Deutscher Gewerkschaftsbund

07.01.2011

Schulsozialarbeit bringt mehr als ein Bildungsgutschein für Nachhilfe

Der DGB fordert die Schulsozialarbeit auszubauen. Damit würde mehr für förderbedürftige Kinder und Jugendliche getan als durch die von der Bundesregierung geplanten Bildungsgutscheine für Kinder aus Hartz IV-Familien.

„Schulsozialarbeit ist ein Angebot, das allen Kindern und Jugendlichen zugute kommt. Sie trägt in hohem Maße dazu bei, Benachteiligungen zu vermeiden und abzubauen“, so Matthias Anbuhl, Leiter der Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB-Bundesvorstand in unserem Interview.

Porträt Matthias Anbuhl

Bildungsexperte Matthias Anbuhl leitet die Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB-Bundesvorstand. Foto: DGB

Herr Anbuhl, in den aktuellen Verhandlungen um das Hartz IV-Bildungspaket fordern einige Länder mehr Schulsozialarbeit. Wie steht der DGB dazu?

Anbuhl: Wir müssen die soziale Auslese im Bildungswesen zum Schwerpunkt machen. Die PISA-Studie hat gezeigt, dass vor allem Jugendliche an Schulen in armen Stadtvierteln besonders benachteiligt werden. Die Politik muss sich deshalb auf die sozialen Brennpunkte konzentrieren und hier gezielt Angebote schaffen. Der DGB fordert seit langem, endlich mehr in die Infrastruktur unseres Bildungswesens zu investieren. Dazu gehört vor allem eine professionelle Sozialarbeit, die dauerhaft und ausreichend im Schulalltag verankert ist. Schulsozialarbeit ist ein Angebot, das allen Kindern und Jugendlichen zugute kommt. Sozialarbeiter/innen tragen dazu bei, Benachteiligungen zu vermeiden und abzubauen. Sie unterstützen Lehrkräfte und Eltern bei Alltagsproblemen und Erziehungsfragen. Ein Angebot also, das sich positiv auf die Lern- und Lebensbedingungen aller Beteiligten auswirkt. Mit mehr Schulsozialarbeit ließe sich ein echtes Programm für Chancengleichheit auflegen.

Die Bundesregierung lehnt diese Forderung ab, weil Schulpolitik Ländersache sei. Kann der Bund gar nicht helfen?

Dieses Argument greift nicht. Auch nach der Föderalismusreform hat der Bund noch Spielraum, die Länder im Bereich der Schulsozialarbeit finanziell zu unterstützen. Er hat nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) noch immer die Zuständigkeit für die Jugendhilfe. Der DGB hat es bereits vorgerechnet: Mit zwei Milliarden Euro könnte der Bund mehr als 40.000 Sozialarbeiter-Stellen in Vollzeit finanzieren.

Der Bund plant für Kinder aus Hartz IV-Familien Bildungsgutscheine. Was halten Sie davon?

Die geplanten Bildungsgutscheine sind viel zu kurz gedacht. Sie sind mit einem enormen bürokratischen Aufwand verbunden und erreichen längst nicht alle förderbedürftigen Kinder. Außerdem hat sich auf dem freien Nachhilfemarkt ein wahrer Dschungel entwickelt. Die Qualität der Anbieter wird kaum kontrolliert, der Markt ist nicht nur für Hartz IV-Empfänger vollkommen unübersichtlich. Statt kommerzielle Nachhilfe-Institute mit Gutscheinen zu subventionieren, sollte individuelle Förderung vielmehr dort angeboten werden, wo Kinder sind: in den Schulen.

Nötig ist deshalb vor allem ein massiver Ausbau der Bildungsinfrastruktur. Doch über neue Ganztagsschulen mit mehr Sozialarbeiter/innen oder über den Ausbau von herkömmlichen Kindergärten zu echten Eltern-Kind-Zentren, die ganztägig geöffnet sind, denkt die Bundesregierung anscheinend nicht einmal in Ansätzen nach. Dies wäre aber ein Angebot, das wirklich allen Kindern - auch aus Hartz IV-Familien - zugute kommt.

Kann der Bund denn die Teilhabe von Kindern an guter Bildung alleine sichern?

Es reicht nicht aus, dass allein der Bund ein Paket schnürt. Zur Bekämpfung von Kinderarmut brauchen wir eine abgestimmte Politik zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Was der Bund für die Teilnahme im Sportverein zusätzlich zahlt, dürfen die Länder und Kommunen nicht gleich wieder für höhere Kita-Gebühren oder Fahrten mit dem Schulbus einkassieren. Das Bundesverfassungsgericht hat klar geurteilt: Die Sicherung des Rechts auf Bildung ist eine gesamtstaatliche Aufgabe und darf nicht dem föderalen Kräftespiel überlassen werden. Bund und Länder müssen sich mit den Kommunen auf eine gemeinsame und vor allem verbindliche Strategie für mehr Qualität im Bildungswesen einigen. Das wäre ein echter Kulturwechsel.


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