Deutscher Gewerkschaftsbund

01.11.2018
klartext 38/2018

Wohnkosten verschärfen die Ungleichheit

Die Einkommensunterschiede in Deutschland werden größer, die Ungleichheit wächst. Das liegt auch daran, dass Ärmere einen immer größeren Teil ihres Einkommens für die Miete ausgeben müssen - während bei Reichen die Belastung sinkt. Der DGB-klartext fordert die Politik auf, schnell zu handeln.

Zwei Miniatürhäuser auf unterschiedlich hohen Münzstapeln

DGB/Samantha Ireland/123rf.com

Einkommensungleichheit wächst

Die soziale und ökonomische Spaltung in Deutschland nimmt seit Jahren zu. Die Vermögen sind sehr ungleich verteilt und auch Einkommensungleichheit wächst im Trend. Eine neue Studie vom University Center in London und der Humboldt-Universität zu Berlin zeigt jetzt auf, wie die Entwicklung der Wohnkosten zwischen 1993 und 2013 diese Ungleichheit weiter verstärkt hat.

Wohnkosten fressen Einkommen auf

Am deutlichsten zeigt sich das an der Frage, wer welchen Anteil seines Nettoeinkommens für Wohnkosten aufwenden muss. Während diese Wohnkostenlast für das untere Fünftel der Haushaltseinkommen von 27 Prozent auf 39 Prozent gestiegen ist, ist es für das obere Fünftel von 16 Prozent auf 14 Prozent gesunken (siehe Grafik). GeringverdienerInnen bleibt entsprechend immer weniger Geld für andere Ausgaben und den Vermögensaufbau. Das trug dazu bei, dass die Sparquote in der unteren Einkommensgruppe im Untersuchungszeitraum von zwei Prozent auf minus ein Prozent gefallen ist, dass diese Gruppe im Durchschnitt also Schulden machen muss.

Mieterland Deutschland

Im internationalen Vergleich ist Deutschland ein Mieterland. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) aller Haushalte wohnen zur Miete. Im unteren Einkommensfünftel betrifft dies sogar 77 Prozent der Haushalte, im oberen hingegen nur 35 Prozent. Wohlhabende Haushalte leben nicht nur überdurchschnittlich oft im Eigentum, sondern auch mehrheitlich in einem nicht abbezahlten Eigentum. Von den gesunkenen Hypothekenzinsen in den letzten Jahren profitieren die oberen Einkommensklassen folglich überdurchschnittlich.

Diagramm: proezntuale Entwicklung des Wohnkostenanteils am Einkommen in den Jahren 1993 bis 2013

Quelle: Dustman, Fitzenberger, Zimmermann 2018: Housing Expenditures and Income Inequality

Privatisierung verdrängt sozialen Wohnungsbau

Im Gegensatz zu den Zinsen stiegen die Mieten im Betrachtungszeitraum deutlich an. Die Abschaffung der Wohnungsgemeinnützigkeit 1990 beförderte die Privatisierungswelle in den 1990er und 2000er Jahren. Da sich zudem der Staat aus der sozialen Wohnraumförderung weitgehend zurückzog, reduzierte sich die Zahl der Sozialwohnungen drastisch. Die privatisierten Wohnungsbestände wurden nicht mehr gemeinwohlorientiert, sondern renditeorientiert bewirtschaftet, was die Mietsteigerungen anheizt. Etwa eine Millionen Wohnungen befinden sich im Besitz von Aktiengesellschaften. Hinzu kommt, dass der Neubau bezahlbarer Wohnungen nicht mit der Nachfrage Schritt gehalten hat.

Neuvermietung belastet Haushalte stark

Da die Bestandsmieten nicht so stark angestiegen sind wie die Angebotsmieten bei Neuvermietung, ist die Belastung für Haushalte, die in den letzten Jahren umgezogen sind, nochmal höher. Dies betrifft junge Menschen besonders stark, weswegen sie im Durchschnitt mehr für das Wohnen ausgeben müssen. Folglich haben sie weniger Mittel für andere Ausgaben oder den Aufbau von Vermögen übrig. Hier befürchten die Autoren der Studie „dramatische Konsequenzen in Form einer höheren Vermögensungleichheit in der Zukunft“.

Politik muss Wohnungsfrage dringend klären

Da sich die Bedingungen auf dem Wohnungsmarkt in den letzten fünf Jahren weiter zugespitzt haben, ist davon auszugehen, dass sich aufgrund der Wohnkostenbelastung die Ungleichheit in Deutschland weiter manifestiert hat. Die politisch Verantwortlichen sprechen zu recht von der Wohnungsfrage als der dringlichsten sozialen Frage unserer Zeit. Dementsprechend sollte die Politik auch handeln – und zwar schnell.



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