DGB-Region Köln-Bonn: Gleichstellung? Jetzt umsetzen!
DGB fordert bessere Kinderbetreuung, familiengerechte Arbeitszeiten und ein Ende der Minijobfalle – regionale Daten zeigen deutliche Unterschiede
Frauen sind vom Arbeitsmarkt in Köln, Bonn, Leverkusen sowie in den Kreisen Rhein-Erft, Rhein-Berg, Rhein-Sieg und Oberberg nicht mehr wegzudenken. Trotzdem sind ihre Chancen auf existenzsichernde Erwerbsarbeit weiterhin schlechter als die von Männern. Auch landesweit zeigt sich diese Lücke: 2023 lag die Beschäftigungsquote sozialversicherungspflichtig beschäftigter Frauen in Nordrhein-Westfalen bei 56,1 Prozent, bei Männern bei 64,9 Prozent. Regionale Daten zeigen dabei deutliche Unterschiede: Während im Rhein-Sieg-Kreis die Beschäftigungsquote von Frauen vergleichsweise nah an der der Männer liegt, ist die Lücke in Leverkusen besonders groß. Im Oberbergischen Kreis wiederum ist die Betreuung von Kindern unter drei Jahren besonders gering. Der DGB Köln-Bonn fordert deshalb im Rahmen der NRW weiten Kampagne „Gleichstellung? Jetzt umsetzen!“ verlässliche und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung, familiengerechte Arbeitszeiten, bessere Möglichkeiten zur Aufstockung von Teilzeit und die Überführung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.
„Frauen sind längst keine stille Reserve des Arbeitsmarktes. Sie arbeiten, sie qualifizieren sich und sie halten Betriebe und öffentliche Einrichtungen am Laufen. Aber noch immer verhindern Strukturen, dass viele Frauen so arbeiten können, wie sie eigentlich wollen und könnten“, sagt Judith Gövert, Geschäftsführerin der DGB-Region Köln-Bonn. „Wenn Politik und Arbeitgeber über Fachkräftepotenziale und wirtschaftliche Stärke reden, dann gehört die Gleichstellung dazu. Wer Frauen mehr Erwerbsarbeit ermöglichen will, muss dafür sorgen, dass Kinderbetreuung funktioniert und Arbeitszeiten zum Leben passen.“
Regionale Unterschiede bei Beschäftigung und Kinderbetreuung
Wie groß die Unterschiede sind, zeigt bereits der Blick auf die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Im Jahr 2023 lag die Frauenbeschäftigungsquote in Köln bei 55,0 Prozent, in Bonn bei 52,6 Prozent, in Leverkusen bei 55,5 Prozent, im Rhein-Erft-Kreis bei 57,8 Prozent, im Rheinisch-Bergischen Kreis bei 58,5 Prozent, im Rhein-Sieg-Kreis bei 58,0 Prozent und im Oberbergischen Kreis bei 58,3 Prozent.
Besonders auffällig sind die Unterschiede beim Verhältnis zur Beschäftigungsquote der Männer: In Leverkusen erreichte die Frauenbeschäftigungsquote 2023 nur 82,5 Prozent der Männerquote – der niedrigste Wert in der Region. Im Oberbergischen Kreis waren es 83,1 Prozent, im Rhein-Erft-Kreis 84,5 Prozent. Deutlich näher beieinander lagen die Quoten dagegen im Rhein-Sieg-Kreis mit 90,9 Prozent.
Damit zeigt sich: Auch dort, wo Frauenbeschäftigung insgesamt hoch ist, bedeutet das nicht automatisch, dass Frauen und Männer gleichberechtigt am Arbeitsmarkt teilhaben.
Quellen:
Sozialbericht - Leverkusen - Wegweiser Kommune
Sozialbericht - Oberbergischer Kreis, LK - Wegweiser Kommune
Sozialbericht - Rhein-Sieg-Kreis, LK - Wegweiser Kommune
Weitere Gebietskörperschaften: Bundesagentur für Arbeit / Wegweiser Kommune, Datenjahr 2023.
Ein besonders deutlicher regionaler Unterschied zeigt sich bei der Kinderbetreuung. Die Betreuungsquote der unter Dreijährigen lag 2023 in Bonn bei 39,2 Prozent und in Köln bei 37,5 Prozent. Im Rheinisch-Bergischen Kreis waren es 34,7 Prozent, im Rhein-Erft-Kreis 32,7 Prozent, im Rhein-Sieg-Kreis 32,4 Prozent und in Leverkusen 32,0 Prozent. Im Oberbergischen Kreis wurden dagegen lediglich 26,3 Prozent der unter Dreijährigen betreut.
Damit liegt Oberberg nicht nur deutlich hinter Köln und Bonn, sondern auch innerhalb der DGB-Region am unteren Ende.
Für Familien bedeutet das: Je nach Wohnort sind die Voraussetzungen dafür, Erwerbsarbeit und Familie miteinander zu vereinbaren, sehr unterschiedlich.
Quelle: Bundeswahlleiterin, Strukturdaten zur Bundestagswahl 2025; Betreuungsquote der unter Dreijährigen, Stichtag 1. März 2023.
Strukturdaten Oberbergischer Kreis - Die Bundeswahlleiterin
„Wer morgens nicht weiß, ob die Kita tatsächlich geöffnet hat, kann keinen Arbeitsplatz zuverlässig planen. Und wer dauerhaft nur in Teilzeit arbeiten kann, weil Betreuung fehlt oder Arbeitszeiten nicht zum Familienleben passen, hat langfristig auch schlechtere Chancen bei Einkommen, Karriere und Rente“, so Gövert: „Das ist kein individuelles Problem von Frauen. Das ist ein strukturelles Problem unseres Arbeitsmarktes.“
Leverkusen zeigt: Hohe Erwerbsbeteiligung allein reicht nicht
Gerade der Blick nach Leverkusen zeigt, warum Gleichstellung nicht mit einer hohen Beschäftigungsquote von Frauen erledigt ist. 55,5 Prozent der Frauen waren 2023 beschäftigt. Gleichzeitig betrug das Verhältnis ihrer Beschäftigungsquote zur Männerquote lediglich 82,5 Prozent. Besonders auffällig: In Leverkusen waren 102,2 Frauen je 1.000 Einwohnerinnen geringfügig beschäftigt, gegenüber 80,2 Männern je 1.000 Einwohnern.
„Wir müssen genauer hinschauen, welche Arbeit Frauen tatsächlich leisten und unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Beschäftigung allein sagt noch nichts über wirtschaftliche Unabhängigkeit aus“, sagt Gövert. „Wenn Frauen überdurchschnittlich häufig in Minijobs oder Teilzeit arbeiten, weil andere Arbeitsmodelle fehlen oder die Arbeitsbelastung zum Beispiel in personennahen Dienstleistungen zu hoch ist, dann ist das keine individuelle Entscheidung, sondern häufig das Ergebnis struktureller Rahmenbedingungen.“
Quelle: Sozialbericht - Leverkusen - Wegweiser Kommune
Oberberg: Betreuung darf nicht vom Wohnort abhängen
Im Oberbergischen Kreis wird der Zusammenhang zwischen Infrastruktur der Kinderbetreuung und Gleichstellung besonders deutlich. Dort lag die U3-Betreuungsquote 2023 bei lediglich 26,3 Prozent. Gleichzeitig lag die Frauenbeschäftigungsquote mit 58,3 Prozent zwar relativ hoch, das Verhältnis zur Männerbeschäftigungsquote aber nur bei 83,1 Prozent. Zudem waren je 1.000 Einwohnerinnen 120,9 Frauen geringfügig beschäftigt, gegenüber 88,6 Männern.
„Es kann nicht davon abhängen, ob eine Familie in Köln, Bonn oder Oberberg lebt, ob Erwerbsarbeit und Familie miteinander vereinbar sind. Gleichstellung darf keine Frage des Wohnorts sein“, betont Gövert. „Gerade in Regionen mit einem hohen Anteil produzierender Unternehmen und einem entsprechend hohen Fachkräftebedarf müssen die Weichen gestellt werden, damit Frauen ihre Arbeitszeit stärker ausweiten können.“
Quellen:
Strukturdaten Oberbergischer Kreis - Die Bundeswahlleiterin
Sozialbericht - Oberbergischer Kreis, LK - Wegweiser Kommune
Rhein-Sieg zeigt: Es geht besser
Der Rhein-Sieg-Kreis zeigt zugleich, dass die Lücke zwischen Frauen und Männern bei der Beschäftigung geringer sein kann. Dort lag die Frauenbeschäftigungsquote 2023 bei 58,0 Prozent. Das Verhältnis zur Männerbeschäftigungsquote betrug 90,9 Prozent – der höchste Wert innerhalb der sieben Gebietskörperschaften der DGB-Region Köln-Bonn.
„Der Rhein-Sieg-Kreis zeigt, dass eine höhere Frauenbeschäftigung und eine kleinere Lücke zur Männerbeschäftigung möglich sind. Aber auch hier ist die Gleichstellung längst nicht erreicht“, sagt Gövert. „Jetzt geht es darum, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Frauen ihre Arbeitszeit ausweiten können, wie sie es möchten.“
Quelle: Sozialbericht - Rhein-Sieg-Kreis, LK - Wegweiser Kommune
Frauen arbeiten – aber häufig in Teilzeit und Minijobs
Der aktuelle DGB-Datenreport zur Gleichstellung in NRW zeigt, dass viele Frauen bereits heute sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Ihre Beschäftigungsquote liegt landesweit allerdings weiterhin deutlich unter der der Männer. Gleichzeitig entfallen 76,1 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigung und 59,4 Prozent der Minijobs auf Frauen.
Auch bei den Einkommen zeigt sich die strukturelle Ungleichheit: Frauen sind im Durchschnitt besser qualifiziert als Männer, verdienen aber 2025 in NRW pro Stunde noch immer durchschnittlich 15 Prozent weniger als Männer.
„Gleichstellung ist deshalb nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wir können es uns angesichts des Fachkräftemangels schlicht nicht leisten, dass Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren müssen, weil Betreuung fehlt, oder in Minijobs festhängen“, betont Gövert.
Care-Arbeit ist Arbeitszeit
Care-Arbeit ist Arbeitszeit – auch wenn sie nicht bezahlt wird. Noch immer übernehmen Frauen einen überproportionalen Anteil an Kinderbetreuung, Pflege, Hausarbeit und familiärer Sorgearbeit. Das begrenzt ihre Möglichkeiten, bezahlte Arbeit auszuweiten, und wirkt sich langfristig auf Einkommen, berufliche Entwicklung und Rente aus. „Wir müssen endlich aufhören, Care-Arbeit als private Angelegenheit von Frauen zu behandeln. Wer Gleichstellung will, muss Sorgearbeit gerecht verteilen und gesellschaftlich absichern“, sagt Gövert. „Dazu gehören eine verlässliche Betreuungs- und Pflegeinfrastruktur ebenso wie Arbeitszeiten, die es Männern und Frauen ermöglichen, Verantwortung für Angehörige zu übernehmen.“
DGB: Gute Betreuung und gute Arbeitszeiten statt Vereinbarkeitsrhetorik
Der DGB fordert deshalb von der Politik eine verlässliche und qualitativ hochwertige Kinderbetreuungs- und Pflegeinfrastruktur. Dazu gehört auch, den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule mit hohen Qualitätsstandards umzusetzen. Gleichzeitig müsse die Politik dafür sorgen, dass Kommunen finanziell in die Lage versetzt werden, diese Infrastruktur dauerhaft zu gewährleisten.
Von den Arbeitgebern fordert der DGB Arbeitszeiten, die zu unterschiedlichen Lebensphasen passen. Dazu gehören insbesondere reduzierte Vollzeitmodelle mit 30 oder 32 Wochenstunden, ein echtes Recht auf Aufstockung der Arbeitszeit sowie ein Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit. Beschäftigte müssten zudem in Betrieben und Verwaltungen durch Vereinbarkeitslots*innen bei Fragen rund um Arbeitszeit, Kinderbetreuung und Pflege unterstützt werden.
Auch bei den Beschäftigungsformen sieht der DGB dringenden Handlungsbedarf. „Minijobs sind keine Gleichstellungspolitik. Sie halten insbesondere Frauen in sehr kleinen Erwerbsumfängen, bieten wenig soziale Absicherung und verschärfen langfristig die Gefahr von Altersarmut. Deshalb müssen alle Arbeitsverhältnisse ab dem ersten Euro sozialversicherungspflichtig sein. Minijobs gehören reformiert“, fordert Gövert und appelliert: „Wir brauchen keine weiteren Sonntagsreden über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir brauchen funktionierende Kitas, gute Arbeitszeiten, faire Löhne und sozial abgesicherte Beschäftigung. Gleichstellung muss jetzt umgesetzt werden – in Köln genauso wie in Bonn, Leverkusen, den Kreisen Rhein-Erft, Rhein-Berg, Rhein-Sieg und Oberberg.“
Hintergrund: Kampagne „Gleichstellung? Jetzt umsetzen!“
Der DGB NRW hat 2026 einen Datenreport zur Lage von Frauen auf dem Arbeitsmarkt veröffentlicht. Der Report wurde vom Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule im Auftrag des DGB NRW erstellt. Er zeigt, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt weiterhin strukturell benachteiligt sind und formuliert konkrete Forderungen für mehr Gleichstellung.
Weitere Informationen:
Datenreport: Gleichstellung? Jetzt umsetzen! | DGB Nordrhein Westfalen