Deutscher Gewerkschaftsbund

21.09.2017
Europa

Europa: Ost-West-Lohnunterschiede größer als bisher angenommen

Studie: Die tatsächlichen Lohnunterschied zwischen Ost- und Westeuropa

Beschäftigte in Osteuropa verdienen deutlich weniger als in westeuropäischen Ländern. Das ist bekannt. Dafür seien auch die Lebenshaltungskosten in Osteuropa niedriger, lautet die übliche Begründung. Doch stimmt das?

Ausschnitt einer Europakarte mit Ländergrenzen (westeuropäische EU-Staaten grün eingefärbt, osteuropäische rot eingefärbt)

Colourbox.de

Ausschnitt aus einer Deutschlandkarte

Böckler impuls

Und wie sieht's zwischen Ost- und Westdeutschland aus?

Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (2. Quartal 2017) beträgt der durchschnittliche Brutto-Stundenlohn im Westen (inkl. Berlin) 22,88 Euro, im Osten hingegen nur 17,69 Euro.

Es gibt aber eine Ausnahme:

Bei Tariflöhnen (also Löhnen, die von Gewerkschaften ausgehandelt wurden) ist die Ost-West-Lohnlücke praktisch verschwunden. Mehr Infos dazu hier.

Dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den osteuropäischen EU-Staaten weniger verdienen als ihre Kolleginnen und Kollegen in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern - das ist nicht neu.

Dafür kann man sich für einen Euro in den osteuropäischen Staaten aber auch mehr leisten, weil die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger sind - so die landläufige Meinung.

Lohnunterschied auch noch groß, wenn Lebenshaltungskosten eingerechnet werden

Doch das stimmt so nicht. Eine Studie des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (European Trade Union Institute/ETUI) zeigt, dass die Lohnunterschiede selbst dann noch deutlich sind, wenn man die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten einrechnet ("Kaufkraftparität").

Bis zu 944 Euro weniger als in Deutschland verdienen Arbeitnehmer in osteuropäischen Ländern pro Monat - unterschiedliche Lebenshaltungskosten bereits mitgerechnet:

Durchschnittlicher Lohnunterschied zu Deutschland

(Kaufkraftparität eingerechnet; netto pro Monat)

 

Rumänien -944,46 Euro
Ungarn -840,91 Euro
Bulgarien -826,58 Euro
Lettland -819,86 Euro
Kroatien -658,52 Euro
Polen -639,04 Euro
Slowakei -574,44 Euro
Estland -466,81 Euro
Tschechien -428,19 Euro
Slowenien -377,42 Euro
Litauen -313,67 Euro
Auch ein anderes Argument zieht nicht

Eine andere häufige Begründung für die großen Lohnunterschiede zwischen Ost- und Westeuropa lautet, dass osteuropäische Arbeitnehmer nicht das gleiche Ausbildungsniveau wie ihre westeuropäischen Kollegen hätten.

Doch auch diese Begründung ist laut der ETUI-Studie falsch. Es ist sogar das Gegenteil der Fall: Rechnet man die entsprechenden Unterschiede heraus und vergleicht in etwa gleich alte und gleich ausgebildete Beschäftigte ("Workforce composition", deutsch: "Zusammensetzung der Belegschaft"), wird der Lohnunterschied im Vergleich zu Westeuropa nicht kleiner, sondern sogar größer:

 

Durchschnittlicher Lohnunterschied zu Deutschland

(Kaufkraftparität eingerechnet; netto pro Monat)

 

    zusätzlich eingerechnet: "Workforce composition"
Rumänien -944,46 Euro -1.058,26 Euro
Ungarn -840,91 Euro -947,70 Euro
Bulgarien -826,58 Euro -955,17 Euro
Lettland -819,86 Euro -954,32 Euro
Kroatien -658,52 Euro -810,26 Euro
Polen -639,04 Euro -669,20 Euro
Slowakei -574,44 Euro -708,39 Euro
Estland -466,81 Euro -686,94 Euro
Tschechien -428,19 Euro -555,33 Euro
Slowenien -377,42 Euro -633,89 Euro
Litauen -313,67 Euro -469,01 Euro
Osteuropäische Arbeitnehmer werden "bestraft"

"Beim Lohn wird man dafür bestraft, in Osteuropa zu arbeiten", kritisiert Esther Lynch, Vorstandsmitglied des Europäischen Gewerkschaftsbunds (EGB). "Die Lohnlücke kann weder mit den Lebenshaltungskosten noch mit der unterschiedlichen Zusammensetzung der Belegschaften erklärt werden."

Die ETUI-Forscher fordern deshalb, dass die EU und die Mitgliedstaaten einen gesetzlichen Rahmen für Tarifverträge in Osteuropa schaffen, vor allem für Flächentarifverträge.


LINK

Pressemitteilung des EGB und Studie des ETUI (Englisch)


Nach oben

EGB-Kampagne #OurPayRise

Weitere Themen

Imp­fen und Tes­ten: Was Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer jetzt wis­sen müs­sen
Spritze undImpfstoff vor verschwommenen Hintergrund
DGB/Anawat Sudchanham/123rf.com
Kann mein Arbeitgeber verlangen, dass ich mich gegen Corona impfen lasse? Darf ich einen Termin während der Arbeitszeit wahrnehmen - und wer bezahlt dann mein Gehalt? Habe ich ein Recht auf regelmäßige Schnelltests am Arbeitsplatz? Unser Ratgeber beantwortet die wichtigsten Fragen rund um Impfungen und Tests für Beschäftigte und Betriebsräte.
weiterlesen …

Co­ro­na-Imp­fung und was Be­schäf­tig­te da­zu wis­sen müs­sen
Ärztin mit Spritze
DGB/Simone M. Neumann
In Deutschland wird gegen Corona geimpft. Wir beantworten, was Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer jetzt wissen müssen. Zum Beispiel, welche Berufsgruppen zuerst geimpft werden können.
weiterlesen …

Co­ro­na-Kin­der­kran­ken­geld: Wer es be­komm­t, wie es be­an­tragt wird
Vater mit zwei kleinen Kindern, staubsaugen gemeinsam den Küchenboden
Colourbox.de
Eltern, die wegen Kita-Schließungen oder Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie ihre Kinder betreuen müssen, können dafür jetzt Kinderkrankengeld beziehen. Pro Elternteil gibt es 30 Tage ab dem ersten Kind im Jahr 2021, für Alleinerziehende 60. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften haben seit Monaten mehr Unterstützung für Eltern in der Krise gefordert. Das zusätzliche Kinderkrankengeld für Eltern ist kurzfristig ein Schritt in die richtige Richtung, reicht jedoch nicht aus.
weiterlesen …

Co­ro­na als Be­rufs­krank­heit? Bei der Ar­beit an CO­VI­D-19 er­krankt
Drei Bauarbeiter*innen / Handwerker*innen mit Schutzhelm und Mund-Nasen-Schutz; blicken mit verschränkten Armen nach links
DGB/123rf.com/visoot
Wer auf der Arbeit an Corona erkrankt, sollte dies als Berufserkrankung, bzw. als Arbeitsunfall bei der Unfallversicherung melden. Infos zu Anerkennung und Co.
weiterlesen …

Min­dest­lohn 2021/2022: Was än­dert sich?
Münze mit Prägung des Schriftzugs Mindestlohn
DGB/Bartolomiej Pietrzyk/123RF.com
Wie hoch ist der Mindestlohn im Jahr 2021? Wie hoch ist der Mindestlohn 2022? Wann wird er erhöht? Und welche Ausnahmen gelten beim Mindestlohn in 2021 und 2022? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
weiterlesen …

Co­ro­na: Al­les, was Be­schäf­tig­te jetzt wis­sen müs­sen
Mikroskopaufnahme Corona-Viren
DGB/Kateryna Kon/123rf.com
Die Corona-Pandemie hält an. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stellen sich immer wieder neue Fragen. Wir haben die wichtigsten Antworten.
weiterlesen …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …