Die Mehrheit setzt auf Solidarität statt Privatisierung
Der Sozialstaat wird oft schlechtgeredet: zu teuer, zu ineffizient, zu wenig Eigenverantwortung. Doch wie ist die Stimmung im Land tatsächlich? Die Ergebnisse des sozialstaatsradars 2026 zeigen ein anderes Bild: Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland will einen starken Sozialstaat – und ist auch bereit, ihn zu finanzieren.
Staat vor privat: Sicherheit in der Pflege verlässlich organisieren
Die Menschen in Deutschland wollen soziale Sicherheit nicht dem Markt überlassen, sondern erwarten, dass zentrale Leistungen automatisch und öffentlich organisiert werden. Bei der Pflegeversicherung sprechen sich rund 60 Prozent dafür aus, Eigenanteile zu begrenzen oder ganz abzuschaffen.
Viele unterstützen den sogenannten “Sockel-Spitze-Tausch”: Dabei bleiben die Eigenanteile fest, während die Versicherung den Rest übernimmt.
Gute Rente: Klare Absage an eine "Basisabsicherung"
Auch bei der Rente ist die Erwartung klar: 60 Prozent wollen, dass mindestens 80 Prozent der Absicherung automatisch organisiert werden. Ein Drittel wünscht sich sogar eine vollständig verpflichtende Alterssicherung ohne private Zusatzvorsorge. Private Vorsorge als Hauptlösung findet dagegen kaum Unterstützung.
Für die Menschen zählt im Alter nicht das Existenzminimum, sondern der Lebensstandard. Einer “Basisabsicherung”, wie sie Kanzler Merz jüngst ins Gespräch brachte, erteilen sie eine klare Absage. Im Durchschnitt erwarten die Menschen, dass die Rente rund 70 Prozent des letzten Einkommens erreicht – aktuell liegt das Niveau deutlich darunter. Entsprechend kritisch wird die Situation bewertet: Viele fühlen sich persönlich schlecht abgesichert, fast die Hälfte bewertet die Alterssicherung insgesamt negativ.
Klar ist auch: Renten sollen weiterhin mit den Löhnen steigen. Mehrheiten dafür finden sich bei der Anhängerschaft aller Parteien – 58 Prozent der Unionsanhänger*innen und 68 Prozent der SPD-Anhänger*innen sprechen sich dafür aus. Der Forderung nach einer Entkopplung der Renten von den Löhnen wird eine klare Absage erteilt.
Sicherheit ist wichtiger als niedrige Beiträge
Gute Leistungen kosten Geld – das ist den Menschen bewusst, und sie sind bereit, ihren Beitrag zu leisten. Rund drei Viertel der Beschäftigten würden höhere Beiträge zahlen, wenn dadurch Leistungen stabil bleiben oder verbessert werden. Das gilt auch für jüngere Menschen: Gerade unter 30-Jährige zeigen eine hohe Bereitschaft, mehr zu zahlen. Ein Generationenkonflikt ist nicht erkennbar. Die Forderung, Leistungen zu kürzen, um Beiträge zu senken, entspricht nicht den Erwartungen der Bevölkerung.
Gemeinsam statt getrennt: Wunsch nach fairen Systemen
Viele Menschen empfinden die bestehenden Systeme als ungerecht. Gesetzlich Versicherte fühlen sich deutlich schlechter abgesichert als privat Versicherte – sowohl bei Gesundheit als auch bei Pflege. Deshalb ist die Unterstützung für gemeinsame Systeme groß: Fast 80 Prozent sprechen sich für eine Bürgerversicherung aus, auch bei der Rente wünschen sich viele ein System, in das alle einzahlen. Die Botschaft ist klar: Ein Sozialstaat funktioniert besser, wenn alle einbezogen werden.
Rente muss erreichbar sein
Eine gute Rente nützt nichts, wenn viele sie gar nicht erreichen. Soziale Sicherung muss zur Lebensrealität der Menschen passen. Die Mehrheit lehnt es ab, das Rentenalter automatisch weiter anzuheben. Gleichzeitig gehen viele Beschäftigte davon aus, ihren Job nicht bis 67 durchhalten zu können – oft schon nicht bis 65. Die Gründe liegen auf der Hand: Arbeitsbelastung, Zeitdruck und gesundheitliche Anforderungen sind für viele zu hoch.
Deshalb gilt: Das Rentenalter darf nicht weiter steigen. Stattdessen braucht es bessere Bedingungen im Arbeitsleben – weniger Stress und Belastung, bessere Arbeitszeiten sowie mehr Wertschätzung durch gute Führung. Auch Übergänge in die Rente müssen besser abgesichert werden, gerade für gesundheitlich belastete Beschäftigte. Das sozialstaatsradar zeigt: Politik und Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass die Rente nicht nur ein Versprechen bleibt, sondern für alle erreichbar ist.
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