Aus für Eberswalder Würstchen – Tönnies schließt Traditionsbetrieb

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Die Eberswalder Wurstwerke werden geschlossen. Das hat die Geschäftsleitung des zu Tönnies gehörenden Betriebs bekannt gegeben. Zum 28. Februar 2026 ist Schluss. Über 500 Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz.

Die Gewerkschaft NGG kritisiert die rücksichtslose Rendite- und Marktbereinigungspolitik des Fleisch-Konzerns. Die NGG prangert zudem ein rechtliches Schlupfloch bei Betriebsschließungen an.

Traditionsmarke mit langer Geschichte

Die “Eberswalder Würstchen” sind seit Jahrzehnten aus ostdeutschen Kühlschränken nicht wegzudenken. Das “Eberswalder”-Logo prangt stolz über der Punktetafel beim 1. FC Union Berlin in der Alten Försterei. Über 550 Menschen in der Region verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung der Traditionsprodukte.

Das Werk blickt auf eine lange Geschichte zurück. Zu DDR-Zeiten war es eines der größten Fleischwerke Europas mit über 3.000 Beschäftigten.

Tönnies kaufte erst 2023

Seit 2023 gehört das Fleischwerk in Britz der „Zur Mühlen Gruppe". Diese ist die Wurstwarensparte des Fleisch-Giganten Tönnies. Das Unternehmen hatte den Betrieb erst vor zwei Jahren übernommen.

NGG: “Totengräber der Tradition”

Die NGG zeigt sich empört, aber wenig überrascht. “Diese rücksichtslose Politik des Aufkaufens und Dichtmachens passt in das Bild, das die Tönnies-Gruppe abgibt”, sagt Uwe Ledwig, Vorsitzender des NGG-Landesbezirks Ost. “Den Menschen wurde beim Kauf vollmundig eine Zukunft des Werkes versprochen. Das Gegenteil ist der Fall. Tönnies entpuppt sich als Totengräber der Tradition.”

Keine Investitionen – nur Verschleiß

Von den versprochenen Investitionen sei weit und breit nichts zu sehen gewesen, so die NGG weiter. “Es wurde zweieinhalb Jahre auf Verschleiß gefahren und nun werden die Leute auf die Straße gesetzt. Das ist nichts anderes als Marktbereinigung!”, kritisiert Ledwig. Tönnies sichere sich so Marktanteile und seine dominante Stellung in der deutschen Fleischbranche – auf dem Rücken der Beschäftigten.

Rechtliches Schlupfloch ausgenutzt

Der Betriebsrat hat in Verhandlungen mit dem Arbeitgeber über einen Sozialplan eine gewisse Abfederung für die Beschäftigten geschaffen. Doch diese sei laut Uwe Ledwig unzureichend.

Durch die schamlose Ausnutzung eines rechtlichen Schlupflochs habe die Zur Mühlen Gruppe den Betriebsrat unter Druck setzen können. Das Unternehmen argumentierte, dass es zum Abschluss eines Sozialplans gar nicht verpflichtet sei.

Was ist das rechtliche Schlupfloch?

Nach § 112a Betriebsverfassungsgesetz sind „Betriebe eines Unternehmens in den ersten vier Jahren nach seiner Gründung" von der Anwendung eines Sozialplans ausgenommen. Die Übernahme von Eberswalder durch Tönnies erfolgte im Jahr 2023. Das Unternehmen am Standort existiert aber schon seit Jahrzehnten.

NGG fordert politisches Handeln

Das Aus für das Eberswalder Wurstwerk ist für Ledwig ein Signal an die Politik. “Der Betriebsrat hat hier versucht zu retten, was zu retten war”, sagt er. “Doch wie oft müssen wir mit ansehen, wie Großkonzerne Konkurrenz-Betriebe kaufen und dann kurz darauf die Menschen ohne ordentliche Abfindung auf die Straße setzen?”

Ledwigs Forderung ist klar: “Wenn das, was hier passiert ist, erlaubt ist, gehört es verboten! Wer Industrie-Arbeitsplätze erhalten will, muss solchen Missbräuchen einen Riegel vorschieben.”

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