Deutscher Gewerkschaftsbund

26.09.2017

Befristete Beschäftigung: und tschüss!

einblick Oktober 2017

Die Beschäftigungsquote ist auf Rekordhoch – also alles bestens auf dem deutschen Arbeitsmarkt? Nicht für die befristet Beschäftigten – inzwischen über 3,2 Millionen Menschen in Deutschland. Sie haben weniger Geld, weniger Perspektiven und weniger Sicherheit. Und über allem hängt die Frage: Wird der Vertrag verlängert?

Mann auf Sanduhr

Colourbox.de

Die Situation

Fast die Hälfte aller neu abgeschlossenen Arbeitsverträge hat inzwischen ein „Verfallsdatum“ – Auszubildende und Mini-Jobber nicht mitgerechnet. Das zeigen aktuelle Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Aber nicht nur Berufsanfänger werden befristet eingestellt, sondern zunehmend auch mittlere und höhere Altersgruppen: Bei den 30- bis 39jährigen sind es 49 Prozent, die befristete Stellen antreten – 11 Prozent mehr als 2015. Besonders häufig trifft es Frauen: 47 Prozent von ihnen erhalten Arbeitsverträge „auf Zeit“ – bei den Männern sind es 38 Prozent. Das liegt auch daran, dass Frauen überwiegend im Dienstleistungssektor, im Gesundheitswesen oder im öffentlichen Dienst tätig sind, wo sich Befristungen häufen. „Der öffentliche Sektor spielt eine unrühmliche Rolle“, so DGB-Bundesvorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Der Anteil befristeter Neu-Verträge liegt hier bei rund 60 Prozent.

Grafik Befristete Beschäftigung

Befristet Beschäftigte verdienen deutlich weniger als ihre unbefristeten KollegInnen. DGB

Insgesamt arbeiten fast 10 Prozent der Beschäftigten befristet – sei es, weil sie jemanden vertreten oder weil die Stelle nur für eine gewisse Zeit finanziert wird. In der Hälfte der Fälle ist das automatische Ablaufdatum des Arbeitsverhältnisses aber unbegründet: Die Befristung ist sachgrundlos. Dies betrifft mehr als 1,5 Millionen Menschen. Für die ArbeitnehmerInnen bedeuten befristete Verträge berufliche und private Unsicherheit. „Gerade junge Menschen hangeln sich von Befristung zu Befristung. Sie können weder ihre private noch berufliche Zukunft planen“, kritisiert Buntenbach. Die Lebensqualität leidet: Befristet Beschäftigte sind weniger zufrieden, weniger motiviert und haben mehr gesundheitliche Probleme.

Das wollen die Parteien

In ihren Wahlprogrammen haben die Parteien Stellung zum Thema Befristungen genommen. CDU/CSU schreiben: „Befristete Arbeitsverhältnisse dürfen unbefristete Arbeitsverhältnisse nicht einfach ersetzen.“ Offenkundige Missstände müssten abgestellt w erden. Die SPD will sachgrundlose Befristungen abschaffen und die möglichen Sachgründe einschränken sowie Kettenbefristungen begrenzen. Die Linke hat vor, sachgrundlose Befristungen abzuschaffen, Sachgründe strikt zu beschränken und Kettenbefristungen zu verbieten. Befristungen dürften nur ein Jahr betragen – der zweite Arbeitsvertrag beim gleichen Arbeitgeber muss unbefristet sein. Zudem sollen sachgrundlose Befristungen im öffentlichen Dienst ausgeschlossen werden. Die Grünen planen,
sachgrundlose Befristungen abzuschaffen. Die FDP fordert: Befristungen nicht weiter einschränken.

Die Rechtslage

Befristungen sind im Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) geregelt. Das TzBfG nennt acht Sachgründe, die eine Befristung rechtfertigen, u.a. vorübergehender betrieblicher Bedarf, Vertretung anderer ArbeitnehmerInnen oder die zeitlich befristete Natur der Arbeitsleistung. Neue Arbeitsverhältnisse können bis zu zwei Jahre ohne Sachgrund befristet werden – in neugegründeten Unternehmen sind es bis zu vier Jahre. Befristungen von bis zu fünf Jahren sind zulässig bei ArbeitnehmerInnen über 52 Jahre, die zuvor arbeitslos waren.

Das will der DGB

Gute Arbeit ist unbefristet. „Befristete Arbeitsverträge ohne sachlichen Grund gehören abgeschafft“, erklärt Annelie Buntenbach. Insgesamt solle die Möglichkeit, Arbeitsverträge zu befristen, eingeschränkt werden. Denn: Jahrelange Kettenbefristungen oder Befristungen aus vorgeschobenen Gründen höhlen arbeitsrechtliche Standards wie den Kündigungsschutz aus. „Wir werden die Parteien daran messen, was sie vor der Wahl angekündigt haben“, macht Buntenbach deutlich.


 Befristete Beschäftigung: Forderungen des DGB

DGB-Flagge im Gegenlicht

DGB/Simone M. Neumann

  • Sachgrundlose Befristung abschaffen

  • Sachgründe verschärfen, Kettenbefristungen verhindern

  • Sachgrund „befristete Haushaltsmittel“ aufheben

  • Befristungsgrund schriftlich dargelegen

  • Öffentlicher Sektor soll mit gutem Beispiel vorangehen

  • Befristet Beschäftigte bevorzugt unbefristet einstellen

  • Sonderregeln für Unternehmensgründer aufheben

  • Befristungen in der Wissenschaft einschränken

 


Der aktuelle einblick Oktober 2017 - auf einen Blick

Hier entlang

einblick - Gesamte Ausgabe auf einen Blick

einblick - Gesamte Ausgabe auf einen Blick


Nach oben

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Jede zweite Neueinstellung ist befristet
Über 3 Millionen Menschen in Deutschland hatten 2018 einen befristeten Arbeitsvertrag. Das sind doppelt so viele wie 1996. Besonders betroffen sind Frauen und junge Menschen sowie Beschäftigte in Teilzeit oder ohne deutschen Pass. Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. weiterlesen …
Artikel
Arbeitsbedingungen: Keine Entwarnung bei prekärer Beschäftigung
Niedrige Einkommen, geringer sozialer Schutz und weniger Mitbestimmungsrechte. Das ist noch immer die aktuelle Situation von prekär Beschäftigten. Die Gewerkschaften fordern den Gesetzgeber zum Handeln auf. Leiharbeit muss stärker reguliert und sachgrundlose Befristung abgeschafft werden. weiterlesen …
Link
Minijobs sind "Sackgasse für Millionen"
Finanzielle Abhängigkeit, niedrige Einkommen und drohende Altersarmut: Das ist Alltag für Millionen Minijobber. Ein Übergang in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist immer noch die Ausnahme. DGB-Vorstand Annelie Buntenbach fordert deshalb in der Neuen Osnabrücker Zeitung eine „grundlegende Minijobreform“. zur Webseite …

Zuletzt besuchte Seiten