Deutscher Gewerkschaftsbund

13.01.2021

Posttraumatische Belastungsstörungen – eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung

Der DGB befasst sich schon seit geraumer Zeit mit den Problemen der posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), die in vielen Berufsfeldern vorkommen. PTBS müssen, wie andere psychische Erkrankungen, aus dem gesellschaftlichen Schatten ans Licht geholt werden. Die Betroffenen, zumeist Soldatinnen und Soldaten, Polizistinnen und Polizisten, Feuerwehrleute, Lokführerinnen und Lokführer, S-Bahn- oder Tram-Fahrerinnen und -Fahrer sowie ihre Angehörigen, brauchen professionelle Hilfe, gute Versorgungsstrukturen sowie gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung. Ihre Teilhabe an Arbeit und Gesellschaft zu sichern, muss selbstverständlich werden. Lesen Sie dazu den informativen Beitrag des PTBS Beauftragten der Bundeswehr, Herrn Generalarzt Dr.med. Ralf Hoffmann.

Gruppe von Menschen sitzt um einen Mann mit Händen ums Gesicht geschlagen

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Psychische Erkrankungen sind in der bundesdeutschen Gesellschaft, aber auch in ganz Europa, ein häufiges Phänomen. 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung leiden unter einer aktuellen krankheitswertigen psychischen Symptomatik. Neben den vielfältigen psychosozialen Auswirkungen, unter anderem ist die Psyche inzwischen der häufigste Grund für eine vorzeitige Verrentung, zieht das damit verbundene Leid breite Kreise und betrifft auch Angehörige, den Freundeskreis und nicht zuletzt auch Arbeitskolleginnen und -kollegen.

Psychische Erkrankungen haben vielfältige Ursachen: dazu gehören Konflikte aus Kindheit und Jugend, aber auch akute Belastungen, z. B. im Rahmen der beruflichen Tätigkeit. Eine besonders extreme Form derartiger Belastungen sind Traumatisierungen. Darunter versteht man Ereignisse, die einen katastrophalen, lebensbedrohlichen Charakter haben und den alltäglichen Erlebnisrahmen sprengen. Dadurch können Sie quasi jeden treffen, auch aus völliger psychischer Gesundheit heraus.

Über 80 Prozent der Bevölkerung erleben im Laufe ihres Lebens ein solches Trauma, jedoch kommt es nicht in allen Fällen zu einer Erkrankung. Eine gut ausgeprägte persönliche Widerstandsfähigkeit (Resilienz) kann beispielsweise maßgeblich dazu beitragen, trotz solcher Stressoren psychisch gesund zu bleiben. Gute soziale Unterstützung ist dabei einer der wichtigsten Resilienzfaktoren.

Wenn es zu einer Erkrankung kommt, dann gibt es vielfältige Varianten. Besonders häufig sind nach Traumatisierungen Angststörungen, Depressionen, psychosomatische Störungen und Sucht zu beobachten. Sie ist jedoch nicht die einzige mögliche Krankheitsform.

Häufig diskutiert wird auch die "Posttraumatische Belastungsstörung" (PTBS). Sie findet sich bei ein bis drei Prozent der Bevölkerung. In einer Studie der Bundeswehr waren nach einem Auslandseinsatz in Afghanistan z. B. 2,9 Prozent der Soldatinnen und Soldaten betroffen, bei anderen Einsatzkräften sind es 5 bis 30 Prozent. Typisch für die PTBS sind Erinnerungen an das Geschehen, die sich unkontrolliert aufdrängen, z. B. auch in Albträumen. Auslöser für derartige, häufig sehr unangenehm erlebte Veränderungen sind symbolhafte Eindrücke wie Gerüche, Geräusche etc. (sog. "Trigger"), die dazu führen, dass es zu einem quasi filmartigen, erneuten Wiedererleben der Traumatisierung kommt. Das wiederum führt zu einem Vermeidungsverhalten, das das tägliche Leben stark einschränkt. Diese Einschränkungen werden noch verstärkt durch eine stetige innere Anspannung, die mit Nervosität, Reizbarkeit und hartnäckigen Schlafstörungen einhergeht. Vielfach treten die Symptome bereits unmittelbar nach dem Geschehen in Erscheinung, gelegentlich treten sie aber auch erst mit monate- oder jahrelanger Latenz auf.

Traumafolgestörungen sind psychotherapeutisch gut behandelbar, entscheidend ist allerdings ein möglichst früher Behandlungsbeginn. Einen ersten Einblick in die Therapiemöglichkeiten geben Online-Angebote wie die App "Coach PTBS" der Bundeswehr oder die Website www.PTBS-hilfe.de.

Posttraumatische Belastungsstörungen werden besonders dadurch zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, dass sie Menschen betreffen, die in Ausübung ihres Berufes, häufig selbstlos für das Wohl der Gemeinschaft, von schwerem psychischem Leid betroffen werden. Die Verläufe sind nicht selten langwierig und beziehen auch das nähere und weitere Umfeld intensiv mit ein. Gesellschaft kann aber auch heilsam wirken, indem sie ein Klima der Akzeptanz und Unterstützung schafft und damit zur Voraussetzung wird, dass die Betroffenen die vielfältig vorhandenen Hilfsmöglichkeiten auch für sich nutzen können.

In der Bundeswehr steht so neben einer raschen, möglichst optimalen medizinischen Behandlung das Ziel der Rehabilitation und beruflichen sowie sozialen Reintegration im Vordergrund. Dazu wurden Mechanismen wie Einsatzweiterverwendungsgesetz geschaffen, das, neben anderen Regelungen, den Betroffenen ausreichend Zeit gibt, wieder in ein normales Leben zurückzufinden, analog des Prinzips „Reha vor Rente".

Generalarzt Dr. Ralf Hoffmann ist seit dem 1. Februar 2020 der Beauftragte des Bundesministeriums der Verteidigung für einsatzbedingte posttraumatische Belastungsstörungen und Einsatztraumatisierte (Beauftragter PTBS-Posttraumatische Belastungsstörung).


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