Deutscher Gewerkschaftsbund

18.01.2022
Unsere Betriebsräte

Betriebsrat Simon Schreiweis: "Etwas gegen Ungerechtigkeit tun"

Wie er in der Klinik für gute Arbeitsbedingungen kämpft – und warum er bei der Betriebsratswahl wieder antritt

Überlastung, tiefer Frust, fehlendes Personal. Das ist die Situation in vielen Kliniken. Simon Schreiweis ist Gesundheits- und Krankenpfleger und seit über 14 Jahren Betriebsrat bei den Neckar-Odenwald-Kliniken und tritt bei den Betriebsratswahlen 2022 wieder an: "Es macht Spaß, sich für die Rechte von Menschen einzusetzen, die das gerade selbst nicht können, und etwas gegen Ungerechtigkeit zu tun. Von der Reinigungskraft bis zum Chefarzt, ich setze mich für alle ein und muss mit allen auskommen."

Porträt Betriebsrat Simon Schreiweis in Klinikraum

DGB/Christian Plambeck

Derzeit sind Kliniken und ihr Personal in aller Munde, es wird viel geschrieben über die Überlastung, den tiefen Frust, das fehlende Personal. Zu Wort kommen dann meist Pflegende und Ärzte. Nur die, die intern schon lange für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, im ganzen Land und in jeder Klinik, von denen hört und sieht man öffentlich wenig: den Betriebsrätinnen und Betriebsräten.

Simon Schreiweis ist einer von ihnen. Der ausgebildete Gesundheits- und Krankenpfleger ist seit über 14 Jahren Betriebsrat bei den Neckar-Odenwald-Kliniken, zwei Kliniken im ländlichen Raum im Neckar-Odenwald-Kreis mit rund 1000 Beschäftigten. Und er ist Betriebsratsvorsitzender.

"Von der Reinigungskraft bis zum Chefarzt, ich setze mich fĂĽr alle ein und muss mit allen auskommen."

So ganz freiwillig ist er nicht Betriebsrat geworden: "Ich war jung und naiv. Meine Chefin hat mich auf die Liste gesetzt, und ich wurde gewählt. Aber ich habe es nie bereut!" erzählt er. Seitdem kümmert er sich um alle Beschäftigten in der Klinik. "Es ist der Spiegel der Gesellschaft: Von der Reinigungskraft bis zum Chefarzt, ich setze mich für alle ein und muss mit allen auskommen."

Betriebsrat Simon Schreiweis steht vor dem Eingang der Klinik.

Seit 14 Jahren im Einsatz als Betriebsrat bei den Neckar-Odenwald-Kliniken. DGB/Christian Plambeck

Betriebsrat prüft Dienstpläne und Eingruppierung: Für mehr Gerechtigkeit in der Arbeitswelt

So überprüft Schreiweis gemeinsam mit seinen Betriebsratskolleginnen und -kollegen die Dienstpläne der Klinik: Sind genug Leute da? Stimmt die Besetzung, sind die richtigen Beschäftigten zusammen? Es ist ja niemandem geholfen, wenn zwar Ärzte, aber keine Pflegenden auf Station sind. Sind die Urlaubspläne ausgewogen und rechtzeitig erstellt? Stimmt der Dienstplan nicht, ist es der Betriebsrat, der die Klinik auffordert, nachzuarbeiten. Er kümmert sich aber auch um Betriebsvereinbarungen, wie die zu Überstundezuschlägen, oder um das Job-Bike und die Arbeitszeitmodelle. Und er prüft, ob die Beschäftigten richtig eingruppiert wurden, also den Lohn bekommen, der ihnen zusteht. "Da geht es manchmal um kleine Details: hat jemand ein grundlegendes Fachwissen, oder ein grundlegendes UND vielseitiges Fachwissen – das sind dann gleich mal ein paar Euro mehr." Sich mit solchen Details zu befassen, gehört dazu: "Es macht Spaß, sich für die Rechte von Menschen einzusetzen, die das gerade selbst nicht können, und etwas gegen Ungerechtigkeit zu tun."

Betriebsrat Simon Schreiweis arbeitet am Computer.

Simon Schreiweis prüft die Dienstpläne. DGB/Christian Plambeck

Arbeitsplätze während der Corona-Pandemie gerettet dank Betriebsrat

Manchmal muss er sich allerdings auch um große Projekte kümmern. Wie damals, als das zu den Kliniken gehörende Wohn- und Pflegeheim Hüffenhardt verkauft werden sollte, mit seinen 100 Mitarbeitenden. "Ich war Klinkenputzen, um das zu verhindern. Und immerhin: Wir haben es zwar nicht ganz verhindern können, aber doch ein paar Jahre aufgeschoben."

Oder wie gerade erst, während Corona: Als in der benachbarten dualen Hochschule der Präsenzunterricht wegfiel und die von den Kliniken betriebene Kantine/Mensa wegen Corona schloss, hatte die 100-prozentige Service-Tochter der Kliniken auf einen Schlag 600 Essen weniger zuzubereiten. Damit war der Küchenzweig nicht mehr rentabel und stand vor der Insolvenz.

Doch der Betriebsrat brachte sich ein. Die Beschäftigten wurden aus der Kurzarbeit zurückgeholt, ein sogenanntes Schutzschirmverfahren eingeleitet – und alle behielten ihren Arbeitsplatz, auch ein geforderter Gehaltsverzicht kam nicht zustande. "Da kam eine Schar von Anwälten, und die Sachverständigen der Gewerkschaft. Aber es hat sich gelohnt." Denn die neuen Verträge sind besser als die alten. "Die Service-Mitarbeitenden haben dank eines hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrads seit 2019 einen Haustarifvertrag. Und nicht nur das: Darin werden Gewerkschaftsmitglieder bessergestellt: Sie bekommen 800 Euro Weihnachtsgeld, die anderen 600 Euro."

Betriebsrat Simon Schreiweis mit Maske vor der Isolierstation der Klinik.

Die Corona-Pandemie bringt Kliniken und Beschäftigte an ihre Grenzen. DGB/Christian Plambeck

Als Betriebsrat gut vernetzt und informiert für Rechte der Beschäftigten aktiv

Klar ist: Das Wissen, wie man verhandelt und welche Gesetze gelten, fällt einem nicht im Schlaf zu. Der Betriebsrat besucht Fortbildungen und muss sich in vieles sorgfältig einlesen. Er ist gut mit anderen (Klinik-)Betriebsräten vernetzt, muss regelmäßig auf Betriebsratssitzungen und arbeitet eng mit der Personalabteilung (z.B. beim Bewerberauswahlverfahren) zusammen. "Wir prüfen zum Beispiel Bewerbungen und schauen, ob sich jemand anders von intern auf die Stelle beworben hat und ob diese Person berücksichtigt wurde." Die Vielzahl der Aufgaben sind auch das, was Simon Schreiweis mag: "Man schaut weit über den eigenen Tellerrand." Bei soviel Mitreden bleibt Kritik an der eigenen Person allerdings nicht aus. "Natürlich wird da mal verbal auf einen eingeprügelt. Das muss man aushalten können."

Personalmangel ist wichtigstes Thema bei Betriebsratswahl

Für die Betriebsratswahl in diesem Jahr bewirbt er sich wieder. Die Projekte, die er dann zusammen mit seinen 14 Kolleginnen und Kollegen im Gremium stemmen will, gehen in den Kern des Problems, das derzeit überall diskutiert wird: Der akute Personalmangel. "Wir müssen es endlich erreichen, dass die Pflege entlastet wird." Dafür muss die Pflegepersonalbemessung dem tatsächlichen Pflegezeitaufwand angepasst werden. Es müssten vor allem mehr Fachkräfte angestellt werden. "Das geht nicht mit Hilfskräften, für die Pflege braucht man professionelle Kräfte."

„Wir müssen es endlich erreichen, dass die Pflege entlastet wird“

Betriebsrat Simon Schreiweis im Gespräch mit einer Pflegerin in der Klinik.

Simon Schreiweis im Gespräch mit einer Pflegerin: Der akute Personalmangel in der Klinik ist ein Problem, das er angehen will. DGB/Christian Plambeck

Manchmal vermisst Simon Schreiweis seinen alten Arbeitsplatz als Gesundheits- und Krankenpfleger, auch wenn er eigentlich nicht dahin zurück möchte. Aber bei extremen Personalengpässen schiebt er auch mal eine Schicht bei den Patienten – wie Weihnachten 2020, als er am Heiligabend auf der Isolierstation gearbeitet hat. Oder wie jetzt: Er ist an freien Wochenenden im Impfteam unterwegs. Das bekommt man aus Pflegenden offenbar nicht raus, dieses Helfen-Wollen. Er macht es aber vor allem als Betriebsrat.

>> Mehr Informationen von Simons Gewerkschaft ver.di zu den Betriebsratswahlen


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