Deutscher Gewerkschaftsbund

23.11.2016

Bericht: Energiewende - Nicht ohne Gute Arbeit!

"Gute Arbeit und Sozialpartnerschaft in der Energiewende? - Das Beispiel der Windkraftindustrie" - Workshop, 19. Oktober 2016

Arbeiter und Windrad

DGB/Francesco Mou/123RF.com

Im öffentlichen Diskurs um die Energiewende bleibt die soziale Dimension häufig außen vor.  Doch diese ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer nachhaltigen Entwicklung, was sich auch in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen oder im Pariser Klimaabkommen wiederspiegelt. Vor diesem Hintergrund lud der DGB gemeinsam mit der IG Metall, der Hans-Böckler-Stiftung und der Freien Universität Berlin zum Workshop „Gute Arbeit und Sozialpartnerschaft in der Energiewende? - Das Beispiel der Windkraftindustrie“ ein. Unter der Moderation von Malte Kreutzfeldt gingen die Teilnehmenden der Fragestellung nach sozialpartnerschaftlichen Strukturen und der Qualität der Arbeitsbedingungen in der Windbranche nach.

Dass die erneuerbaren Energien große Beschäftigungspotentiale bieten zeigte Dr. Ulrike Lehr von der Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung (GWS). Die GWS erstellt regelmäßig im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums einen Monitoringbericht zu den Beschäftigungseffekten durch den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. Daraus ließ sich trotz Einbruch in 2012 ein bemerkenswerter Bruttobeschäftigungseffekt ableiten. So waren 2014 rund 355.000 Arbeitsplätze etwa durch Installation, Wartung und Forschung entstanden. Nach Abzug negativer Beschäftigungseffekte bleibt der quantitative Saldo positiv.

Grafik zur Zahl der Arbeitsplätze in der Erneuerbare-Energien-Branche in Deutschland

DGB

Auch weltweit haben die erneuerbaren Energien enorme Beschäftigungseffekte erzielt, was sich in acht Millionen Arbeitsplätzen ausdrückt. Dass die Anzahl der Arbeitsplätze stark von den politischen Rahmenbedingungen abhängt, hat sich beispielhaft beim Zusammenbruch der deutschen Solarindustrie gezeigt. Neben der Quantität ist aus Gewerkschaftssicht gerade auch die Qualität der Arbeitsplätze entscheidend.

Eine Erfassung der Qualität war und ist hingegen von der Politik bisher nicht vorgesehen, was unter anderem Dr. Hans-Joachim Ziesing als Mitglied der Expertengruppe zum Monitoring der Energiewende kritisierte. Diese Kritik fand unter den Teilnehmenden große Zustimmung.

Wie sich derzeit die Praxis der Arbeitsbeziehungen darstellt, wurde aus den Ergebnissen eines laufenden Forschungsprojektes deutlich. Dieses wurde vom Management Department und der Forschungsstelle für Umweltpolitik der FU Berlin in Kooperation durchgeführt. Das Forschungsprojekt untersuchte einerseits die Arbeitsbeziehungen in vier großen Windkraftunternehmen sowie andererseits Politikansätze für die Verankerung guter Arbeit im Bereich der Ökostromförderung. Einen Überblick über die Ergebnisse der Unternehmensfallstudien gab Manuel Nicklich vom Management Department der FU Berlin. In qualifizierten Interviews auf verschiedenen Ebenen wurden die Unternehmen fünf Jahre begleitet. Das Ergebnis zeigt, wie heterogen die Branche ist. Waren die Mitbestimmungsstrukturen bei allen Unternehmen zu Beginn der Studie wenig ausgeprägt, zeigten sich in späteren Bestandsaufnahmen beträchtliche Unterschiede. Nur in einem der Unternehmen etablierte sich eine umfassende Mitbestimmung. Die anderen wiesen hingegen schwächere bis kaum vorhandene soziale Mechanismen auf. Das Fazit der Forschenden ist eindeutig: durch das schnelle Wachstum der Branche mit dem Ziel der ökologischen Transformation geriet die Herausbildung von Strukturen der sozialen Nachhaltigkeit ins Hintertreffen.

Ein ähnliches Bild zeichnete der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Hamburger Siemens-Niederlassung, Thomas Ahme. Er beschrieb die positiven Auswirkungen von Tarifverträgen, die bei weitem nicht flächendeckend seien. So wirken sich Tarifverträge positiv auf die Ausbildungsaktivitäten der Betriebe aus und schränken gleichzeitig den Missbrauch atypischer Beschäftigungsverhältnisse ein. Als gutes Beispiel nannte Ahme das neue Siemenswerk in Cuxhaven für Offshore-Windenergieanlagen, welches von Planungsbeginn an durch den Betriebsrat begleitet wurde und so schon im Vorfeld Mitbestimmungsstrukturen entstanden. „Da ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass in dem neuen Werk überdurchschnittlich viele Bewerbungen eingingen.“ fügte Ahme hinzu.

Florian Müller von der IG Metall Rendsburg berichtete aus der Praxis über den mühsamen Aufbau gewerkschaftlicher Strukturen in der Windkraftbranche. Besonders problematisch seien die innerbetrieblichen Strukturen der mittlerweile global agierenden Unternehmen der Branche, die zum Teil denen kleinerer Betriebe und Startups glichen.

Mit „nordwindaktiv“ ist in Norddeutschland ein neuer Arbeitgeberverband entstanden, der sich auf Unternehmen der Windindustrie fokussiert und diesen Unterstützung bei arbeitsrechtlichen und tarifvertraglichen Themen anbietet. Stephan Kallhoff, Geschäftsführer von nordwindaktiv, machte in seinem Beitrag deutlich, dass der Verband einen unternehmensspezifischen Ansatz bei der Tarifpolitik verfolgt und eine generelle Übernahme von Flächentarifverträgen zum jetzigen Zeitpunkt ablehnen würde. Die anwesenden Gewerkschaftsvertreter begrüßten das Engagement von nordwindaktiv grundsätzlich, kritisierten allerdings den unternehmensspezifischen Ansatz. Dieser würde letztlich auch für die Unternehmen zu keinem level-playing-field führen, sondern die Gegensätze bei Lohn- und Arbeitsbedingungen festschreiben. Angelika Thomas vom IG Metall Vorstand machte deutlich, dass die durch Flächentarifverträge etablierten Löhne und Arbeitsbedingungen klassischer Industriebranchen der Maßstab für die Windindustrie sein müssen.

Im zweiten Teil des Workshops ging Michael Krug von der Forschungsstelle für Umweltpolitik auf die Forschungsergebnisse im Hinblick auf gesetzliche Instrumente zur Stärkung der guten Arbeit bei der Ökostromförderung ein. Er zeigte verschiedene denkbare Ansätze und erläuterte internationale Erfahrungen. Zudem verwies Krug auf die Forderungen des DGB und der IG Metall bei den EEG-Ausschreibungen Kriterien guter Arbeit zu berücksichtigen. Im Anschluss erläuterte eine Vertreterin des BMWi die Überlegungen der Bundesregierung zur Ausgestaltung des Ausschreibungsdesigns. Eine Implementierung von weitergehenden Präqualifizierungsanforderungen sei vom BMWi nicht beabsichtigt gewesen, um einen gut funktionierenden Wettbewerb nicht zu behindern.

Als Vizepräsident des BWE unterstrich Jan Hinrich Glahr die Bedeutung von verlässlicher Politik und kritisierte die jüngste EEG-Novelle scharf. Gerade im Bereich der erneuerbaren Energien sei langfristige Planungssicherheit entscheidend. Nur so könnten komplexe Investitionsprojekte realisiert werden. Ähnlich äußerte sich Frederik Moch vom DGB Bundesvorstand, der zudem darauf aufmerksam machte, dass ein unsicheres Planungsumfeld Leiharbeit und prekäre Beschäftigung begünstige. So wächst mit der Umstellung auf Ausschreibungen der Kostendruck, was am Ende negative Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen bewirken könnte. Der DGB plädiert deshalb im Rahmen der Umstellung auf Ausschreibungen für soziale und ökologische Kriterien. Diese müssten als Zugangsvoraussetzung für die Teilnahme an den Ausschreibungen vorgegeben werden, um einem Dumpingwettbewerb zulasten von Guter Arbeit und regionaler Wertschöpfung entgegen zu wirken. Prof. Dr. Markus Helfen (FU Berlin) fasste den Workshop aus Sicht der Wissenschaft treffend zusammen: So könne die Energiewende ohne Mitbestimmung weder im Betrieb noch in der Gesellschaft funktionieren. Gute Arbeitsbedingungen führen zu Akzeptanz und schaffen die Grundlage für nachhaltiges Wachstum.


DOWNLOADS der Vorträge und Präsentationen

Ökologische Vorreiter = soziale Nachzügler? (application/acrobat, 288 kB)

"Ökologische Vorreiter = soziale Nachzügler? Management-Arbeitnehmer-Beziehungen bei deutschen Windkraftanlagenherstellern"; Markus Helfen, Manuel Nicklich; Fachbereich WirtschaftswissenschaftManagement-Department, Freie Universität Berlin

Quantitative und qualitative Beschäftigungseffekte durch Erneuerbare Energien (application/acrobat, 1 MB)

QUANTITATIVE UND QUALITATIVE BESCHÄFTIGUNGSEFFEKTE DURCH ERNEUERBARE ENERGIEN; Dr. Ulrike Lehr, Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung

Ausschreibungen für die Förderung erneuerbarer Energien und ihre Bedeutung für Unternehmen (application/acrobat, 1 MB)

Ausschreibungen für die Förderung erneuerbarer Energien und ihre Bedeutung für Unternehmen, Beschäftigte und Sozialpartnerschaft Perspektive der Wissenschaft; Michael Krug, Freie Universität Berlin, Forschungszentrum für Umweltpolitik (FUB-FFU)

IG Metall: Umfrage unter den Betriebsräten der Windindustrie I (application/acrobat, 479 kB)

Umfrage unter den Betriebsräten der Windindustrie - Ergebnisse der zweiten Umfrage im Jahr 2016; Ausgewählte Ergebnisse, Gute Arbeit in Unternehmen der Windkraftindustrie

IG Metall: Umfrage unter den Betriebsräten der Windindustrie II (application/acrobat, 506 kB)

Umfrage unter den Betriebsräten der Windindustrie - Ergebnisse der zweiten Umfrage im Jahr 2016; Ausgewählte Ergebnisse für Pressegespräch am 21.06.2016 in Hamburg


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