Deutscher Gewerkschaftsbund

20.11.2015
Gemeinsame Erklärung

Europa ist mehr als eine Freihandelszone

DGB und TUC äußern sich zu britischen Vorschlägen für EU-Reform

Jetzt liegen sie auf dem Tisch: Großbritanniens Premierminister David Cameron hat in diesem Monat seine "Reformvorschläge" für die EU präsentiert. Der DGB und der britische Gewerkschaftsdachverband TUC nehmen gemeinsam Stellung: Europa ist mehr als eine Freihandelszone.

Fahnen EU / Großbritannien

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Zu den britischen Vorschlägen für Nachverhandlungen zum Verhältnis von Großbritannien und der EU

Gemeinsame Erklärung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und des britischen Trade Union Congress (TUC)

Im Hinblick auf den Brief des britischen Premierministers an den Ratspräsidenten der EU aus der vergangenen Woche mit Vorschlägen für Reformen des Verhältnisses zwischen Großbritannien und der EU, fordern wir, die Spitzen der Gewerkschaftsbewegungen in Deutschland und Großbritannien, die Regierungen, politischen Repräsentanten und führende Wirtschaftsvertreter in unseren Ländern auf:

1. Berücksichtigen Sie, dass der Erfolg der EU sowohl als politisches als auch als wirtschaftliches Projekt von einer Balance ökonomischer und sozialer Entscheidungen abhängt – Europa darf nicht einzig eine Freihandelszone sein, sondern muss arbeitenden Menschen Gute Arbeit, mehr und bessere Arbeitsplätze, Gesundheit, Sicherheit und Respekt in der Arbeitswelt, einen gut ausgestatteten öffentlichen Dienst sowie soziale Sicherheit gewährleisten. Eine Initiative mit nachhaltigen Investitionen, die qualitativ hochwertige, gut qualifizierte Jobs mit guten Einkommen sowie eine bessere bauliche und soziale Infrastruktur in Europa zum Ziel hat, könnte elf Millionen Arbeitsplätze schaffen und sowohl die Jugendarbeitslosigkeit als auch eine drohende Deflation bekämpfen. Wir müssen sicherstellen, dass alle Handelsabkommen faire Abkommen sind – mit guten Arbeitsstandards als Kernelement.

2. Berücksichtigen Sie, dass Europa auf die Bedürfnisse und Ansprüche seiner Bürgerinnen und Bürger reagieren muss – Beschäftigte müssen eine Stimme haben, die in der Arbeitswelt gehört wird, aber auch bei Entscheidungen über die Zukunft der Arbeit in Europa. Das bedeutet mehr Demokratie am Arbeitsplatz. Das beinhaltet vor allem - aber nicht nur - Informations- und Mitbestimmungsrechte, mehr Mitsprache in Aufsichtsräten, Tarifverhandlungen sowie sozialer Dialog mit den Arbeitgebern und Regierungen auf nationaler und europäischer Ebene.

3. Der Ruf nach mehr Wettbewerbsfähigkeit und besserer Rechtsetzung („Better Regulation“) durch Initiativen wie das EU-Programm REFIT, darf nicht zu Lasten von Arbeits- und Gesundheitsschutz, Verbraucherschutz oder nachhaltiger Umweltpolitik gehen. Auf einem europäischen Arbeitsmarkt, der sich kontinuierlich entwickelt, sollten durch Vereinbarungen der Sozialpartner Arbeitnehmerrechte wie Gleichstellung, faire Behandlung durch den Arbeitgeber sowie der Schutz vor Willkürmaßnahmen des Arbeitgebers und vor wirtschaftlichen Verwerfungen modernisiert und erneuert werden.

4. Tatsächlich haben Beschäftigte und Arbeitgeber ein gemeinsames Interesse an modernen Regeln für den Arbeitsmarkt und höheren Löhnen, weil sie die Nachfrage wieder stärken, die Produktivität fördern sowie die Ausbeutung und den Lohnunterbietungswettbewerb bekämpfen würden, die Feindseligkeiten gegenüber Migranten fördern. Eine stärkere Lohnentwicklung und eine bessere Regulierung des Arbeitsmarkts wäre der effektivere Weg, öffentlichen Bedenken gegen Bezüge von Migranten auf dem Arbeitsmarkt zu begegnen. Migranten stattdessen zu diskriminieren und ihre Bezüge zu kürzen würde nach unserer Überzeugung nur den Weg für Leistungskürzungen gegenüber allen Beschäftigten und ihren Familien bereiten.

Europa muss der Flüchtlingskrise mit Zusammenarbeit begegnen. Das ist der beste Weg für alle Mitgliedsstaaten, ihren internationalen Verpflichtungen nachzukommen und denen zu helfen, die vor Unterdrückung, sexueller Gewalt oder Verfolgung fliehen. Derzeit nutzen rechtspopulistische Politiker in ganz Europa, die Furcht, Trauer und Wut, die viele Menschen angesichts der Terroranschläge von Paris und der vielen Toten und Verletzten empfinden, um Stimmung gegen Hilfe für Flüchtlinge zu machen. Aber unsere Grenzen für Flüchtlinge zu schließen – ob Männer, Frauen oder Kinder, die Opfer desselben Terrors geworden sind, den wir stoppen wollen – kann nicht die Antwort sein. Gerade jetzt müssen wir zusammenstehen und einstehen für unsere Werte, für Mitgefühl, Solidarität und Demokratie.

Die Gewerkschaften stehen für ein soziales Europa, für wirtschaftlichen Erfolg und internationale Wettbewerbsfähigkeit, die auf einem hohen Niveau sozialer Rechte aufbauen. Wir fordern Sie gemeinsam dazu auf, ein Sozialprotokoll zu den Europäischen Verträgen zu unterstützen, um das Gleichgewicht innerhalb der europäischen Wirtschaft wieder herzustellen. Die Globalisierung kann nicht verhindert werden, was nicht heißt, dass wir sie passiv akzeptieren müssen: Sie muss gestaltet und kontrolliert werden, damit sie den Interessen aller Menschen dient.

Frances O’Grady, Generalsekretärin des TUC und Reiner Hoffmann, DGB-Vorsitzender


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