Deutscher Gewerkschaftsbund

31.01.2017
DGB-Analyse

Azubi-Mangel? Gibt es nicht!

Studie: "Der gespaltene Ausbildungsmarkt"

Unternehmen klagen über mangelnde Bewerber - doch ein Drittel der Jugendlichen, die sich ernsthaft für eine Ausbildung interessieren, findet keine Stelle. "Das birgt sozialen Sprengstoff", sagt DGB-Vize Elke Hannack. In einer Kurzstudie hat der DGB die Ausbildungschancen von jungen Menschen analysiert. 

Auszubildende mit Ausbilder in Kfz-Werkstatt

Colourbox.de

Mehr Bewerber als Plätze

Wie stehen die Chancen von jungen Menschen, einen Ausbildunsgplatz zu bekommen? Das hat der DGB in einer Kurzstudie analysiert. Ein Ergebnis: Auch im Ausbildungsjahr 2016 haben insgesamt 283.281 junge Menschen, die ein ernsthaftes Interesse an einer Ausbildung hatten – und von der Bundesagentur für Arbeit (BA) als „ausbildungsreif“ deklariert wurden – keinen Ausbildungsplatz gefunden. Viele von ihnen wurden in Ersatzmaßnahmen geparkt. Diesen Jugendlichen stehen nur 43.478 offene Ausbildungsplätze gegenüber. Die hohe Zahl an ausbildungsinteressierten Jugendlichen zeigt die Attraktivität der dualen Berufsausbildung. Hier liegt auch enormes Potenzial für die Betriebe, um hochqualifizierte Fachkräfte auszubilden.

Zu den Ergebnissen der Studie sagt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack:

82.000 zusätzliche Ausbildungsverträge nötig

"Es birgt sozialen Sprengstoff, wenn zehntausende Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden und die Wirtschaft gleichzeitig über einen vermeintlichen Azubi-Mangel klagt. Um die Lage auf dem Ausbildungsmarkt für die jungen Menschen zu entspannen, brauchen wir in einem ersten Schritt bundesweit mehr als 82.000 zusätzliche abgeschlossene Ausbildungsverträge. In der Allianz für Aus- und Weiterbildung ist es gelungen, den jahrelangen Sinkflug der Zahl der Ausbildungsverträge zu stoppen. Eine Trendwende steht aber noch aus.

Viel Potential bei den Betrieben

Die duale Ausbildung ist attraktiv: Von 803.000 Jugendliche die sich ernsthaft für eine Ausbildung interessieren, haben nur  64,7 Prozent einen Vertrag unterzeichnet. Dies zeigt, dass Potential für die Betriebe da ist, um Fachkräftenachwuchs zu werben. Allerdings entscheiden sich rund 12.000 dieser Jugendlichen für ein Studium. Das ist auch okay. Dennoch ist es in so unterschiedlichen Ländern wie Bayern und Hamburg bereits gelungen, dass fast 75 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber eine Ausbildung beginnen. Schon diese Marke würde den als ersten Schritt den Ausbildungsmarkt deutlich entspannen. Das muss der Maßstab sein. Nötig sind dafür aber 82.000 zusätzliche Verträge in Deutschland."

Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack DGB/Simone M. Neumann

"Nach wie vor gilt: Wer schlechte Ausbildungsbedingungen bietet, darf sich über ausbleibende Bewerbungen nicht wundern. Bewerberinnen fehlen gerade dort, wo die Ausbildungsvergütung mies ist, also vor allem im Lebensmittelhandwerk und im Hotel- und Gaststättengewerbe."

Mehr Chancen für Hauptschüler

"Die Betriebe müssen endlich wieder jungen Menschen mit Hauptschulabschluss eine Chance auf Ausbildung geben", so Hannack weiter. "Unsere Untersuchungen der bundesweiten IHK-Lehrstellenbörsen zeigen, dass fast zwei von drei der dort angebotenen Ausbildungsplätze den mittleren Schulabschluss als Mindestvoraussetzung haben.

Assistierte Ausbildung ausbauen

Politik, Gewerkschaften und Arbeitgeber haben sich in der Allianz für Aus- und Weiterbildung darauf verständigt, mit der Assistierten Ausbildung die Hilfen für Betriebe und Jugendliche deutlich auszubauen. Dieses neue Instrument hilft den Unternehmen bei der Auswahl der Jugendlichen und beim Erstellen des betrieblichen Ausbildungsplans. Die Assistierte Ausbildung unterstützt die Jugendlichen, wenn sie zusätzliche Förderung – wie etwa Sprachunterricht – brauchen. Jetzt müssen die Betriebe dieses Instrument nutzen.

Immer weniger Betriebe bilden aus

Die Quote der Ausbildungsbetriebe sinkt seit Jahren. Nur noch jedes fünfte Unternehmen bildet aus. Damit dürfen sich Gewerkschaften und Arbeitgeber nicht abfinden. Wenn nur zwanzig Prozent der Betriebe ausbilden, aber einhundert Prozent von den qualifizierten Fachkräften profitieren, ist es Zeit für einen fairen finanziellen Ausgleich zwischen ausbildenden und nicht-ausbildenden Unternehmen. Übrigens: In der Altenpflege hat man in vielen Bundesländern eine solche Umlage eingeführt. Mit dem Ergebnis, dass die Zahl der Ausbildungsplätze drastisch gestiegen ist.

Sozialpartner einbeziehen

Und dennoch ist ausschließlich mit betrieblichen Ausbildungsplätzen der Bedarf kaum zu decken. In Regionen mit einem problematischen Ausbildungsmarkt müssen marktbenachteilige Jugendlichen die Chance bekommen, über eine außerbetriebliche Ausbildung einen vollwertigen Berufsabschluss zu erlangen. Diese Ausbildung soll noch enger mit den Betrieben verzahnt werden. Hierbei sind die Ausbildungsplätze die Sozialpartner vor Ort eng einzubeziehen."


DOWNLOAD STUDIE:

DGB-Studie: Der gespaltene Ausbildungsmarkt (PDF, 441 kB)

DGB-Kurzanalyse der Ausbildungschancen Jugendlicher im Jahr 2016. Januar 2017.


Saarbrücker Zeitung: DGB-Studie sieht keinen Bewerber-Mangel


Nach oben

Weitere Themen

Stär­ke­re Ta­rif­bin­dung: Deut­li­che Mehr­heit sieht Po­li­tik in der Pflicht
Grafik mit Tarifvertrag-Icon auf roten Untergrund mit petrol-farbenen Pfeilen, die leicht nach oben zeigen.
DGB
Klares Signal für die Tarifwende: 62 Prozent der Beschäftigten wollen, dass sich der Staat stärker für eine höhere Tarifbindung einsetzt. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Forsa-Umfrage. DGB-Vorstand Stefan Körzel sieht darin einen eindeutigen Handlungsauftrag an die Bundesregierung für ein wirksames Bundestariftreuegesetz.
Zur Pressemeldung

#Ta­rif­wen­de: Jetz­t!
Infografik mit Kampagnenclaim "Eintreten für die Tarifwende" auf roten Untergrund mit weißen Pfeil, der leicht nach oben zeigt.
DGB
Immer weniger Menschen arbeiten mit Tarifvertrag. Die Tarifbindung sinkt. Dadurch haben Beschäftigte viele Nachteile: weniger Geld und weniger Sicherheit. Wir sagen dieser Entwicklung den Kampf an – zusammen mit unseren Gewerkschaften – und starten für dich und mit dir die Kampagne #Tarifwende!
weiterlesen …

Ta­rif­bin­dung
Stempel Zukunftsdialog mit Slogan Tarif. Gerecht. Für alle.
DGB/Kathrin Biegner
Tarifbindung stärken heißt: Es müssen wieder deutlich mehr Arbeitnehmer*innen von Tarifverträgen profitieren und unter den Schutz von Tarifverträgen fallen.
weiterlesen …

Wir brau­chen ein Up­gra­de für Wirt­schaft und Ge­sell­schaft
Verkehr, Zusammenhalt, Arbeitsbedingungen, Pflege, Gesundheit, Bildung, Ausbildung, Digitalisierung, Computer, Schwimmbad, Infrastruktur
DGB/BBGK Berliner Botschaft
2024 muss die Politik die Grundlagen für eine gute Zukunft legen – eine Zukunft, die wirtschaftlich erfolgreich, ökologisch, sozial und demokratisch ist. Die Gewerkschaften sind am Start. Jetzt kommt es auf die Bundesregierung an.
weiterlesen …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
einblick DGB-Infoservice hier abonnieren
DGB/einblick
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …

Mit­ma­chen: Ter­mi­ne der De­mos ge­gen rechts
Yasmin Fahimi schaut gerade auf die Betrachter*in. Schriftzug: "Wir lassen uns unsere Demokratie nicht kaputtmachen!"
DGB/Hans-Christian Plambeck
Die correctiv.org-Enthüllungen zum konspirativen Treffen von AfD-Politiker*innen und anderen Rechtsextremen erinnern an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften rufen dazu auf, gemeinsam Signale aus der Mitte der Gesellschaft zu senden.
weiterlesen …