DGB kritisiert Kabinettsbeschluss zum 8-Stunden-Tag
Yasmin Fahimi, DGB-Vorsitzende
Statement28. Januar 2026
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DGB
Bis zu 13 Stunden mit Pausen arbeiten, wenn viel zu tun ist? Praktisch, finden Arbeitgeber. Die Bundesregierung zieht mit und will den 8-Stunden-Tag abschaffen. Wir sagen: Hände weg!
“Lifestyle-Teilzeit”, längere Arbeitstage, Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, Überstunden, … Kein Tag vergeht ohne massive Angriffe auf unser kostbarstes Gut: unsere Lebenszeit. Teile der Politik und die Arbeitgeberlobby wollen uns weismachen, wir arbeiten zu wenig und müssten wieder mehr ranklotzen. Wir sagen: Stopp! Wir haben genug!
Die Bundesregierung hat das Arbeitszeitgesetz im Visier und will den 8-Stunden-Tag abschaffen. Die maximale Arbeitszeit pro Tag soll länger werden. Sie nennt das “Flexibilität” und “Vereinbarkeit”. Doch was erst einmal gut klingt, ist in Wahrheit ein unverschämter Angriff auf unsere Zeit und Gesundheit.
Es geht hier nicht um unsere Bedürfnisse. Mit Symbolpolitik sollen die Ursachen der schwachen Wirtschaft den Beschäftigten in die Schuhe geschoben werden. Dabei löst die Verlängerung der täglichen Höchstarbeitszeit kein einziges Problem. Und sie führt auch nicht zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Die Realität sieht so aus: Wir arbeiten bereits jetzt fleißig und leisten zahlreiche Überstunden, oft bis an die Belastungsgrenze. Wenn Vereinbarkeit scheitert, dann nicht am Arbeitszeitgesetz – sondern in der Regel am fehlenden Willen der Arbeitgeber. Das belegt unsere repräsentative Befragung von Arbeitnehmer*innen.
Flexible Gestaltungsmöglichkeiten existieren längst – in Tarifverträgen, die zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften gemeinsam ausgehandelt werden.
Der 8-Stunden-Tag ist eine gewerkschaftliche und auch gesellschaftliche Errungenschaft wie der freie Samstag oder die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Deshalb protestieren wir gegen diesen Rückschritt.
privat
20 Jahre Bereitschaftsdienst mit bis zu 36 Stunden als Pfleger im Operationssaal brachten Holger mit Herz-Rhythmus-Störungen auf die Intensivstation. Am gleichen Tag wurden noch 2 andere Kolleg*innen mit ähnlichen Symptomen eingeliefert: “Es war eine stressige Zeit vorangegangen, es gab einfach nicht genug Personal”, berichtet Holger.
Holger steht stellvertretend für die Geschichten vieler Beschäftigter, die unter langen und überlangen Arbeitszeiten leiden. Die von Arbeitgebern und Teilen der Politik geforderte Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes würden Menschen wie Holger mit ihrer Gesundheit bezahlen. Denn die Forschung zeigt unmissverständlich: Lange Arbeitszeiten machen krank.
Und nicht nur das. Studien zeigen: Bereits ab der 9. Arbeitsstunde steigt das Unfallrisiko exponentiell. Bei einer Verlängerung von 8 auf 12 Stunden erhöht sich das Unfallrisiko sogar um 80 Prozent.
In stark belasteten Berufen, wie der Pflege, führen lange Arbeitszeiten außerdem zu einer weiteren Verschärfung des Fachkräftemangels, weil viele Beschäftigte aus diesen Berufen aussteigen. Die Abschaffung des 8-Stunden-Tages schadet nicht nur den Beschäftigten – sie bringt auch hohe Folgekosten für die Volkswirtschaft mit sich: durch steigende Kosten für das Gesundheitssystem, Arbeitsausfälle und Produktivitätsverluste.
Längere Arbeitszeiten als Wirtschaftsbooster? Reines Wunschdenken und Symbolpolitik auf Kosten der Gesundheit der Beschäftigten.
DGB/Gordon Welters
“Wer diesen Schutz abschaffen will, hat keine Ahnung, wie es in der Realität aussieht.” Das sagt Hedi, der in einem Amazon-Verteilzentrum arbeitet und Mitglied im Betriebsrat ist. Schon jetzt kommt er oft nach 8 Stunden an seine Grenzen: "Ich arbeite im Schichtsystem in der Logistik – das ist körperlich und psychisch anstrengend", erzählt er. Für ihn ist der 8-Stunden-Tag kein bürokratisches Hindernis, sondern eine Notwendigkeit: "Der 8-Stunden-Tag schützt meine Gesundheit – er gibt mir Luft zum Atmen und zur Erholung."
Genau dieser Schutz wird von der Regierung in Frage gestellt. Gerade Beschäftigte in Hedis Branche würde das hart treffen. Sie arbeiten besonders häufig ohne den Schutz eines Tarifvertrages – wie fast die Hälfte der Arbeitnehmer*innen in Deutschland. Das bedeutet: kein Mitspracherecht durch betriebliche Mitbestimmung, keine Gewerkschaft, die sie schützt. Und auch: keine passgenauen Lösungen, die Gewerkschaften und Arbeitgeber in Tarifverträgen seit über 75 Jahren erfolgreich vereinbaren.
Für sie ist das Arbeitszeitgesetz der einzige Rahmen. Ein Rahmen, der bereits jetzt flexibel ist, und vor allem im Niedriglohnsektor von ausbeuterischen Arbeitgebern viel zu häufig missachtet wird.
Statt das Arbeitszeitgesetz aufzuweichen, braucht es mehr Schutz beim Arbeitszeitgesetz. Nur so wird ausbeuterischen Geschäftsmodellen der Riegel vorgeschoben.
privat
“Der Gast ist König” – dieser Satz kostet Barbaras Kolleg*innen in der Gastronomie täglich Freizeit: Ein Gast will noch ein Bier, obwohl ihre Schicht längst vorbei ist. Weggehen? Undenkbar. Überstunden und Dienstplanänderungen sind längst Alltag.
Barbara ist NGG-Mitglied, Betriebsrätin und stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende bei der Steigenberger Hotels GmbH und weiß: Die Arbeit ihrer Kolleg*innen ist bereits jetzt ein Kampf gegen die Uhr. “Wenn die Arbeitszeiten ausgeweitet werden können, dann wird das nur noch mehr ausgenutzt”, sagt sie.
Als Betriebsrätin erlebt Barbara, wie Grenzen verschwimmen. Eine Kollegin wollte in Teilzeit arbeiten, weil ihre Mutter pflegebedürftig wurde. Die “großzügige” Lösung des Chefs: 4 Tage arbeiten – aber 10 Stunden täglich. “Das war körperlich einfach nicht möglich für sie. 10 Stunden stehen und laufen und danach noch die ebenfalls körperlich anstrengende Pflege.”
Immer mehr Beschäftigte haben Eltern, die Unterstützung brauchen. Sie alle wären von der Abschaffung des 8-Stunden-Tages besonders getroffen. Denn wer stemmt 13-Stunden-Schichten, wenn zu Hause Eltern gepflegt oder Kinder betreut werden müssen? Für Menschen mit Care-Arbeit ist das schlicht unmöglich. Meist sind es Frauen, die diese Doppelbelastung tragen.
Für Barbara ist klar: “Mehr geht einfach nicht.” Schon jetzt arbeiten Gastro-Beschäftigte wie viele andere regelmäßig länger als 8 Stunden. 1,2 Milliarden Überstunden wurden 2024 in Deutschland geleistet, 638 Millionen unbezahlt.
Beschäftigte brauchen Entlastung statt Experimente auf ihrem Rücken.
Holgers, Hedis und Barbaras Erfahrungen zeigen: Die geplante wöchentliche Höchstarbeitszeit ist ein gefährlicher Irrweg.
Die Regierung und Arbeitgeber versprechen mit einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit "mehr Flexibilität" und "bessere Vereinbarkeit" für Beschäftigte. Doch die sehen das anders. Die meisten Arbeitnehmer*innen wünschen sich Entlastung, statt eine Ausweitung der Arbeitszeit, wie unsere repräsentative Umfrage unter Beschäftigten zeigt:
Besonders deutlich wird der Widerspruch bei Eltern: 97 Prozent derjenigen, die häufig nach 19 Uhr weiterarbeiten müssen, möchten ihren Arbeitstag vor 19 Uhr beenden. Sie brauchen Planbarkeit für Familie und Kinderbetreuung – keine 13-Stunden-Schichten mit Pausen.
Kein Wunder, denn Arbeitsmenge und -zeit passen bereits jetzt bei vielen Beschäftigten nicht zusammen und lange Arbeitszeiten machen nachweislich krank!
Eine vollständige Arbeitszeiterfassung ist dabei ein wirksamer Schutz gegen überlange Arbeitszeiten und für eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben. Das zeigen auch die Daten: Beschäftigte mit Erfassung arbeiten seltener überlange Arbeitszeiten als Beschäftigte ohne Arbeitszeiterfassung (6 Prozent gegenüber 11 Prozent) und berichten seltener von Problemen in Bezug auf Vereinbarkeit (23 Prozent gegenüber 30 Prozent).
Und was ist mit der beschworenen “Flexibilität”? Die liegt bei der geplanten wöchentlichen Höchstarbeitszeit beim Arbeitgeber. Er bestimmt, wann bis zu 13 Stunden mit Pausen gearbeitet werden muss - nicht die Beschäftigten. Das hat nichts mit dem Wunsch der Beschäftigten zu tun, Arbeitszeiten selbst mitzugestalten, damit Arbeit und Privatleben gut miteinander vereinbar sind. Echte Flexibilität und Vereinbarkeit sehen anders aus.
Das Arbeitszeitgesetz bietet bereits alle notwendige Flexibilität. Schon heute sind beispielsweise 10 Stunden täglich, 60 Wochenstunden oder Arbeit an 6 Tagen möglich bei Einhaltung der Pausenzeiten.
Zusätzlich verhandeln wir Gewerkschaften in Tarifverträgen seit 75 Jahren erfolgreich passgenaue Lösungen mit unterschiedlichen Branchen – von verkürzten Ruhezeiten bis zu Bereitschaftsdiensten.
Doch rund die Hälfte aller Beschäftigten profitiert aufgrund von Tarifflucht nicht von Tarifverträgen. Für sie ist das Arbeitszeitgesetz der einzige Schutzrahmen. Sie haben wenig Einfluss auf ihre Arbeitszeiten. Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit würde genau diese Menschen am härtesten treffen: Paketauslieferer, Pflegekräfte, Beschäftigte in der Gastronomie könnten zu 13-Stunden-Schichten mit Pausen gedrängt werden.
Beschäftigte brauchen:
Der 8-Stunden-Tag ist eine hart erkämpfte Errungenschaft von uns Gewerkschaften für unsere Gesellschaft. Ist er einmal abgeschafft, bekommen wir so schnell nicht wieder. Deshalb verteidigen wir das Arbeitszeitgesetz!
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