Zur Überwindung der Wachstumsschwäche in Deutschland und der EU wird zunehmend über die Rolle von Innovationen diskutiert. Neue Technologien, effiziente Produktionsprozesse und bessere Dienstleistungen erhöhen die Produktivität unserer Volkswirtschaften und sichern so unseren Wohlstand. Doch wie organisieren wir die Technologieentwicklung, die wir für eine moderne Volkwirtschaft brauchen?
Die Politik sieht vor allem Probleme bei der Finanzierung und spricht sich für eine Stärkung des Wagniskapitalmarktes aus. Diese Woche haben die deutsche und die französische Regierung einen neuen Plan vorgelegt, um junge Unternehmen mit mehr Kapital zu versorgen. Ein ähnliches Ziel verfolgt auch der Deutschlandfonds. Auf europäischer Ebene hat die EU-Kommission im Kontext der EU-Kapitalmarktunion ein ganzes Maßnahmenpaket dazu vorgelegt.
Oft lautet die Problemdiagnose, die traditionelle Finanzierung über Banken sei für junge, innovative Unternehmen wenig geeignet, da diese wenig Sicherheiten aufweisen. Solche Unternehmen seien für ihre Expansion auf alternative Finanzierungsmöglichkeiten angewiesen. Für Start-ups sei der Wagniskapitalmarkt ein wichtiger Finanzierungsbaustein, der in der EU im Vergleich zu den USA aber unterentwickelt sei, was zu einer Abwanderung junger Unternehmen aus Europa führe. Die Strategie der Bundesregierung und der EU konzentriert sich allerdings zu einseitig auf Start-ups und birgt Risiken, die selten benannt werden.
Innovationstreiber in Deutschland und der EU sind vor allem große etablierte Unternehmen, die in ihren Forschungsabteilungen in die Optimierung und Zukunft ihrer Produktionsprozesse investieren. Eine ganzheitliche Innovationspolitik sollte diesem Aspekt Rechnung tragen und private Investitionen in Forschung und Entwicklung fördern.
Darüber hinaus ist wichtig: Der Wagniskapitalmarkt trägt aktuell nur bedingt zu einer gesellschaftlich relevanten Innovationspolitik bei. Statt um die Entwicklung neuer Technologien geht es den Investoren von Wagniskapital oft vorrangig darum, schnelle Gewinne mit bereits existierenden Technologien zu machen. Bemerkenswert ist: Gerade wichtige Umwelt-Innovationen (Greentech) und wirklich tiefgreifende Neuerungen (Deeptech) scheinen für Wagniskapitalinvestoren nicht attraktiv zu sein. Es braucht mehr politische Steuerung in diese Richtung.
Die starke Rolle der öffentlichen Hand im Wagniskapitalmarkt der EU stellt deshalb eine Chance dar. Anders als in den USA sind in der EU staatliche Förderbanken sehr aktiv im Wagniskapitalmarkt. Sie sollten Bedingungen stellen für ihre Beteiligungen an Wagniskapitalfonds, damit Innovationen in den richtigen Bereichen finanziert werden und gute Arbeitsplätze entstehen.
Die Strategie, den Wagniskapitalmarkt stärker für institutionelle Investoren (insbesondere Pensionsfonds) zu öffnen, geht zu Lasten der Beschäftigten: Das dadurch steigende Anlagerisiko geht häufig einher mit einer Absenkung der Beitragsgarantien. Gleichzeitig steigen die Verwaltungskosten bei aktiv gemanagten Fonds. Außerdem sehen wir eine risikoreichere Anlagestrategie bei Pensionsfonds auch aus gesellschaftspolitischer Perspektive kritisch: Fließt das Kapital der Beschäftigten zunehmend in Private Equity und Wagniskapitalfonds, fördert es eine Entwicklung, die immer mehr Lebensbereiche (Wohnungen und Pflegeheime etwa) zu profitablen Anlageklassen macht und fatale Auswirkungen für die betroffenen Unternehmen, Beschäftigte und die Qualität der öffentlichen Daseinsvorsorge hat.
Wir brauchen keine blinde öffentliche Subventionierung von neoliberalen Fondsmanagern aus der Tech-Szene. Wir brauchen eine strategische Innovationspolitik, welche die sozial-ökologische und digitale Modernisierung unserer Wirtschaft unterstützt