Deutscher Gewerkschaftsbund

06.07.2017
Hans-Böckler-Stiftung

Tendenz steigend: Arm trotz Arbeit

Vier Millionen Beschäftigte von Armut bedroht

Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Union verspricht ihren Wählern Vollbeschäftigung - doch immer mehr Menschen können von ihrer Erwerbsarbeit kaum leben, sind trotz Job von Armut bedroht. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung hat sich ihre Zahl von 2004 bis 2014 mehr als verdoppelt. Wie passt das zusammen?

Mann mit T-Shirt "Arm trotz Arbeit"

DGB/Simone M. Neumann

Spitzenreiter Deutschland

Die Zahl der Menschen in Europa, die trotz Arbeit arm oder von Armut bedroht sind, ist gestiegen - vor allem in Deutschland. Hier hat sich die Rate innerhalb von zehn Jahren verdoppelt, von 4,8 auf 9,6 Prozent. Das hat eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung ergeben. In absoluten Zahlen ist der Anstieg noch deutlicher: Waren es 2004 noch knapp 1,9 Millionen Beschäftigte, die unter die Schwelle der Armutsgefährdung fielen, lag Zahl 2014 bei 4,1 Millionen. Zum Vergleich: In Polen ist die Erwerbsarmut im selben Zeitraum um 19,1 Prozent zurückgegangen, bei gleichzeitigem Anstieg der Beschäftigungszahlen.

Wann gilt jemand als arm?

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens eines Landes erzielt. Dabei werden Lohn und Gehalt, aber auch alle staatlichen Transfers wie Wohn- oder Kindergeld mit eingerechnet. In Deutschland lag diese Schwelle 2014 bei 917 Euro im Monat für einen Einpersonenhaushalt.

Grafik zeigt Veränderungen der Erwerbsarmut in Europa zwischen 2004 und 2014. Am stärksten ist der Anstieg in Deutschland (100 Prozent)

Hans-Böckler-Stiftung

Mehr Arbeit keine Garantie für weniger Armut

Doch warum ist ausgerechnet in Deutschland, dem Land mit brummender Wirtschaft und stetig steigenden Beschäftigungszahlen, die Erwerbsarmut so stark gestiegen? Das liege daran, dass viele neue Jobs nicht angemessen entlohnt werden oder die Stundenzahl gering ist, so die Autoren der Studie. Und daran sei wiederum die "Politik des Forderns" schuld: Arbeitslose stünden hierzulande unter starkem Druck, auch eine schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen.

Erwerbsarmut Folge von Arbeitsmarktpolitik

Die Folge: Die positive Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt beruht zu einem großen Teil auf einer Zunahme von atypischen Beschäftigungsverhältnissen wie Teilzeit, häufig im Dienstleistungsbereich und im Niedriglohnsektor. Dabei haben verschärfte Zumutbarkeitsregelungen, die Kürzung von Transferleistungen und die weitgehende Deregulierung des Arbeitsmarkt die Ausweitung des Niedriglohnsektors beschleunigt, so die Forscher.

Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich: Eine bloße Zunahme an Beschäftigung allein reicht nicht, um Erwerbsarmut zu bekämpfen. Wichtig sind gute Jobs - mit Löhnen, die zum Leben reichen.


Weitere Infos: Hans-Böckler-Stiftung: Weiter arm, trotz Arbeit

 


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