Deutscher Gewerkschaftsbund

18.04.2019

Altersarmut: "Das schnürt mir den Hals zu"

einblick Mai 2019

Ob im Kindergarten oder auf dem Bau – rund vier Millionen Deutsche arbeiten Vollzeit im Niedriglohnsektor. Ihre Rente wird künftig nur für das Nötigste reichen. Aus Scham trauen sich viele nicht, zum Sozialamt zu gehen. Gerade diese Menschen würden von der Grundrente profitieren. Wir stellen eine von ihnen vor.

ältere Frau sitzt bettelnd auf einer Steinkante

Colourbox

Petra Vogel liebt die Ostsee. Alle zwei Jahre fährt sie mit einer Freundin für eine Woche in den Norden und macht Urlaub am Meer. Im September ist es endlich wieder so weit. Doch dieses Jahr könnte die Reise einer der letzten gewesen sein, denn in vier Jahren geht Vogel in Rente. 735 Euro im Monat brutto bekommt sie dann noch auf ihr Konto überwiesen. Davon geht alleine fast die Hälfte für die Kaltmiete ihrer Bochumer Wohnung drauf. Der Ostsee-Urlaub sei dann einfach nicht mehr drin, sagt Vogel. „Jeden Tag, den die Rente näher rückt, schnürt mir das mehr den Hals zu“, so die 61-Jährige.

Die Arbeit war extrem stressig und körperlich anstrengend

Seit 31 Jahren arbeitet Vogel für ein Dienstleistungsunternehmen im Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum. 14 Jahre hat sie die Intensivstation geputzt, acht Stunden am Tag. Das sei ein extrem stressiger und körperlich anstrengender Job gewesen. „Du musst sehr schnell und nach Hygienestandards arbeiten. Wenn ein Patient verlegt wird, steht der nächste schon im Durchgang“, sagt Vogel.

Vor 17 Jahren wurde Vogel zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt und von ihrer Arbeit als Reinigungskraft freigestellt. Wenn die Bochumerin 2023 nach 39 Beitragsjahren in Rente geht, reicht ihr Einkommen gerade mal für die Miete und das Essen auf dem Tisch. So geht es auch einem großen Teil ihrer KollegInnen: Rund 10 Millionen Menschen in Deutschland verdienen derzeit weniger als 2200 Euro im Monat. Wer wie Vogel das ganze Berufsleben für einen so niedrigen Lohn gearbeitet hat, ist im Alter von Armut bedroht.

Trotzdem bezieht nur ein sehr kleiner Teil Grundsicherung im Alter. Nach Berechnungen der Hans-Böckler Stiftung aus dem Jahr 2012 nehmen 68 Prozent der über 65-Jährigen diesen Anspruch nicht wahr. Sie schämen sich, den Staat um Hilfe zu bitten – nach einem ganzen Arbeitsleben – und drehen lieber jeden Cent um, als den Gang zum Sozialamt anzutreten. Arbeitsminister Hubertus Heil will diese Menschen mit der Grundrente sozial absichern. Die sogenannte Respekt-Rente bekommt jeder, der 35 Jahre gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt hat. Die monatliche Rente wird dann um bis zu 448 Euro erhöht, abhängig von der Höhe der eigenen Beiträge.

Die Grundrente würdigt die Lebensleistung

Auch Vogel würde von der Grundrente profitieren: Abzüglich der Kranken- und Pflegeversicherung hätte sie mit dem Konzept von Heil 800 Euro im Monat zur Verfügung – 140 Euro mehr als ohne staatlichen Zuschuss. Mit der bestehenden Grundsicherung würde Vogel zwar nur sechs Euro weniger bekommen, aber sie müsste beim Sozialamt um Hilfe bitten. Die Grundrente bekäme sie, nach den Plänen von Heil, auch ohne Bedürftigkeitsprüfung. Die CDU hingegen möchte in ihrem Grundrenten-Plan nicht auf eine Prüfung der Bedürftigkeit verzichten. „Betroffene im Alter zum Sozialamt zu schicken, ist keine Lösung. Das vergrößert die Angst vor Altersarmut nur“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Bei der Grundrente gehe es um eine Würdigung der Lebensleistung derer, die zu niedrigen Löhnen arbeiten mussten.

Armutsrisiko von NeurenterInnen gestiegen

Vor allem für kommende Rentnergenerationen wird die Armut im Alter immer wahrscheinlicher: Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und des Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) berechneten, dass im Jahr 2036 jeder fünfte 67-Jährige von Altersarmut bedroht sein wird. Das Armutsrisiko der deutschen NeurentnerInnen steigt demnach von derzeit 16 Prozent auf 20 Prozent. Gründe seien vor allem ein wachsender Niedriglohnsektor, geringere Renten durch Unterbrechungen des Berufslebens etwa für die Kindererziehung sowie dem sinkenden Rentenniveau. Gleichzeitig wird die Zahl der RentnerInnen rasant steigen: 2022 gehen die ersten Babyboomer in Ruhestand und immer mehr von ihnen droht die Armut, so das Ergebnis der Studie. Diese Rentnergeneration, hatte sich immer darauf verlassen, dass ihr Einkommen im Alter mal reichen wird, wenn sie nur immer fleißig in die gesetzliche Rente einzahlen. Nur wenige konnten nebenbei privat vorsorgen.

Der DGB will deshalb die gesetzliche Rente stärken. Dazu muss das Rentenniveau stabilisiert und wieder angehoben werden. Die Grundrente ist ein weiterer wichtiger Baustein für ein gutes Rentenversicherungssystem. Deshalb fordern die Gewerkschaften die Einführung der Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung. Zudem soll die betriebliche Altersversorgung attraktiver werden.


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