Der Druck war da und er war nötig. Nach 3 ergebnislosen Runden hatte ver.di kurz vor der 4. Verhandlungsrunde am 14. April alle AOK-Beschäftigten zu einem bundesweiten Streik aufgerufen. Mehrere tausend Kolleg*innen waren dem Aufruf am 13. April gefolgt und stärkten der Verhandlungskommission den Rücken. Nach zähen Verhandlungen bis tief in die Nacht konnte ein Ergebnis erzielt werden.
Das Verhandlungsergebnis im Überblick
Die Tabellenentgelte erhöhen sich um 2,5 Prozent ab 1. Mai 2026 und weitere 2,5 Prozent ab 1. Mai 2027. Zum 1. Juli 2026 erhalten die Beschäftigten eine Einmalzahlung von 600 Euro brutto für netto, Teilzeitkräfte anteilig, Azubis und dual Studierende 300 Euro. Ab 1. Mai 2027 gilt ein Mindestbetrag von 130 Euro. Die Laufzeit beträgt 24 Monate bis zum 31. Dezember 2027.
Die Ausbildungsvergütung steigt ab Mai 2026 um 80 Euro und ab Mai 2027 um weitere 80 Euro. Eine Öffnungsklausel ermöglicht die Übernahme von Studiengebühren vor Ort. Der Gesundheitszuschuss wird fortgeführt. ver.di-Mitglieder erhalten je einen zusätzlichen freien Tag in den Jahren 2026 und 2027.
Zentrale Forderungen nicht durchgesetzt
Die Arbeitgeber haben die Argumente zu Inflation und steigenden Lebenshaltungskosten nicht ausreichend berücksichtigt. Besonders bitter ist, dass die Anrechnung der Ausbildungsjahre auf die Stufenlaufzeit bis zuletzt komplett verweigert wurde. Diese Forderung war für die jungen Kolleg*innen von zentraler Bedeutung. Das Ergebnis bleibt hinter den Erwartungen und hinter der Lebensrealität vieler Beschäftigter zurück.
Mitglieder entscheiden über Kompromiss
Ob das Ergebnis angenommen wird, entscheiden nun die Mitglieder. In einer Mitgliederbefragung können sie abstimmen, ob der Kompromiss angenommen wird oder ob sie bereit sind, für ein besseres Ergebnis in einen unbefristeten Streik zu treten.
Ursprüngliche Forderungen von ver.di
ver.di hatte für die Tarifbeschäftigten 7,5 Prozent mehr Gehalt gefordert, mindestens jedoch 375 Euro monatlich. Für die Ausbildungsvergütung wurden 150 Euro mehr verlangt. Die Laufzeit des Tarifvertrags sollte 12 Monate betragen. Darüber hinaus setzte sich die Gewerkschaft für Verbesserungen bei Auszubildenden sowie bei Regelungen zum Gesundheitszuschuss ein.
Fachkräftesicherung als besonderer Fokus
Ein besonderer Fokus lag auf der Fachkräftesicherung. ver.di-Verhandlungsführerin Heike Spies erklärte, die eigene Ausbildung sei eines der wichtigsten Instrumente zur Fachkräftesicherung. Wenn es nicht gelinge, ausgebildete Kolleg*innen durch attraktive und nachvollziehbare Entwicklungsperspektiven in der eigenen Kasse zu halten, verschärfe sich die zum Teil ohnehin angespannte Personalsituation weiter.
Arbeitgeberangebot blieb deutlich unter den Forderungen
Die Arbeitgeber hatten zuletzt eine deutlich niedrigere Erhöhung vorgeschlagen. Ihr Angebot sah 2,1 Prozent mehr Gehalt ab Mai 2026 nach 4 Nullmonaten vor sowie weitere 2,1 Prozent ab Mai 2027. Die Laufzeit sollte 24 Monate betragen. Für die Ausbildungsvergütung waren jeweils 80 Euro mehr vorgesehen. Zusätzlich war eine variable Komponente von 0,6 Prozent geplant.
Aus Sicht von ver.di reichte dieses Angebot nicht aus, um die steigenden Lebenshaltungskosten auszugleichen oder die Attraktivität der Arbeitsplätze zu sichern. Spies hatte das Arbeitgeberangebot als mangelnden Respekt gegenüber den berechtigten Forderungen der Beschäftigten kritisiert. Die Beschäftigten hätten mehr verdient, zumal sie im Vergleich zu anderen Kassen ohnehin weniger erhielten.
Von den Verhandlungen betroffen sind rund 60.000 Beschäftigte bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen, beim IT-Dienstleister ITSCare sowie beim AOK-Bundesverband. Schon ab der 1. Verhandlungsrunde hatte es immer wieder regionale Warnstreiks gegeben.