„Das, was laut Arbeitszeitschutzgesetz nicht erlaubt ist, ist aus guten Gründen nicht erlaubt!“ Dies hob Prof. Dr. Johanna Wenckebach, Justiziarin beim IG-Metall-Vorstand und Professorin für Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht an der University of Labour in Frankfurt am Main, in der Online-Dialogveranstaltung „2 Stunden, 2 Themen“ hervor, zu der die DGB-Kreisverbände Siegen-Wittgenstein, Hochsauerlandkreis und Olpe eingeladen hatten.
Kaum ein Thema wird aktuell derart kontrovers diskutiert wie die mögliche Abschaffung des 8-Stunden-Tags. „Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) setzt sich entschieden für seinen Erhalt und gegen eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes ein, hob Dietmar Schwalm, DGB-Kreisverbandsvorsitzender im Hochsauerlandkreis, zu Beginn der Veranstaltung hervor. Angesichts von Plänen der Bundesregierung, die tägliche Höchstarbeitszeit zugunsten einer wöchentlichen Regelung zu lockern, warnte er vor einer Zunahme von 12-Stunden-Schichten und einer Gefährdung der Gesundheit der Beschäftigten.
Die Deutschen arbeiten zu wenig, während Lifestyle-Teilzeit steigt – es seien Aussagen wie diese, mit denen Politiker und Lobbyisten an der Aufweichung des Arbeitsschutzgesetzes arbeiteten, beobachtete Prof. Dr. Johanna Wenckebach in ihrem Vortrag. „Es handelt sich hierbei nicht um Fakten. Je öfter man Fake News wie diese hört, desto mehr wird eine Realität geschaffen, in der nicht nur Bürger, sondern auch Politikerinnen und Politiker Erzählungen wie diese glauben“, so die Expertin. Die Realität sehe anders aus: Es gebe hierzulande einen so hohen Erwerbsanteil von Frauen, wie nie zuvor. Zudem sei die Vollzeitarbeit in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern sogar eher lang: Viele arbeiteten 40 Stunden oder sogar mehr. „Allein im Jahr 2024 wurden in der Bundesrepublik 1,2 Milliarden Überstunden gemacht – die Hälfte davon unbezahlt. Es ist also eine glatte Lüge, wenn behauptet wird, wir arbeiteten zu wenig!“
Arbeitszeitschutz ist vor allem eines: Gesundheitsschutz
Problematisch sei allerdings der Umstand, dass jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit beschäftigt sei – eine Million Frauen davon ungewollt, weil Teilzeit aktuell so unflexibel sei. Teilzeitdiskriminierung sei damit indirekt auch Frauendiskriminierung. „Die allermeisten Menschen arbeiten in Teilzeit, weil sie zusätzlich Sorgearbeit übernehmen – etwa für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige – nicht aus Lifestyle-Gründen“, erklärte die Expertin. Im Zuge des demografischen Wandels werde es zunehmend mehr Leute geben, die sich um Verwandte kümmern müssten. „Die Lifestyle-Debatte blendet die Sorgearbeit völlig aus“, so Wenckebach, die vor diesem Hintergrund dazu auffordert, über „echte Arbeitszeitautonomie“ zu sprechen und parallel dazu die Angebote in Kita und der Pflege zu verbessern. Die tägliche Höchstarbeitszeit sei eine lange und hart erkämpfte Errungenschaft der Arbeiterbewegung. Arbeitszeitschutz sei vor allem eins: Gesundheitsschutz. So führe überlanges Arbeiten nachgewiesenermaßen zu mehr Herz und Kreislauferkrankungen, aber auch zu psychischen Belastungen. Zudem steige mit jeder Überstunde das Unfallrisiko. Die Kampagne des DGB, der sich unter dem Slogan „Mit Macht für die 8!“ vehement gegen die Abschaffung des 8-Stunden-Tags positioniert, sei damit vollkommen berechtigt.
„Die Fakten in die Breite tragen!“
Jale Wohlert, Beraterin bei der Projekt Consult GmbH (PCG), stellte anschließend Erkenntnisse der Arbeitsmedizin zur Flexibilisierung der Arbeitszeit vor. Dabei ging sie der Frage nach, ob eine Erhöhung der Arbeitszeit bzw. eine Flexibilisierung zu mehr Produktivität führt und welche Gestaltung von Arbeitszeiten aus arbeitsmedizinischer Sicht empfehlenswert sind. Das gesündeste und sozial verträglichste Arbeitsmodell ist demnach ein unbefristetes Arbeitsverhältnis mit einer gleichmäßigen Verteilung der Arbeitszeit auf fünf Werktage. Atypische Arbeitszeitlagen wie Schichtarbeit und Nacharbeit, Wochenendarbeit, Arbeit am Abend und Überstunden werden dagegen von Arbeitnehmern als besonders belastend wahrgenommen. „Natürlich haben viele verschiedene Faktoren Auswirkung auf die Gesundheit, aber die Arbeitszeit zählt eben auch dazu“, so Jale Wohlert. Nacht- und Schichtarbeit haben demnach negative gesundheitliche Auswirkungen auf Hormonspiegel, Immunfunktion, Stoffwechsel, körperliche Aktivität und Leistungsfähigkeit. „Lange Arbeitszeiten beeinträchtigen zudem die Schlafqualität und können erhöhte Erschöpfung, ein erhöhtes Stresserleben, Angstzustände und depressive Stimmungslagen fördern. Mehr als 50 Wochenstunden bergen zudem ein erhöhtes Risiko für Burnout und führen zu einem steigenden Unfallrisiko“, betonte die Expertin. Auch flexible Arbeitszeiten haben ihre Tücken: „Je weniger Vorhersehbarkeit es gibt, desto schlechter“, so Wohlert, die vor diesem Hintergrund planbare und vorhersehbare Arbeitszeiten empfiehlt. Zudem sei es wichtig, regelmäßige Kurzpausen einzulegen, sowie extreme Frühstarts und Wochenendarbeit möglichst zu vermeiden. Gleiches gelte für Dauernachtschicht sowie die ständige Erreichbarkeit.
„Wir müssen die Fakten in die Breite tragen“, appellierte abschließend André Arenz, Vorsitzender des DGB-Kreisverbands Olpe. Es könne keinem Arbeitgeber daran gelegen sein, durch die Ausweitung der Arbeitszeiten den Krankenstand zu erhöhen.
„Die Argumente sind ganz klar auf unserer Seite!“, hob er hervor.