Deutscher Gewerkschaftsbund

06.07.2010

Unfreiwillige Teilzeitarbeit und Unterbeschäftigung – Niedriglohnstrategien stoppen!

Von insgesamt 34 Millionen abhängig Beschäftigten arbeiten 9 Millionen in Teilzeit, viele aus Ermangelung von Vollzeitstellen nicht freiwillig. Dies ist ein Ergebnis des kürzlich vom Statistischen Bundesamt vorgestellten Mikrozensus 2009. Inzwischen bestreiten zwei Drittel der Teilzeitkräfte ihren Lebensunterhalt hauptsächlich aus Teilzeitarbeit, meist sind es Frauen. Gerade in Ostdeutschland wurden zeitweise in einigen Branchen ausschließlich Teilzeitjobs angeboten, oft auf Basis von schlechtbezahlten Minijobs.

Das statistische Bundesamt hat kürzlich neue Zahlen zur unfreiwilligen Teilzeit und Unterbeschäftigung für 2009 veröffentlicht. Demnach sind gut 34 Millionen Menschen abhängig beschäftigt, mehr als 25 Millionen arbeiten in Voll- und etwa 9 Millionen in Teilzeit. Etwa jeder Vierte der abhängig Beschäftigten arbeitet laut Erhebung in Teilzeit, wobei  rund 1,9 Millionen Beschäftigte (21,3 Prozent) unfreiwillig einer Teilzeitarbeit nachgehen und lieber Vollzeit arbeiten würden. Von allen Erwerbstätigen klagen außerdem 4,2 Millionen – also etwa jeder zehnte Erwerbstätige - darüber, unterbeschäftigt zu sein und gerne mehr arbeiten zu wollen.

Hintergrund

Zwei Konzepte: Unterbeschäftigung und unfreiwillige Teilzeit

Neben der unfreiwilligen Teilzeitarbeit wird nach dem Labour-Force-Konzept der International Labour Organisation (ILO) Erwerbstätigkeit weit umfassender betrachtet als dies bei der europaweit durchgeführten Arbeitskräfteerhebung der Mikrozensusbefragung des Statistischen Bundesamtes der Fall ist. Bereits eine Stunde Erwerbsarbeit in der Woche wird in dem Konzept der ILO als Erwerbstätigkeit gesehen. Unterbeschäftigung und unfreiwillige Teilzeitarbeit dienen dabei gleichermaßen als wichtige Indikatoren für die Unterauslastung des Faktors Arbeit. Unterbeschäftigt sind hier alle erwerbstätigen Personen (ab einer Stunde Arbeit pro Woche), die – egal ob in Voll- oder Teilzeit arbeitend – mehr Stunden pro Woche für einen entsprechend höheres Entgelt arbeiten wollen und dem Arbeitsmarkt innerhalb von zwei Wochen zur Verfügung stehen. Als unfreiwillig teilzeitbeschäftigt gelten nach der Mikrozensuserhebung alle Beschäftigten, die weniger als 32 Stunden pro Woche arbeiten und lieber eine Vollzeittätigkeit ausüben würden.

Unfreiwillige Teilzeittätigkeiten und Unterbeschäftigung: Frauen hauptsächlich betroffen

Obwohl Teilzeitarbeit für viele Erwerbstätige eine gute Möglichkeit bietet, Arbeit, Leben und Familie unter einen Hut zu bekommen, arbeiten viele Beschäftigte nicht freiwillig in Teilzeit, jeder Fünfte würde lieber eine Vollzeittätigkeit ausüben.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind dabei besonders auffällig. Von den 1,9 Millionen unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten sind 72 Prozent Frauen. Ähnliches gilt für die Unterbeschäftigungsquote: Nur etwa jeder zehnte Mann gibt an, gerne mehr arbeiten zu wollen, bei den Frauen liegt die Quote deutlich höher: 12 Prozent der Frauen geben an unterbeschäftigt zu sein.

Unfreiwillige Teilzeit und Unterbeschäftigung in Ost und West

Der Unterschied der Teilzeitarbeit zwischen Ost- und Westdeutschland fällt auf den ersten Blick gering aus. Im früheren Bundesgebiet sind rund 27,5 Prozent, in den neuen Bundesländern 29,1 Prozent in Teilzeit beschäftigt. Dramatisch wird der Unterschied, wenn man die Anteile unfreiwilliger Teilzeitarbeit ansieht. In den alten Bundesländern geben „nur“ 15,6 Prozent an unfreiwillig in Teilzeit zu arbeiten. In Ostdeutschland würde sogar jede(r) zweite Teilzeitbeschäftigte lieber eine Vollzeitbeschäftigung ausüben. Bei der Unterbeschäftigung zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Im Osten geben 13,9 Prozent an mehr arbeiten zu wollen, in den westdeutschen Bundesländern ist dies immerhin noch jeder zehnte Beschäftigte.

Teilzeit als Zuverdienst? – Nein!

Weit verbreitet ist der Irrglaube, bei Teilzeitarbeit handele es sich um Zuverdiensttätigkeiten von finanziell und sozial anderweitig abgesicherten (weiblichen) TeilzeitarbeiterInnen. Zwei Drittel der Teilzeitkräfte bestreiten ihren Lebensunterhalt hauptsächlich aus dieser Einkommensquelle. Das Gros der TeilzeitarbeiterInnen sind – dies wiederum ist kein Irrglaube – immer noch Frauen.

Niedriglöhne in Ostdeutschland

Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr und ist politisch motiviert: in den vergangenen Jahren wurden Niedriglohnstrategien als wirtschafts- und arbeitsmarktpolitisches Erfolgsmodell gepriesen. Insbesondere in Ostdeutschland wurden Werbekampagnen für einen Standort mit „billigen Arbeitskräften“ salonfähig. Auf diese Weise sollten Unternehmen in Ostdeutschland angesiedelt und mit Billiglöhnen als spezifisch ostdeutschem „Standortvorteil“ gewonnen werden. In Branchen wie dem Einzelhandel oder der Gebäudereinigung wurden im Zuge dieser Niedriglohnstrategie nur noch Teilzeitjobs angeboten, häufig auf der Basis von Minijobs. Die Beschäftigten erhalten dort niedrigere Stundenlöhne als ihre KollegInnen in Vollzeit und werden auf diese Weise doppelt benachteiligt.

Unfreiwillige Teilzeitarbeit als strukturpolitisches Problem 

Unfreiwillige Teilzeitarbeit wird dabei immer mehr zum strukturpolitischen Problem. Im Zuge der – politisch gewollten – Fragmentierung von Arbeit, haben geringfügige Beschäftigung und unfreiwillige Teilzeitarbeit in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Die Niedriglohnstrategie hat besonders für Ostdeutschland schwerwiegende Folgen für Wachstum und Innovationsfähigkeit. Niedriglöhne, egal ob in Voll- oder Teilzeitbeschäftigungen, provozieren die Abwanderung von Fachkräften und der Aufholprozess der neuen Bundesländer wird auf diese Weise systematisch ausgebremst.

Eine strukturpolitische Kritik an der deutschen Niedriglohnstrategie wird ferner von einigen G20-Staaten geäußert. Die Regierung Frankreichs und der USA weisen zurecht darauf hin, dass gerade die am stärksten von der Krise betroffenen Staaten es bei schwacher Binnennachfrage noch schwerer haben werden sich aus ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage zu befreien. Selbst nach Marktregeln, so die Kritik, wäre es ein ganz normaler Vorgang, wenn Löhne und Kosten bald wieder ansteigen würden.

Was zu tun ist

Ein nachhaltiger und zukunftsfähiger Aufbau Ost braucht gute Arbeitsbedingungen, gute Aus- und Weiterbildung, gute und sichere Arbeitsbedingungen und Löhne, von denen man leben kann. Statt eines Unterbietungswettbewerbs bei den Arbeitsbedingungen als vermeintlichem Standortvorteil braucht Ostdeutschland verlässliche Perspektiven für qualitatives Wachstum, die Erschließung und die Förderung von Fachkräfte-Know-how und attraktive Arbeitsbedingungen. Initiativen wie Thüringens „Konzertierte Aktion für gute Arbeit“, die die dortige Landesregierung zusammen mit Gewerkschaften und Arbeitgeber gestartet haben, sind Mut machende Beispiele.

Eine von DGB und Gewerkschaften schon seit langem geforderte Maßnahme ist außerdem die Einführung von flächendeckenden Mindestlöhnen. Es ist an der Zeit, dass diese Forderungen politisch realisiert werden!


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