Deutscher Gewerkschaftsbund

11.10.2019
Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann im Interview mit Fritz Pleitgen

Arbeit und Ökologie sind kein Widerspruch

Der eine kam aus St. Petersburg, der andere war auf dem Weg nach Washington. Auf dem Flughafen in Frankfurt am Main nutzten Fritz Pleitgen, ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks und Chefredakteur des Bereichs „Politik und Zeitgeschehen“ und der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann die Gelegenheit für ein ausführliches Gespräch.

DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann in Gesprächssituation

DGB/Detlef Eden

Fritz Pleitgen: 70 Jahre Deutscher Gewerkschaftsbund: Sie werden verstehen, dass mir das nicht sehr imponiert. Ich bin 81. Nun bin ich bei passabler Gesundheit, aber das eine oder andere kriege ich auch nicht mehr so hin. Stellen Sie am Deutschen Gewerkschaftsbund fest, dass mit zunehmendem Alter auch Verschleißerscheinungen eingetreten sind?

Reiner Hoffmann: Überhaupt nicht. Der Deutsche Gewerkschaftsbund ist in einer absolut guten Verfassung, agil, handlungsstark und fühlt sich auch mit 70 Jahren ausgesprochen jung.

Wo stehen Deutschland und der DGB im Vergleich zu den anderen Gewerkschaften in aller Welt?

Eine der größten Errungenschaften Hans Böcklers war es, den DGB nach dem Prinzip der Einheitsgewerkschaft gegründet zu haben. Dieser Grundsatz ist die Grundlage dafür, dass Gewerkschaften heute geeint, jenseits von konfessionellen Ausrichtungen oder parteipolitischen Präferenzen, die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Gänze vertreten.

"Mit dem Prinzip Einheitsgewerkschaft minimieren wir die Konkurrenz der Beschäftigten untereinander." - DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann

In vielen europäischen Nachbarländern besteht noch eine sehr fragmentierte Gewerkschaftslandschaft mit mehreren Dachverbänden. Da ist das Zusammenfügen von mannigfaltigen Arbeitnehmerinteressen wesentlich schwieriger und immer von partikularen Interessen mitgeprägt, die das gewerkschaftliche Gesamtinteresse am Ende behindern. Mit dem Prinzip Einheitsgewerkschaft dagegen minimieren wir die Konkurrenz der Beschäftigten untereinander. Untrennbar verbunden mit dem Prinzip der Einheitsgewerkschaft ist der Grundsatz der Tarifeinheit, das heißt: eine Gewerkschaft, ein Betrieb und ein Tarifvertrag. Das erhöht unsere Schlagkraft – politisch und auch gegenüber den Arbeitgebern.

Trotzdem haben Sie einen massiven Mitgliederschwund seit der Wiedervereinigung. Woher rührt das?

Das Interview zwischen Fritz Pleitgen und Reiner Hoffmann ist erschienen in:

"WEGMARKEN - Eine Zeitung von TIMES MEDIA zum 70. Geburtstag des DGB am 13. Oktober 2019"

Download am Ende des Interview

Titelblatt einer Zeitung ("Wegmarken")

Times Media

Einigungsbedingt hatten die Mitgliedsorganisationen des DGB erhebliche Mitgliederzuwächse aus den ehemaligen FDGB-Gewerkschaften, das ging quasi über Nacht von acht auf knapp zwölf Millionen Mitglieder hoch. Doch dann sind aufgrund der massiven Strukturbrüche und des enormen Anstiegs von Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern viele Beschäftigte aus den Gewerkschaften ausgetreten.

Inzwischen holen die neuen Bundesländer auf, die Arbeitslosigkeit konnte ein bisschen abgebaut werden. Spüren Sie das auch an einem eventuellen Zufluss für die Gewerkschaften?

Überall dort, wo es uns gelungen ist, industrielle Kerne zu sichern, haben wir eine deutlich höhere Zustimmung bei den Beschäftigten. Da, wo wir eine ganz schwache Wirtschaftsstruktur haben, eine sehr auseinanderdifferenzierte Struktur im Dienstleistungssektor mit viel mehr kleineren und mittleren Betrieben, da schlagen sich diese Strukturbrüche auch in der Mitgliedschaft nieder.

Wie viele Mitglieder haben Sie jetzt?

Wir haben jetzt knapp sechs Millionen Mitglieder.

Nun sind Sie ja kein Einzelschicksal. Andere etablierte Einrichtungen wie Kirchen und Parteien haben ja auch viele Mitglieder verloren.

Wir erleben das auch bei der Fragmentierung des Parteiensystems. Aber ich finde es nach wie vor beachtlich, dass die Mitgliedsgewerkschaften des DGB jährlich rund 300.000 neue Mitglieder gewinnen. Wir verlieren allerdings auch im nahezu gleichen Umfang Mitglieder. Das hat nicht zuletzt mit der demographischen Struktur zu tun. Die Frage der Mitgliedergewinnung bleibt eine der zentralen politischen Aufgaben für uns, wenn wir unsere Handlungsmacht erhalten und stärken wollen.

"Ich finde es nach wie vor beachtlich, dass die Mitgliedsgewerkschaften des DGB jährlich rund 300.000 neue Mitglieder gewinnen." - DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann

Erschwerend kommt dazu: Die Zahl der Schulabgänger, die eine duale betriebliche Ausbildung anfängt, hat in den vergangenen Jahrzehnten stetig abgenommen. Heutzutage entscheidet sich rund die Hälfte eines Altersjahrgangs für ein Studium. Doch an den Hochschulen haben wir keine Tarifverträge, keine Jugendvertretung, keine Betriebsräte. Dort Menschen zu organisieren, ist viel schwieriger. Trotzdem konnten wir auch da in den letzten Jahren Mitgliedergewinne verzeichnen.

Wir wissen ja seit Willy Brandt: Nichts ist von Dauer. Der DGB ist gestartet mit 16 Einzelgewerkschaften, jetzt sind es nur noch acht. Wie fangen Sie diese dramatischen Brüche auf, Globalisierung, Digitalisierung, die die Welt total verändern?

Diese Strukturveränderungen haben dazu beigetragen, dass die Mitgliedsgewerkschaften des DGB neue Wege gegangen sind. Das hat begonnen mit dem Zusammenschluss der Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden mit der Gewerkschaft Gartenbau, Landwirtschaft und Forsten zur IG BAU sowie der IG Chemie-Papier-Keramik mit der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie und der Gewerkschaft Leder zur IG BCE. Es war damals absehbar, dass die Steinkohleförderung endlich sein wird in Deutschland.

Und jetzt ist sie vorbei.

Dass wir uns in Deutschland von einer ganzen Branche verabschiedet haben, und zwar sozialverträglich, ist ein beachtlicher Erfolg. Auch bei der Gründung von ver.di vor 18 Jahren standen entscheidende Strukturveränderungen im Dienstleistungsbereich im Vordergrund: Die öffentlichen Dienste sind in erheblichem Umfang privatisiert worden und die Differenzierung zwischen privaten und öffentlichen Dienstleistungen war nicht mehr zielführend. Gut war aus der Perspektive der Einheitsgewerkschaft auch, dass es mit der Gründung von ver.di gelungen ist, die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG) in die Familie des DGB zu holen. Das alles waren wichtige Reaktionen auf den Strukturwandel.

Wenn vollkommen neue Branchenzusammensetzungen entstehen, müssen die Gewerkschaften eine Antwort darauf haben. Das gelingt, auch wenn es nicht einfach ist, unter dem Dach des DGB wesentlich besser, als wenn wir zwei oder gar drei konkurrierende Dachverbände hätten. Deshalb noch mal: Der Grundsatz der Einheitsgewerkschaft ist nach wie vor eine der zentralen Quellen für gewerkschaftlichen Erfolg. Ohne Einheitsgewerkschaft sähe unser Land sicher anders aus!

Wenn Sie jetzt auf diese 70 Jahre zurückblicken, da war ja der DGB immer ein sehr akzeptierter und respektierter Partner. Ist er das heute immer noch? Wird der DGB, werden die Gewerkschaften als ein befruchtendes Element in unserer gesellschaftlichen Entwicklung gesehen?

Wir haben in der Bevölkerung nach wie vor eine hohe Zustimmung. Gewerkschaften werden allgemein als wichtig anerkannt, weil sie die Arbeits- und Lebensbindungen von Menschen gestalten können.

Aber ich höre oft: „Ihr müsst mal machen.“ Dabei wird häufig vergessen, dass Gewerkschaften Mitgliederorganisationen sind und dementsprechend auch auf das Engagement von Mitgliedern angewiesen sind.

Erfreulich ist, dass die Akzeptanz auch im politischen Raum wieder gestiegen ist. Es gab Zeiten, da hat man die Gewerkschaften schon zu den Dinosauriern der Industriegesellschaft erklärt.

Wann war das?

Das war sehr ausgeprägt in den 80er-Jahren. Da gab es auch Parteien, die wollten von Tarifverträgen nichts mehr wissen, die hielten auch die Mitbestimmung für kontraproduktiv, weil sie die freie wirtschaftliche Tätigkeit nur unnötig begrenzen würde.

Gibt es diese Parteien immer noch?

Das hat sich ganz deutlich geändert. Der DGB wird heute als politischer Ansprechpartner von allen demokratischen Parteien akzeptiert.

"Der DGB wird heute als politischer Ansprechpartner von allen demokratischen Parteien akzeptiert." - DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann

Wir unterhalten traditionell enge Beziehungen mit der SPD, denn wir haben gemeinsame Wurzeln in der Arbeiterbewegung. Aber auch die Beziehungen zur Union sind seit vielen Jahren außerordentlich konstruktiv. Und bei Bündnis 90/Die Grünen steht nicht nur das Thema Ökologie im Fokus. Sie wissen, dass die ökologische Transformation nur gelingt, wenn wir auch die soziale Dimension stärken. Wir müssen den Menschen eine Perspektive auf zukünftige sichere Beschäftigung und Gute Arbeit geben.

Und auch bei der Linkspartei...

Die müsste doch traditionell auf Ihrer Seite sein.

Sie ist oft auf unserer Seite. Manchmal meinen sie sogar, sie wären die besseren Gewerkschafter. Ich sage ihnen dann immer: Ihr seid eine politische Partei, das gewerkschaftliche Geschäft machen wir schon. Es hat keinen Sinn, sich in den Forderungen im sozialistischen Wettbewerb zu überbieten, wenn man als Partei in autonomen Bereichen wie der Tarifpolitik keine Verantwortung hat. Das Spielfeld sollte man schon den Gewerkschaften und den Arbeitgebern überlassen.

Der Erfolg gibt uns doch Recht: Dort, wo wir tarifpolitische Gestaltungsmacht haben, sind die Löhne deutlich höher, die Arbeitszeiten kürzer, die Urlaubszeiten länger, die Arbeitsbedingungen besser. Mit der deutschen Einheit hat sich allerdings der Trend verstärkt, dass Arbeitgeber sich ihrer sozialen Verantwortung entziehen und sich verweigern, Mitglied im Arbeitgeberverband zu werden.

Spielt dabei die Globalisierung eine Rolle, dass man sich da an anderen Ländern, beispielsweise an den USA, ein Beispiel nimmt, wo die Gewerkschaften einen wesentlich schwierigeren Stand haben?

Die Gewerkschaften in den USA haben einen absolut schwierigen Stand und sind auch in vielen Bereichen nicht vergleichbar mit dem System der industriellen Beziehungen, das wir in Deutschland nach 1949 aufgebaut haben. Es ist geprägt durch Sozialpartnerschaft, die immer auch Konfliktpartnerschaft ist. Die Vereinigten Staaten kennen keine Mitbestimmung und die Gewerkschaften sind dort mit einer regelrecht gewerkschaftsfeindlichen Gesetzgebung konfrontiert.

Überträgt sich das durch US-Unternehmen auch auf Deutschland?

Wir erleben zum Teil tatsächlich eine Amerikanisierung der Beschäftigungsverhältnisse. Ein Beispiel dafür ist Amazon, die sich weigern, mit ver.di Tarifverträge abzuschließen, Betriebsratswahlen verhindert haben und Betriebsratsarbeit noch immer behindern.

Werden Sie dabei von den Parteien unterstützt, dass Sie das ändern können?

Wir diskutieren, wie wir die Tarifbindung wieder deutlich stärken können. Das ist natürlich einerseits die Aufgabe von Gewerkschaften und Arbeitgebern. Aber wenn Unternehmen sich systematisch ihrer Verantwortung entziehen, dann brauchen wir auch gesetzliche Leitplanken. Ich bin der Auffassung, dass Tarifverträge so etwas wie ein öffentliches Gut sind. Dieses öffentliche Gut trägt zum sozialen Frieden bei, stellt gleiche Wettbewerbsbedingungen für die Unternehmen her und entlastet den Staat von Verteilungskonflikten.

Deshalb halte ich es auch für falsch, dass bei der öffentlichen Auftragsvergabe Unternehmen den Zuschlag bekommen, die nicht tarifgebunden sind. Das führt dazu, dass die Menschen so wenig verdienen, dass sie am Ende des Monats aufstocken müssen – meiner Meinung nach sind das steuerlich finanzierte Dumpingstrategien. Damit muss Schluss sein. Deshalb: Tarifverträge sind ein öffentliches Gut, was es zu schützen und zu stabilisieren gilt. Öffentliche Aufträge müssen zukünftig – wie dies in einigen Bundesländern bereits der Fall ist – an Tariftreueklauseln gebunden werden.

Nun sind wir ja fest eingebunden in die Europäische Union. Wie ist da die Position der Gewerkschaft? Sind Sie zufrieden mit dem Einfluss, den die Gewerkschaften für die Europäische Union haben?

Die europäische Integration ist von den Gewerkschaften des DGB von Anfang an massiv unterstützt worden. Wir haben gerade in den 80er-Jahren, insbesondere als Jacques Delors Präsident der Europäischen Kommission war, erhebliche Fortschritte gemacht. Für Delors war damals klar, dass ein europäischer Binnenmarkt nicht funktionieren wird, wenn wir nicht auch die soziale Dimension der europäischen Integration stärken.

Einige Innovationen sind durchaus von den Gewerkschaften durchgesetzt worden, beispielsweise dass wir bei international agierenden Unternehmen einen verbindlichen rechtlichen Rahmen haben, um europäische Betriebsräte zu gründen. Dadurch können Unternehmen oder Beschäftigte nicht mehr so leicht grenzüberschreitend gegeneinander ausgespielt werden.

Aber es gibt ja doch noch viele Länder, die sich hinsichtlich der gewerkschaftlichen Beteiligung von uns erheblich unterscheiden.

Das hat vor allem mit den Arbeitgeberstrategien zu tun, die Beteiligung und Partizipation nach wie vor ablehnen. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Regierungen in einigen Mitgliedstaaten kein Interesse daran haben, Arbeitnehmerrechte zu stärken.

Haben Sie die Sorge, dass diese Mitgliedstaaten den gewerkschaftlichen Standard hier auch in Deutschland runterziehen könnten?

Das war immer eine Befürchtung. Und das Risiko ist durchaus real, denn wir leben in Deutschland nicht auf einer Insel. Ich glaube, es wäre naiv zu glauben, dass es in Deutschland auf Dauer stabil bleiben kann, wenn die sozialen Beziehungen um uns herum in Europa erodieren. Deshalb hat der DGB eine besondere Verantwortung auch im Europäischen Gewerkschaftsbund für die Angleichung der Arbeits- und Lebensbedingungen und die Stärkung der sozialen Beziehungen. 

Da ist auch einiges gelungen. Doch spätestens zu Beginn des neuen Jahrtausends hat sich ein neoliberaler Mainstream in der Politik der Europäischen Kommission breitgemacht, der das Gegenteil bewirkte: Wir haben heute wieder wesentlich größere Disparitäten in Europa, sowohl zwischen als auch in den Mitgliedsländern. Auch das ist eine Ursache dafür, dass das Wohlfahrtsversprechen der EU für viele Menschen nicht mehr glaubwürdig ist und es einen Vertrauensverlust in das Projekt Europa gegeben hat. Immerhin ist erfreulich, dass wir bei den letzten Wahlen zum Europäischen Parlament wieder eine höhere Wahlbeteiligung hatten.

Aber lag das nicht daran, dass in allen Mitgliedstaaten plötzlich rechtspopulistische Parteien erfolgreich mobilisieren?

Für viele Menschen ist deutlich geworden: Europa ist zu wichtig, als dass es scheitern darf. Kein Mitgliedstaat kann die Herausforderungen, die mit Globalisierung, Klimawandel und Digitalisierung einhergehen, allein stemmen, sondern wir brauchen eine starke soziale EU. Leider ist es trotz der erhöhten Wahlbeteiligung nicht gelungen, die Gegner der europäischen Integration und auch die Feinde der Demokratie in ihre Grenzen zu verweisen.

Nun haben wir ja auch eine rechtspopulistische Partei, die AfD. Wie wirkt die in die Gewerkschaft hinein?

Das Erstarken des Rechtsnationalismus und Rechtspopulismus ist eine große Herausforderung, auch für die Gewerkschaften.

Geht die AfD strategisch vor, um beispielsweise in die Betriebsräte rein zu gelangen?

Bei den Betriebsratswahlen im vergangenen Jahr hat die AfD überhaupt keine Rolle gespielt. In tarifgebundenen Betrieben mit Betriebs- und Personalräten ist die Zustimmung zur AfD deutlich geringer.

Auch diese Menschen erleben zwar Wandel und Veränderungen, sie verfügen aber über soziale Haltepunkte. Sie wissen: Mit Gewerkschaften, mit Tarifverträgen, mit Mitbestimmung werden wir diesen Prozess der Veränderung gestalten und soziale Sicherheit durchsetzen. Wo das nicht gegeben ist, ist die Anfälligkeit für Rechtspopulismus deutlich größer.

Sie haben vorhin die Grünen erwähnt. Kollidieren deren Ziele bei der Klimapolitik nicht mit den gewerkschaftlichen Zielen der Arbeitsplatzsicherung? Beispiel Kohle. Wie gehen Sie damit um?

Bündnis 90/Die Grünen ist eine lernende Partei, die gezeigt hat, dass auch für sie die soziale Sicherheit bei der ökologischen Transformation zentral ist.

In der sogenannten Strukturwandelkommission, wo wir Perspektiven für den Umbau unserer Wirtschaft und für die Braunkohle verankert haben, sagen die Grünen heute: Das ist ein gesellschaftlicher Kompromiss, der muss eins zu eins umgesetzt werden. Die Grünen unterstützen uns beim Ansinnen, die Tarifbindung in Deutschland wieder deutlich zu stärken. Auch wenn das nicht ihr Kernthema ist, so wissen sie doch, dass wir starke Gewerkschaften und starke Sozialpartner brauchen, um den Zusammenhalt auf dem Weg in eine CO2-freie Wirtschaft gewährleisten zu können.

Der DGB hatte ja von Anfang an eine starke Position, an der selbst ein sehr autoritärer Typ wie Konrad Adenauer nicht vorbeikam. 1951 ist es dem DGB gelungen, die Montanmitbestimmung durchzusetzen, das war ja wirklich ein Meilenstein. Sie sind seit 2014 Vorsitzender des DGB. Was waren die Herausforderungen in Ihrer Amtszeit und was waren die Erfolge?

Eine der größten Herausforderungen ist die Gestaltung der Arbeit der Zukunft. Wir haben vor drei Jahren mit der Hans-Böckler-Stiftung eine Kommission „Arbeit der Zukunft“ mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft eingerichtet.  Ein zentrales Ergebnis war, dass sich die Arbeitswelt, getrieben durch Digitalisierung und Globalisierung, zwar rasant verändert, dass uns die Erwerbsarbeit aber nicht ausgehen wird und auch zukünftig zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Wir müssen die Chancen, die im Wandel der Arbeitswelt liegen, für die Beschäftigten nutzen: stabile Beschäftigungsverhältnisse schaffen und eine moderne Arbeitswelt gestalten, die nicht krank macht, damit Menschen gesund in die Rente kommen. Die Gewerkschaften in Deutschland sind Treiber von Innovationen und guter Arbeit.

Auf der anderen Seite dürfen wir die Risiken nicht ignorieren. Wir haben einen zentralen Beitrag dazu geleistet, dass die Systeme der sozialen Sicherung stabilisiert werden, dass es zu keiner Delegitimierung unserer Rentenversicherung kommt. Wenn das Rentenniveau immer weiter sinkt, aber die Beiträge auf der anderen Seite steigen, dann werden die Menschen fragen: Sind das noch Systeme, die mir auch im Alter ein Leben in Würde sicherstellen?

Da war es schon wichtig, dass der DGB als Einheitsgewerkschaft mit allen acht Gewerkschaften in seiner Rentenkampagne klargemacht hat: Wir brauchen eine Stabilisierung des Rentenniveaus. Die haben wir mit der großen Koalition erreicht. Wir sagen aber auch: Wir müssen das Rentenniveau perspektivisch auf etwa 50 Prozent anheben, damit es keine Altersarmut gibt.

Jetzt ist es bei 48.

Jetzt sind wir bei 48. Hätten wir diese Sicherheit nicht eingebaut, dann wäre das Rentenniveau in den kommenden Jahren auf 46, 44 und in den Folgejahren auf 42 Prozent gesunken.

Wir haben es auch geschafft, die Parität in der gesetzlichen Krankenversicherung wiederherzustellen. Auch unser zehnjähriger Kampf für einen gesetzlichen Mindestlohn war erfolgreich, wenngleich er noch nicht existenzsichernd ist.

Der Mindestlohn bleibt aber nur die zweitbeste Lösung. Mir wäre es lieber, wenn wir die Tarifbindung wieder deutlich steigern könnten und der Mindestlohn sich damit erübrigen würde. Unser Ziel muss doch sein, dass Menschen für ihre Arbeit auch ordentlich und fair entlohnt werden.

Immer mehr Menschen arbeiten im Home Office. Wie erreichen Sie die, wie können Sie die schützen?

Der Strukturwandel ist in Deutschland nicht so weit gegangen wie in vielen anderen Nachbarländern.

Das kann ja noch kommen.

Da bin ich relativ zuversichtlich. Im Mutterland der Industrialisierung, in Großbritannien, liegt die industrielle Wertschöpfung nur noch bei gut 14 Prozent. In Deutschland sind wir bei 24 Prozent. Es bleibt wichtig, dass wir den Industrie- und Dienstleistungsstandort stabilisieren und Zukunftsgestaltung machen, denn aus der industriellen Produktion und den damit verbundenen Wertschöpfungsketten generieren wir gute Arbeit.

"Das Risiko ist, dass hier ein digitales Proletariat im globalen, digitalen Kapitalismus entsteht. Dies gilt es zu verhindern." - DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann

Klar ist aber auch: der Strukturwandel stellt uns vor neuen Herausforderungen. Mit der Plattformökonomie sind in den letzten Jahren Geschäftsmodelle entstanden, bei denen Menschen ihre Arbeit über Plattformen anbieten, auf denen ihnen der Arbeitnehmerstatus verweigert wird und die Plattformen ihre Arbeitgeberrolle nicht anerkennen. Diese Menschen gelten heute als (Solo)Selbstständige, sie müssen für ihre soziale Sicherheit selber sorgen, bekommen keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und keine Tariflöhne. Noch ist die Zahl der Betroffenen begrenzt, sie wächst aber ständig. Das Risiko ist, dass hier ein digitales Proletariat im globalen, digitalen Kapitalismus entsteht. Dies gilt es zu verhindern. Wir brauchen dringend einen erweiterten Arbeitnehmerbegriff und die Plattformanbieter müssen ihre Rolle und Verantwortung als Arbeitgeber anerkennen. Und wir brauchen ein entsprechend erweitertes Arbeits- und Sozialrecht. Mit nationalen Regeln alleine werden wir nicht weit kommen. Hier ist die Europäische Union gefragt und eine Stärkung der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) dringend notwendig.

Sie würden also die Frage bejahen, ob wir in der Zukunft noch Gewerkschaften brauchen?

Gewerkschaften sind im 21. Jahrhundert genauso wichtig wie in ihrer Gründungsphase vor mehr als 150 Jahren. Es geht weiter darum, gute Arbeit und soziale Gerechtigkeit in Deutschland und Europa sicherzustellen.

Wodurch könnte das bedroht werden?

Eine ungesteuerte Globalisierung kann doch zu ganz erheblichen Verwerfungen führen. Deshalb brauchen wir Regeln für eine faire Globalisierung. Allein, im nationalen Rahmen werden wir das nicht mehr schaffen.

Wir brauchen neue Spielregeln für die digitale Wirtschaft. Wir brauchen neue Formen der Beteiligung und einen Ausbau der Mitbestimmung. Wir brauchen eine gesellschaftliche Kraftanstrengung, um die klimapolitischen Ziele zu realisieren, denn Gewerkschaften und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben ein zwingendes Interesse an einer gesunden Umwelt. Arbeit und Ökologie sind kein Widerspruch. Es gibt Zielkonflikte, und die müssen wir durcharbeiten, damit wir auch zukünftig in einer gesunden Welt leben können.

Titelblatt einer Zeitung ("Wegmarken")

Times Media

WEGMARKEN

Eine Zeitung von TIMES MEDIA zum 70. Geburtstag des DGB am 13. Oktober 2019

Mit einem Gespräch zwischen Fritz Pleitgen und DGB-Chef Reiner Hoffmann sowie Beiträgen von Alexander Hagelüken, Ulrike Herrmann, Lisa Herzog, Hans-Jürgen Jakobs, Annette Jensen, Guillaume Paoli, Norbert F. Pötzl und Maike Rademaker.

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Download mit freundlicher Genehmigung von Detlef Prinz (Verleger Times Media, Berlin)


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