Deutscher Gewerkschaftsbund

14.03.2011
klartext 9/2011

Ungleiche Einkommensverteilung bremst Wachstum

Deutschland könnte trotz des kräftigen Aufschwungs die Chance auf Wachstum verpassen. Denn von der guten konjunkturellen Lage profitieren vor allem ohnehin einkommensstarke Gruppen. Ärmere können sich kaum mehr leisten – das schadet der inländischen Nachfrage und damit der gesamten Wirtschaft.

Die Wirtschaft nimmt wieder Fahrt auf. Auch die Konsumbereitschaft werde hierzulande wieder steigen, so die einhellige Meinung vieler Experten. Der private Verbrauch könne sogar zum Wachstumstreiber der deutschen Wirtschaft avancieren. Die Konsumlaune der Deutschen sei so gut wie nach der Wiedervereinigung nicht mehr. Doch da sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben. Denn bereits im letzten Konjunkturzyklus vor der Krise blieb der erhoffte Kaufrausch aus, obwohl es positive Signale gab. Trotz Aufschwungs stagnierten die privaten Konsumausgaben. Ein Grund ist die zunehmende Ungleichheit bei der Einkommensverteilung, wie aus einer Studie des DIW hervorgeht. Fakt ist: Der damalige Aufschwung ging an den meisten vorbei.

Jahresdurchschnittliche Veränderung des monatlichen Nettoeinkommens

*Die Veränderungsraten beziehen sich auf den Mittelwert in den jeweiligen Einkommensklassen. Grafik: DGB/Daten SOEP, Berechungen des DIW

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich hierzulande weiter. Während die Nettomonatseinkommen des einkommensstärksten Viertels im Konjunkturzyklus von 2004 bis 2009 jahresdurchschnittlich um 2,4 Prozent und die  der Spitzenverdiener sogar um 3,7 Prozent zulegen konnten, kamen die Einkommen der Geringverdiener mit einer jahresdurchschnittlichen Erhöhung von 0,9 Prozent nicht vom Fleck (siehe Abbildung). In den Jahren von 1997 bis 2003 waren die Zuwächse bei den Einkommen zumindest noch etwas ausgeglichener. Diese Diskrepanz bei der Einkommensentwicklung bleibt nicht ohne Folgen für den heimischen Konsum.

Während Einkommensschwächere nahezu ihre gesamten Einkünfte für die täglichen Ausgaben benötigen, sparen Einkommensstärkere einen größeren Teil ihrer finanziellen Mittel. So konnte das einkommensschwächste Viertel im Jahr 2009 gerade einmal 4,3 Prozent ihrer verfügbaren Einkünfte für die Zukunft zurücklegen. Das einkommensstärkste Viertel legte dagegen 13,2 Prozent auf die hohe Kante, bei den Spitzenverdienern waren es gar 15 Prozent. Durch die Einkommensumverteilung von unten nach oben wurde ein erheblicher Teil der gesamtwirtschaftlichen Kaufkraft in Ersparnisse umgeleitet und somit der Konsumnachfrage entzogen. Die dicken Geldpolster lösten auch keine Beflügelung der heimischen Investitionstätigkeit aus. Vielmehr wurden die Ersparnisse an den internationalen Finanzmärkten in riskante Anlagen gesteckt – mit den bekannten negativen Folgen für Wachstum und Beschäftigung.

Sollten sich die Einkommen künftig ebenso unterschiedlich entwickeln wie in den Jahren zuvor, werden Wachstumspotentiale und damit auch der Wohlstand für alle ausbleiben. Deutschland wirtschaftet dann unter seinen Möglichkeiten. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben den Aufschwung  erwirtschaftet. Jetzt ist es von entscheidender strategischer Bedeutung, dass sie daran auch durch steigende Löhne und Einkommen teilhaben. Die Reduzierung von Einkommensungleichheiten ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der volkswirtschaftlichen Vernunft. Denn geringere Konsumausgaben bremsen zusätzliches Wachstum und damit auch die Beschäftigung.


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