Deutscher Gewerkschaftsbund

10.09.2015
klartext 36/2015

Verteilungsbericht: Extreme Ungleichheit in Deutschland

Wenige besitzen sehr viel: Fast zwei Drittel des Vermögens in Deutschland gehört laut Oxfam-Verteilungsbericht dem reichsten Zehntel der Bevölkerung. Gleichzeitig arbeiten immer mehr Menschen im Niedriglohnsektor. Öffentliche Investionen in Bildung und Infrastruktur wären Mittel gegen die wachsende Ungleichheit, schreibt der DGB-klartext. Und eine Steuerpolitik, die vor Super-Reichen nicht zurückschreckt.

Symbild Einkommensunterschied: Zwei Männer sitzen / stehen auf kleinen, bzw. großen Münzstapeln

Colourbox

„Ein Europa für alle“ fordert der neue Verteilungsbericht, den die Entwicklungsorganisation Oxfam dieser Tage veröffentlich hat. Er kommt zu dem Schluss, dass die Ungleichheit in Europa erheblich zunimmt und in Deutschland besonders ausgeprägt ist. Mehr denn je gilt es, diesen Trend endlich umzukehren und die Interessen der Mehrheit zu berücksichtigen.

Der Bericht weist auf die enorme Vermögenskonzentration hin, wonach die reichsten zehn Prozent in Deutschland über 63 Prozent des Gesamtvermögens verfügen. Mit Ausnahme Österreichs ist sonst nirgends in Europa eine höhere Konzentration zu beobachten. Diese Ungleichheit ist hauptsächlich durch Schenkungen und Erbschaften verursacht. Seit 1960 hat sich das vererbte Vermögen gemessen am Nationaleinkommen mehr als verfünffacht.

Erbmasse in Deutschland - in % des Nationaleinkommens -

Die Erbmasse wächst und wächst: Seit 1960 – also in den vergangenen 50 Jahren – hat sich der Umfang des vererbten Vermögens in Deutschland mehr als verfünffacht. DGB/Zahlen: http://piketty.pse.ens.fr/en/capital21c2

Zurückzuführen ist dieser Anstieg auch auf zunehmende Steuerprivilegien bis hin zur völligen Steuerfreiheit für Erbschaften und hohe Vermögen. So verstößt das deutsche Erbschaftsteuerrecht trotz mehrerer eindeutiger Urteile des Bundesverfassungsgerichtes seit 30 Jahren gegen das Gleichheitsgebot des Grundgesetzes. Reichtum begründet sich somit in erster Linie durch die Verwandtschaft und weniger durch eigene Leistung. Eine zunehmend durch Familiendynastien dominierte Wirtschaft und Gesellschaft wird – gerade in Deutschland – immer offensichtlicher.

Ebenso kommt es bei den Einkommen zunehmend zu einer Spreizung zwischen sinkenden Löhnen am unteren Ende und enormen Zuflüssen im obersten Einkommensbereich. Besonders dramatisch entwickelte sich dieser Unterschied seit der Jahrtausendwende. Ebenso besteht nach wie vor eine sehr hohe Einkommenskluft zwischen Frauen und Männern. Die Unterschiede sind vor allem auf die Zunahme prekärer Beschäftigung, wie Teilzeit- und Leiharbeit sowie befristete Beschäftigung zurückzuführen. Dies begünstigte die Ausweitung des Niedriglohnsektors. Rund 39 Prozent der Beschäftigten hatten im Jahr 2014 Teilzeit- oder Leiharbeitsverträge.

Auch ist hierzulande die soziale Herkunft viel bedeutender für den Bildungserfolg der Kinder als in allen anderen europäischen Ländern. Der Geldbeutel der Eltern entscheidet über Abschluss und Beruf. Die sozialen Schichten verfestigen sich.

Aber auch in anderen europäischen Ländern nimmt die Spaltung in arm und reich zu. Ohne einen grundlegenden Kurswechsel ist absehbar, dass sie sich wegen der verordneten Schrumpfungsprogramme in den Krisenstaaten weiter vertiefen wird. Denn gerade Einkommensschwächere, wie Jugendliche und Rentner, leiden enorm unter den Lohn- und Rentenkürzungen, massenhaften Entlassungen und Streichungen im Sozial- und Gesundheitssystem.

Doch es gibt Alternativen. Mit mehr Ausgaben für öffentliche und soziale Dienstleistungen, Investitionen in Infrastruktur und Bildung und einer Besteuerung, die auch vor Super-Reichen nicht zurückschreckt, würde europaweit die Ungleichheit abnehmen, Armut bekämpft und gesellschaftlicher Fortschritt ermöglicht. Dafür setzen sich DGB und Oxfam ein.


Nach oben

Weitere Themen

DGB-Stu­die: Ge­sund­heits­kos­ten sind ex­trem un­gleich ver­teilt
DGB/racorn/123rf.com
Nach Schätzungen des GKV-Spitzenverbands werden die Kosten im Gesundheitswesen in den nächsten Jahren um 19 Milliarden Euro steigen. Wenn sich an der aktuellen Gesetzeslage nichts ändert, müssen dafür ausschließlich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufkommen. Auf Durchschnittverdiener kommen allein durch die Zusatzbeiträge der Krankenkassen Mehrkosten von bis zu 855 Euro im Jahr zu.
weiterlesen …

Hoff­mann: Cowd­wor­king braucht faire Spiel­re­geln
DGB/kantver/123rf.com
Sie sind jederzeit verfügbar, jeder kann sie anheuern: Das Heer der Klickarbeiter im Internet wächst. Die Hans-Böckler-Stiftung hat die Arbeitsbedingungen in einer empirischen Studie untersucht – und dabei Auswüchse wie Überwachung per Tastatur oder Stundenlöhne von drei Euro gefunden. Das ist nicht akzeptabel, sagt DGB-Chef Reiner Hoffmann: „Wir brauchen passende Spielregeln für diesen Arbeitsmarkt“.
weiterlesen …

Kör­per­spra­che: Sou­ve­rän auf­tre­ten im Job
Colourbox
Die Hände werden feucht, das Herz klopft: Schon beim Gedanken daran, eine Präsentation oder Rede halten zu müssen, bekommen viele weiche Knie. Wie kann man das lästige Lampenfieber bekämpfen? Und wie schafft man es, auch beim Vorstellungsgespräch oder der Gehaltsverhandlung mit dem Chef souverän und überzeugend rüberzukommen?
weiterlesen …

klartext 41/09: Vermögenssteuer: Neid oder Gerechtigkeit?

Dokument ist vom Typ application/pdf.

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Erbschaftsteuer: "Ein schlechter Kompromiss"
"Das ist ein schlechter Kompromiss", so das Fazit von DGB-Vorstand Körzell zur Einigung der Koalition auf eine Reform der Erbschaftsteuer. "Von dieser Regelung ist weder mehr Steuergerechtigkeit noch ein halbwegs handhabbares Steuerrecht zu erwarten." weiterlesen …
Artikel
Große Vermögen und hohe Gewinne endlich stärker besteuern
Ein kräftiges Plus: Bis zum Jahr 2020 werden Bund, Länder und Gemeinden rund 42,4 Milliarden Euro mehr Steuern einnehmen als geplant. Das hängt aber vor allem mit der guten Konjunktur und Beschäftigungsentwicklung zusammen, sagt DGB-Vorstand Stefan Körzell: "Das Aufkommen aus Steuern mit starkem Bezug zu Gewinnen und großen Vermögen bleibt dahinter zurück." weiterlesen …
Artikel
Pläne zur Erbschaftsteuer teilweise verfassungswidrig
Am 25. September hat im Bundestag die erste Beratung der Erbschaftsteuer-Reform stattgefunden. Auch der Bundesrat beschäftigte sich am selben Tag mit dem Thema. Der DGB hält den Entwurf der Bundesregierung für teilweise verfassungswidrig. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten