Deutscher Gewerkschaftsbund

09.10.2019
klartext 34/2019

Schwindende Tarifbindung kostet Milliarden!

Für immer weniger Beschäftigte und Betriebe in Deutschland gilt ein Tarifvertrag. Das wirkt sich nicht nur negativ auf die Einkommen der Beschäftigten, sondern auch auf die Allgemeinheit aus. Bund, Ländern und Kommunen entgehen dadurch jährlich Milliarden. Der DGB-klartext fordert deshalb eine stärkere Tarifbindung, von der alle profitieren.

Tendenz: roter Pfeil auf Münzen platziert zeigt nach unten

DGB/lightfieldstudios/123RF.com

Immer weniger Tarifverträge

Für immer weniger Beschäftigte und Betriebe in Deutschland gilt ein Tarifvertrag. Im Jahr 2018 waren nur noch 56 Prozent der Beschäftigten im Westen und 45 Prozent im Osten tarifgebunden. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Arbeitnehmer*innen selbst, sondern auch auf die Allgemeinheit. Wie neue DGB-Berechnungen zeigen, entgehen Bund, Ländern und Kommunen durch Tarifflucht und Lohndumping jährlich Milliarden.

Nichttarifbeschäftigte verdienen weniger

Dass Tarifbeschäftigte mehr verdienen als Nichttarifbeschäftigte, ist ein Fakt. Daher ist es nur logisch, dass die schwindende Tarifbindung nicht nur weniger Netto bei den Beschäftigten bedeutet, sondern sich auch durch weniger Einzahlungen in die Sozialversicherungen (Arbeitslosen-, Renten-, Pflege- und Krankenversicherung) und weniger Steuereinnahmen (Einkommensteuer) bemerkbar macht.

Die schwindende Tarifbindung kostet Milliarden!

Der DGB hat nun berechnet, wie hoch diese „Kosten“ sind. Bei einer flächendeckenden Tarifbindung hätten die Sozialversicherungen deutschlandweit jährliche Mehreinnahmen von knapp 25 Milliarden Euro, die Einnahmen aus der Einkommensteuer lägen knapp 15 Milliarden Euro höher, die Kaufkraft der Beschäftigten wäre gut 35 Milliarden Euro stärker. Auch heruntergerechnet auf die einzelnen Bundesländer ergeben sich daraus beachtliche Summen. Bei den Berechnungen werden zudem Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland erneut deutlich (siehe Abbildung).

Grafik: Auswirkungen der Tarifflucht in Milliarden Euro pro Jahr. Unterteilt in Gesamtdeutschland, Ost- und Westdeutschland

Quelle: DGB

Bessere Arbeitsbedingungen mit Tarifverträgen

Neben staatlichen Mehreinnahmen und Kaufkraftsteigerungen für Beschäftigte, bedeuten Tarifverträge immer auch bessere Standards bei Arbeitszeitregelungen, betrieblicher Altersvorsorge, Beschäftigungssicherung, Aus- und Weiterbildung. Beschäftigte mit Tarifvertrag haben mehr Urlaubstage, kürzere Arbeitszeiten und erhalten in der Regel Sonderzahlungen, wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Darüber hinaus tragen Tarifverträge zu mehr Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern bei. Und auch Arbeitgeber profitieren von Tarifverträgen. Nicht nur, weil sie ein gutes Betriebsklima und motivierte Beschäftigte schaffen, sondern auch weil sie allen Unternehmen gleiche Wettbewerbsbedingungen garantieren, vor allem in Form von Flächentarifverträgen.

Der DGB fordert Stärkere Tarifbindung

Um den schlechten Entwicklungen bei der Tarifbindung entschlossen entgegenzuwirken, muss nun auch die Politik aktiv werden! Der DGB fordert deshalb eine Stärkung der Tarifbindung, unter anderem durch eine Reform der Allgemeinverbindlicherklärung (AVE) von Tarifverträgen und die Einführung von umfassenden Regelungen zu Tariftreue bei öffentlichen Aufträgen und bei Fördergeldern. Sowohl die geltende nationale und europäische Rechtslage als auch die neue revidierte EU-Entsenderichtlinie eröffnen verschiedene Spielräume für die Anwendung von Tarifverträgen bei der Vergabe öffentlicher Aufträge.

Darüber hinaus schwächt Tarifflucht das Tarifsystem, wenn Arbeitgeber zwar im Arbeitgeberverband Mitglied bleiben, aber nicht mehr tarifgebunden sind (OT-Mitgliedschaft), um Kostenvorteile zu erlangen. Hier sind Regelungen zur Einschränkung der Zulässigkeit von OT-Mitgliedschaften erforderlich.

Es ist Zeit für mehr Tarifbindung. Davon profitieren alle!


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