Deutscher Gewerkschaftsbund

20.05.2016
klartext 16/2016

Einkommensverteilung: Die Mitte schwindet

Der Anteil der mittleren Einkommen in Deutschland ist seit Jahren rückgängig - die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich. Besonders in der Gruppe der 18- bis 30-Jährigen wächst die Zahl der Einkommenschwachen. Die Mitte muss wieder gestärkt werden, fordert der klartext. 

Zwar ist die Bundestagswahl erst in über einem Jahr, dennoch steht fest, dass bei den meisten Parteien die Zielgruppe wohl die sogenannte Mitte sein wird. Doch diese Mitte, um die die Parteien buhlen, ist eine Gruppe die stets kleiner wird. Denn trotz wirtschaftlichen Aufschwungs leben unter uns immer mehr Einkommensschwächere auf der einen Seite als auch Einkommensstärkere auf der anderen Seite. Aufschwung kommt, Krise geht. Doch die Spaltung unserer Gesellschaft schreitet unaufhaltsam fort. Die Mitte schwindet.

Niedriglohnsektor als Ursache

Doch die Polarisierung der Einkommen kommt nicht einfach daher. Sie ist das Ergebnis des politisch forcierten Ausbaus des Niedriglohnsektors, atypischer und prekärer Beschäftigungsformen nach der Jahrtausendwende. Zudem haben steuerliche Privilegien hoher Einkommen maßgeblich zu der Spreizung der Löhne beigetragen. Falsche politische Weichenstellungen sind Hauptursache für diese soziale Schieflage.

Verteilung der Einkommenschichten im Vergliech

In dreißig Jahren hat sich die Zahl der Einkommensschwachen im Alter zwischen 18 und 30 fast verdoppelt. SOEPv31 Berechnungen des DIW Berlin; Grafik: DGB

In der Mittelschicht befinden sich laut allgemeiner Definition Personen, die ein Einkommen beziehen, das mehr als 60 Prozent und weniger als 200 Prozent des Medianeinkommens ist. Laut einer aktuellen DIW-Studie (DIW-Wochenbericht 18/2016) ist diese Mittelschicht seit der Wiedervereinigung um mehr als fünf Prozentpunkte geschrumpft - auf nunmehr 61 Prozent, während zeitgleich der Anteil der Einkommensreichen um 4 Prozentpunkte gestiegen ist. Die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich und die Brücke dazwischen wird ebenfalls maroder.

Der soziale Aufstieg wird immer schwieriger

Fakt ist: Im Jahr 2013 befand sich jede dritte Person zwischen 18 und 30 Jahren in der Gruppe der Einkommensschwachen. Eine Generation zuvor war es jedoch nur jede fünfte Person (siehe Grafik). Gerade junge Menschen leiden immer mehr unter zu geringen Gehältern sowie befristeten Arbeitsplätzen. Folge: Der soziale Aufstieg wird hierzulande immer schwieriger. Lag die Verharrungsquote der einkommensschwachen Personen, also die Wahrscheinlichkeit sich nach gewisser Zeit in derselben Einkommensklasse wiederzufinden, Anfang der 90er Jahre noch bei 44 Prozent, so stieg sie im Jahr 2011 auf 54 Prozent an. Armut wird somit zum Dauerzustand. Anderseits ist auch die Wahrscheinlichkeit von der Mittelschicht in die Armutsfalle zu rutschen höher als den Sprung nach oben zu schaffen.

Schädliche Entwicklung umkehren

Diese ungleiche Einkommensverteilung gefährdet nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern ist auch ökonomisch nicht hinnehmbar. Daher ist es das Gebot der Stunde, diese schädliche Entwicklung umzukehren. Nun ist die Politik gefragt. Steuergeschenke für Reiche gehören abgeschafft. Die Einkommenssteuer muss so gestaltet werden, dass niedrige und mittlere Einkommen entlastet, sehr hohe stärker belastet werden. Die Abgeltungssteuer, die Kapitaleinkünfte pauschal besteuert, ist ein unsinniges Konstrukt und steht der Verteilungsgerechtigkeit diametral entgegen. Atypische Beschäftigung gehört zurückgedrängt, der Niedriglohnsektor muss ausgetrocknet werden. Damit die Mitte wieder gestärkt wird.


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