunft ein Eigeninteresse an der Regulierung weltweit marktbeherrschender Unternehmensgiganten wie Google haben, um mit eigenen innovativen Ideen im Wettbewerb bestehen zu können.

Mobiles Arbeiten in Industrieunternehmen mit Mitbestimmung positiv gestalten

Ein Beispiel guter Mitbestimmungs-Praxis in der Industrie präsentierte Dr. Peter Cammerer, Betriebsrat am Standort München der BMW AG. Bei BMW hatte der Betriebsrat in einem Industrieunternehmen eine wegweisende Betriebsvereinbarung zu mobilem Arbeiten durchgesetzt – inklusive eines Rechts auf Nichterreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeiten.

Dr. Peter Cammerer

Dr. Peter Cammerer, Betriebsrat bei BMW, stellt die Betriebsvereinbarung zu mobilem Arbeiten vor DGB/Simone M. Neumann

Große Herausforderung: Beschäftigten-Datenschutz entlang der Produktionskette

Welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Mitbestimmung und etwa den Beschäftigtendatenschutz in Industrieunternehmen haben kann, schilderte in der abschließenden Diskussionsrunde Hans Georg Diekmann, Gesamtbetriebsratsvorsitzender beim Glas-Verpackungshersteller Ardagh Glass: Nicht nur innerhalb eines Unternehmens, auch entlang einer international vernetzten Wertschöpfungskette spiele das eine Rolle. Wenn etwa ein Zulieferer Produktionsdaten an den Auftraggeber weitergebe, könne der Auftraggeber einsehen, ob Schicht A oder Schicht B weniger Produktionsfehler mache. Wenn dann der Auftraggeber fordere, nur noch mit Produkten von der "fehlerfreieren" Schicht A beliefert zu werden, könne das massive Folgen für die Beschäftigten der anderen Produktionsschicht haben. Solche Themen müsse Mitbestimmung in Industrieunternehmen angehen.

Zweigeteilter Arbeitsmarkt: Gute und schlechte Unternehmenspraxis in Deutschland

Beim Thema Digitalisierung und Mitbestimmung beobachte sie bei vielen Unternehmen inzwischen eine "positive Lernkurve", sagte Yasmin Fahimi, Staatsekretärin im Bundesarbeitsministerium. Den Unternehmen werde bewusst, "dass es viele Themen gibt, denen sie sich jetzt stellen müssen". Wer im Wettbewerb um Fachkräfte stehe, berücksichtige zunehmend auch Arbeitnehmerinteressen, wenn es um flexible Arbeitszeitgestaltung gehe. Sie beobachte allerdings mit Sorge, dass der deutsche Arbeitsmarkt auseinanderzudriften drohe: In einen Teil mit mitbestimmten und tarifgebundenen Unternehmen, in denen Lösungen für die Herausforderungen der Digitalisierung gefunden würden. Und in einen anderen Teil mit Betrieben ohne Betriebsrat und Tarifverträge, in dem sich Deutschland im europäischen Vergleich teilweise zum "Niedriglohnland" entwickelt habe.

"Wir brauchen Mitbestimmung 4.0"

Zum Abschluss der Veranstaltung forderte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell, die Möglichkeiten der Arbeitnehmer-Mitbestimmung an die Herausforderungen der digitalisierten Wirtschaft und Arbeitswelt anzupassen: "Wir brauchen eine Mitbestimmung 4.0 für die Arbeitswelt und die Industriepolitik der Zukunft", so Körzell.

Körzell machte außerdem deutlich: Viele Herausforderungen der Digitalisierung lassen sich nur lösen, wenn Arbeitnehmer auf Augenhöhe mit den Arbeitgebern agieren könnten. Dazu brauche es mehr denn je eine starke Mitbestimmung.


Nach oben

Weitere Themen

Co­ro­na-Kin­der­kran­ken­geld: Wer es be­komm­t, wie es be­an­tragt wird
Vater mit zwei kleinen Kindern, staubsaugen gemeinsam den Küchenboden
Colourbox.de
Eltern, die wegen Kita-Schließungen oder Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie ihre Kinder betreuen müssen, können dafür jetzt Kinderkrankengeld beziehen. Pro Elternteil gibt es 20 Tage für jedes Kind im Jahr 2021, für Alleinerziehende 40. Wir erklären, wer das "Corona-Kinderkrankengeld" bekommt und wie es beantragt wird.
weiterlesen …

Co­ro­na als Be­rufs­krank­heit? Bei der Ar­beit an CO­VI­D-19 er­krankt
Drei Bauarbeiter*innen / Handwerker*innen mit Schutzhelm und Mund-Nasen-Schutz; blicken mit verschränkten Armen nach links
DGB/123rf.com/visoot
Wer auf der Arbeit an Corona erkrankt, sollte dies als Berufserkrankung, bzw. als Arbeitsunfall bei der Unfallversicherung melden. Infos zu Anerkennung und Co.
weiterlesen …

Min­dest­lohn 2021/2022: Was än­dert sich?
Münze mit Prägung des Schriftzugs Mindestlohn
DGB/Bartolomiej Pietrzyk/123RF.com
Wie hoch ist der Mindestlohn im Jahr 2021? Wie hoch ist der Mindestlohn 2022? Wann wird er erhöht? Und welche Ausnahmen gelten beim Mindestlohn in 2021 und 2022? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
weiterlesen …

Grund­ren­te: Die­se Ver­bes­se­run­gen kom­men 2021
Ein älteres Paar mit Fahrrädern im Park
DGB/Wavebreak Media Ltd/123rf.com
Das Grundrentengesetz ist beschlossen und gilt seit 1. Januar 2021, Wie viel Grundrente gibt es? Wer bekommt die Grundrente? Und ab wann gibt es die Grundrente? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
weiterlesen …

Was än­dert sich 2021?
Das neue Jahr 2021 startet
DGB/Canva.com/Thomas Watson jr
2021 gibt es viele Änderungen, die ArbeitnehmerInnen, Versicherte und LeistungsempfängerInnen betreffen und mehr Geld im Portemonnaie bedeuten: der gesetzliche Mindestlohn steigt, ebenso beispielsweise die Regelsätze bei ALG II und das Kindergeld. Der Soli fällt für viele weg. Ein Überblick über die zahlreichen Neuerungen von A bis Z und was Sie jetzt wissen und beachten sollten.
weiterlesen …

Brück­en­ta­ge 2021: Nur ein ein­zi­ger bun­des­wei­ter Brück­en­tag
Sonnenbrille mit Buch
colourbox.der
Wenn gesetzliche Feiertage auf einen Dienstag oder einen Donnerstag fallen, können Beschäftigte sich mit nur einem Urlaubstag am Montag oder Freitag vier Tage Freizeit am Stück sichern: die so genannten Brückentage. Das Jahr 2021 ist in dieser Hinsicht nicht besonders "arbeitnehmerfreundlich": In diesem Jahr gibt es nur einen einzigen bundesweiten Brückentag. Einen weiteren Brückentag können Beschäftigte nur in einigen Bundesländern nehmen.
weiterlesen …

Co­ro­na: Al­les, was Be­schäf­tig­te jetzt wis­sen müs­sen
Mikroskopaufnahme Corona-Viren
DGB/Kateryna Kon/123rf.com
Die Corona-Pandemie hält an. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stellen sich immer wieder neue Fragen. Wir haben die wichtigsten Antworten.
weiterlesen …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …

Newslet­ter
Anzeige eines Newsletteranzeige in Outlook
DGB
Bestellen Sie die Newsletter des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten