Deutscher Gewerkschaftsbund

14.01.2021
Bildung

"Die soziale Spaltung ist die offene Wunde unseres Bildungssystems"

Von wegen Chancengleichheit: Kinder, die zu Hause keinen Computer und keine Rückzugsräume haben, sind von Schulschließungen besonders hart betroffen. Sie können dauerhaft den Anschluss verlieren - mit fatalen Folgen. "Die Kultusminister sollten endlich – gut ein Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie – ein Konzept für jene Schülerinnen und Schüler entwickeln, die im Distanzlernen nicht oder kaum erreicht werden", fordert DGB-Vize Elke Hannack.

Trauriger Junge mit Büchern am Schreibtisch

DGB/Katarzyna Białasiewicz/123rf.com

Handelsblatt: DGB: Soziale Spaltung 'offene Wunde' des Bildungssystems

Heute übernimmt Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst die KMK-Präsidentschaft für dieses Jahr. Doch sie setzt nicht den richtigen Schwerpunkt, sagt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack:

"Die Qualität des digitalen Unterrichts in den Mittelpunkt des neuen Jahres zu stellen, ist wichtig, aber keine ausreichende Antwort auf die bildungspolitischen Verwerfungen in der Corona-Krise. Die Frage der Chancengleichheit und des Rechts auf Bildung für alle, während und nach der Corona-Pandemie, gehört jetzt bildungspolitisch in den Fokus. Die soziale Spaltung ist die offene Wunde unseres Bildungssystems und sie wird durch die Corona-Krise weiter vertieft.

Die Kultusminister müssen dringend ein Programm für mehr Chancengleichheit auflegen. Dazu gehören mehr Investitionen in Schulgebäude, mehr und besser ausgebildete Fachkräfte in Schulen und Kitas, gute Ganztagsschulen, besserer digitaler Unterricht und eine bundesweite Finanzierung der Schulen nach einem Schulsozialindex. Dabei bekommen Schulen in schwierigen sozialen Lagen mehr Gelder. In Schulen mit großen sozialen Herausforderungen können so die Klassen verkleinert und sozialpädagogische Ressourcen für die Förderbedarfe von Schülerinnen und Schülern mit Lern- und Entwicklungsproblemen erhöht werden.

Es ist höchste Zeit, dass sich die Kultusminister ehrlich machen: Ein kompletter Präsenzunterricht ist auf absehbare Zeit nicht zu verantworten. Die hohen Infektionszahlen und die neuen Virusmutationen lassen es nicht zu, 30 Kinder in schlecht belüfteten Klassenräumen zu unterrichten. Die allermeisten Schulen können nicht die räumlichen und hygienischen Bedingungen dafür bieten.  

Die von den Kultusministern mantraartig vorgetragene Theorie, dass Schulen in der Corona-Pandemie sicher seien, gilt in der Wissenschaft längst als überholt. Es ist deshalb keine Schande, wenn die Kultusminister endlich dem aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse folgen.

Wenn erste Präsenzangebote wieder möglich sein sollten, brauchen wir einen klaren Schwerpunkt: Die Kultusminister sollten endlich – gut ein Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie – ­ ein Konzept für jene Schülerinnen und Schüler entwickeln, die im Distanzlernen nicht oder kaum erreicht werden. Gerade Kinder und Jugendliche, die zu Hause keine Computer und Rückzugsräume haben, brauchen Angebote zur Unterstützung und Förderung – und zwar unabhängig von der Klassenstufe oder davon, ob eine Prüfung ansteht. Sonst droht die soziale Kluft an den Schulen immer tiefer zu werden.“

Zahlen zur sozialen Schieflage im Bildungswesen schon vor der Corona-Krise

  • Schon die PISA-Studien zeigen, dass Akademikerkinder beim Übergang von der Grundschule selbst bei gleicher Leistung eine 3,5-mal höhere Chance haben, auf das Gymnasium zu kommen, als Kinder aus Arbeiterfamilien / Nichtakademikerfamilien.
  • Die Zahl der jungen Menschen ohne Schulabschluss steigt seit 2014 wieder; von damals 5,8 Prozent auf 6,8 Prozent in 2019.
  • Um den Lehrkräftemangel zu beheben, setzen immer mehr Bundesländer auf Quer- und Seiteneinsteiger/innen, die vor allem an so genannten „Brennpunktschulen“ zum Einsatz kommen. Im Gegensatz zu Schulen in besseren sozialen Lagen (5 %) finden sich an Schulen in schlechten Lagen fast doppelt so viele Quer- und Seiteneinsteiger/innen (über 10 %).
  • Mehr als 1,3 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren haben keine abgeschlossene Ausbildung. Sie befinden sich auch nicht in einer Ausbildung, einem Studium, einem Freiwilligendienst oder einer sonstigen Bildungsmaßnahme. Ein Leben in prekärer Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit ist für sie oft vorgezeichnet.
  • Jeder dritte Jugendliche mit Hauptschulabschluss erreicht nie einen Berufsabschluss.
  • 79 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien studieren. Bei Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund sind es nur 27 Prozent.

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