Menschenmenge von hinten auf einer belebten und sonnigen Straße zu Fuß.

sozialstaatsradar 2026

Der Sozialstaat steht unter Druck, doch die Bevölkerung steht hinter ihm

Die Mehrheit setzt auf Solidarität statt Privatisierung

Der Sozialstaat wird oft schlechtgeredet: zu teuer, zu ineffizient, zu wenig Eigenverantwortung. Doch wie ist die Stimmung im Land tatsächlich? Die Ergebnisse des sozialstaatsradars 2026 zeigen ein anderes Bild: Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland will einen starken Sozialstaat – und ist auch bereit, ihn zu finanzieren.

Die Projektpartner


Die Arbeitnehmerkammer Bremen ist die gesetzliche Interessenvertretung der Arbeitnehmer*innen im Land Bremen. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts vertritt sie über 400.000 Beschäftigte und setzt sich für deren berufliche, wirtschaftliche und soziale Interessen ein. Die Kammer führt regelmäßig Studien zu arbeits- und sozialpolitischen Themen durch und berät Politik und Öffentlichkeit. Homepage: arbeitnehmerkammer.de

 

Die Arbeitskammer des Saarlandes ist die gesetzliche Vertretung der saarländischen Arbeitnehmer*innen. Sie repräsentiert rund 500.000 Beschäftigte im Saarland. Als unabhängige Institution analysiert sie arbeitsmarkt- und sozialpolitische Entwicklungen, erstellt Gutachten und Studien und bringt die Interessen der Beschäftigten in den politischen Diskurs ein. Homepage: arbeitskammer.de

 

Der DGB ist die größte Dachorganisation von Gewerkschaften in Deutschland und vertritt die Interessen von über 5,4 Millionen Mitgliedern aus 8 Einzelgewerkschaften. Als überparteiliche Organisation setzt sich der DGB für Gute Arbeit, soziale Gerechtigkeit und einen starken Sozialstaat ein. Der DGB wirkt maßgeblich an der Gestaltung der Arbeits- und Sozialpolitik mit und ist wichtiger Partner in gesellschaftlichen Debatten.

Staat vor privat: Sicherheit in der Pflege verlässlich organisieren

Die Menschen in Deutschland wollen soziale Sicherheit nicht dem Markt überlassen, sondern erwarten, dass zentrale Leistungen automatisch und öffentlich organisiert werden. Bei der Pflegeversicherung sprechen sich rund 60 Prozent dafür aus, Eigenanteile zu begrenzen oder ganz abzuschaffen.

Viele unterstützen den sogenannten “Sockel-Spitze-Tausch”: Dabei bleiben die Eigenanteile fest, während die Versicherung den Rest übernimmt.

Über die Befragung

Das sozialstaatsradar ist eine gemeinsame Befragung der Arbeitskammer des Saarlandes, der Arbeitnehmerkammer Bremen und des DGB. Die Befragung erhebt einmal jährlich grundlegende Positionen zum Sozialstaat und den Feldern Gesundheit, Pflege und Rente. Sie wird anhand einer systematischen Quotenstichprobe durchgeführt, die die Ansichten der Wohnbevölkerung in Deutschland im Alter ab 18 Jahren zuverlässig abbildet. Insgesamt werden 3.000 Personen per Online-Erhebung befragt. Die hier vorgestellten Ergebnisse zum sozialstaatsradar 2026 basieren auf der 2. Befragung, die vom 7. bis 20. Januar 2026 vom wissenschaftlichen Dienstleister für empirische Sozialforschung und Evaluation uzbonn durchgeführt wurde.

Gute Rente: Klare Absage an eine "Basisabsicherung"

Auch bei der Rente ist die Erwartung klar: 60 Prozent wollen, dass mindestens 80 Prozent der Absicherung automatisch organisiert werden. Ein Drittel wünscht sich sogar eine vollständig verpflichtende Alterssicherung ohne private Zusatzvorsorge. Private Vorsorge als Hauptlösung findet dagegen kaum Unterstützung. 

Für die Menschen zählt im Alter nicht das Existenzminimum, sondern der Lebensstandard. Einer “Basisabsicherung”, wie sie Kanzler Merz jüngst ins Gespräch brachte, erteilen sie eine klare Absage. Im Durchschnitt erwarten die Menschen, dass die Rente rund 70 Prozent des letzten Einkommens erreicht – aktuell liegt das Niveau deutlich darunter. Entsprechend kritisch wird die Situation bewertet: Viele fühlen sich persönlich schlecht abgesichert, fast die Hälfte bewertet die Alterssicherung insgesamt negativ. 

Klar ist auch: Renten sollen weiterhin mit den Löhnen steigen. Mehrheiten dafür finden sich bei der Anhängerschaft aller Parteien – 58 Prozent der Unionsanhänger*innen und 68 Prozent der SPD-Anhänger*innen sprechen sich dafür aus. Der Forderung nach einer Entkopplung der Renten von den Löhnen wird eine klare Absage erteilt.

Sicherheit ist wichtiger als niedrige Beiträge

Gute Leistungen kosten Geld – das ist den Menschen bewusst, und sie sind bereit, ihren Beitrag zu leisten. Rund drei Viertel der Beschäftigten würden höhere Beiträge zahlen, wenn dadurch Leistungen stabil bleiben oder verbessert werden. Das gilt auch für jüngere Menschen: Gerade unter 30-Jährige zeigen eine hohe Bereitschaft, mehr zu zahlen. Ein Generationenkonflikt ist nicht erkennbar. Die Forderung, Leistungen zu kürzen, um Beiträge zu senken, entspricht nicht den Erwartungen der Bevölkerung.

Gemeinsam statt getrennt: Wunsch nach fairen Systemen

Viele Menschen empfinden die bestehenden Systeme als ungerecht. Gesetzlich Versicherte fühlen sich deutlich schlechter abgesichert als privat Versicherte – sowohl bei Gesundheit als auch bei Pflege. Deshalb ist die Unterstützung für gemeinsame Systeme groß: Fast 80 Prozent sprechen sich für eine Bürgerversicherung aus, auch bei der Rente wünschen sich viele ein System, in das alle einzahlen. Die Botschaft ist klar: Ein Sozialstaat funktioniert besser, wenn alle einbezogen werden.

Rente muss erreichbar sein

Eine gute Rente nützt nichts, wenn viele sie gar nicht erreichen. Soziale Sicherung muss zur Lebensrealität der Menschen passen. Die Mehrheit lehnt es ab, das Rentenalter automatisch weiter anzuheben. Gleichzeitig gehen viele Beschäftigte davon aus, ihren Job nicht bis 67 durchhalten zu können – oft schon nicht bis 65. Die Gründe liegen auf der Hand: Arbeitsbelastung, Zeitdruck und gesundheitliche Anforderungen sind für viele zu hoch.

Deshalb gilt: Das Rentenalter darf nicht weiter steigen. Stattdessen braucht es bessere Bedingungen im Arbeitsleben – weniger Stress und Belastung, bessere Arbeitszeiten sowie mehr Wertschätzung durch gute Führung. Auch Übergänge in die Rente müssen besser abgesichert werden, gerade für gesundheitlich belastete Beschäftigte. Das sozialstaatsradar zeigt: Politik und Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass die Rente nicht nur ein Versprechen bleibt, sondern für alle erreichbar ist.

 

 

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