Oberbergischer Kreis: DGB fordert starke gesetzliche Rente, Betriebsrente für alle und kein höheres Renteneintrittsalter
Die gesetzliche Rente reicht für viele Menschen im Oberbergischen Kreis nicht aus, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. Das zeigt der aktuelle Rentenreport des DGB NRW mit Daten der Deutschen Rentenversicherung für das Jahr 2024. Besonders groß ist die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern: Frauen, Beschäftigte mit niedrigen Einkommen und Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur Regelaltersgrenze arbeiten können, sind besonders von niedrigen Renten und Altersarmut bedroht.
Im Oberbergischen Kreis erhielten Männer, die 2024 erstmals eine Altersrente bezogen, durchschnittlich 1.475,37 Euro im Monat. Frauen kamen dagegen nur auf 905,03 Euro. Das entspricht einer Rentenlücke von 570,34 Euro monatlich. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen lag die durchschnittliche Neurente 2024 bei 1.399,92 Euro für Männer und 936,23 Euro für Frauen.
„570 Euro weniger Rente im Monat sind kein kleiner Unterschied, sondern ein strukturelles Gerechtigkeitsproblem. Die Rentenlücke fällt nicht vom Himmel. Sie entsteht über Jahrzehnte durch unterschiedliche Löhne, Teilzeit, Erwerbsunterbrechungen und ungleich verteilte Sorgearbeit“, erklärt Damian Warias, Gewerkschaftssekretär der DGB-Region Köln-Bonn. „Wer heute gute Renten will, muss deshalb heute für gute Arbeit sorgen: mit höheren Löhnen, mehr Tarifbindung und besseren Arbeitsbedingungen.“
Gerade für den Oberbergischen Kreis ist dieser Zusammenhang besonders relevant. Rund 40 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe. Damit gehört Oberberg zu den besonders stark industriell geprägten Regionen Nordrhein-Westfalens. Die Industrie ist deshalb nicht nur für Wertschöpfung und Beschäftigung entscheidend, sondern auch für die soziale Absicherung im Alter. Gute Industriearbeitsplätze, Tarifbindung und ordentliche Löhne sorgen für höhere Beiträge zur Rentenversicherung und damit langfristig für höhere Rentenansprüche.
„Oberberg ist Industrieregion – und deshalb ist gute Industriepolitik auch Rentenpolitik. Wenn wir über die Zukunft der Rente sprechen, müssen wir über die Zukunft guter Arbeitsplätze sprechen“, betont Warias. „Tarifbindung und gute Löhne sind aktive Rentenpolitik. Wer heute gute Arbeit sichert, sorgt dafür, dass Menschen morgen bessere Rentenansprüche haben. Gerade in einer industriell geprägten Region wie Oberberg gehören Industrie- und Rentenpolitik deshalb zusammen.“
Wie groß die Lücke zwischen Erwerbsleben und Alterssicherung ist, zeigt auch der Vergleich mit der Armutsgefährdungsschwelle. Diese lag 2024 laut IT.NRW in Nordrhein-Westfalen für einen Einpersonenhaushalt bei 1.290 Euro netto im Monat. Die durchschnittliche Altersrente von Frauen im Oberbergischen Kreis lag mit 905,03 Euro rund 385 Euro darunter. Das bedeutet nicht automatisch, dass jede Frau mit dieser Rente arm ist – etwa weil weitere Einkommen oder das Haushaltseinkommen eine Rolle spielen. Es zeigt aber deutlich, wie wenig Spielraum eine solche Rente für ein eigenständiges Leben im Alter lässt.
Auch die gesundheitliche Realität spricht gegen ein höheres Renteneintrittsalter. In Nordrhein-Westfalen lag das durchschnittliche Zugangsalter bei einer Erwerbsminderungsrente 2024 bei 53,66 Jahren für Frauen und 54,52 Jahren für Männer. Viele Menschen scheiden damit aus gesundheitlichen Gründen rund zehn Jahre vor dem regulären Renteneintritt aus dem Erwerbsleben aus. Psychische Erkrankungen waren dabei 2024 die häufigste Ursache für eine Erwerbsminderung.
„Viele schaffen es schon heute nicht gesund bis zur Regelaltersgrenze. Deshalb ist es falsch, das Rentenalter pauschal weiter anzuheben oder an die Lebenserwartung zu koppeln. Eine solche Politik geht an der Lebensrealität vieler Beschäftigter vorbei und droht zur Rentenkürzung durch die Hintertür zu werden“, sagt Judith Gövert, Regionsgeschäftsführerin der DGB-Region Köln-Bonn. „Auch die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren ist falsch. Wer 45 Jahre lang Beiträge gezahlt hat, muss auch künftig zwei Jahre früher abschlagsfrei in Rente gehen können. Rentenpolitik ist eben nicht nur Mathematik – sie ist eine Frage der Anerkennung von Lebensleistung und Gerechtigkeit.“
Der DGB fordert, die gesetzliche Rente zu stärken, das Rentenniveau dauerhaft zu stabilisieren und perspektivisch wieder anzuheben. Zusätzlich müsse eine verpflichtende betriebliche Altersversorgung für alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eingeführt werden, an der sich Arbeitgeber verbindlich beteiligen. Auch der Versichertenkreis der gesetzlichen Rentenversicherung müsse ausgeweitet werden. Der DGB NRW betont zudem, dass höhere Erwerbsbeteiligung und mehr tarifgebundene, fair bezahlte Arbeitsplätze entscheidend sind, um die Einnahmen der Rentenversicherung zu stärken.
„Die gesetzliche Rente muss wieder das leisten, wofür sie geschaffen wurde: Sie muss nach einem langen Arbeitsleben ein Leben in Würde und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Dafür brauchen wir gute Löhne, starke Tarifverträge und eine starke gesetzliche Rente. Und wir brauchen eine zusätzliche betriebliche Absicherung, die nicht davon abhängt, ob jemand zufällig in einem Unternehmen mit guten Leistungen arbeitet“, erklärt Gövert und fasst zusammen: „Eine auskömmliche Rente ist der verdiente Gegenwert für ein langes Arbeitsleben.“
Hintergrund: Die im Rentenreport zusammengestellten Zahlen stammen von der Deutschen Rentenversicherung und beziehen sich auf das Jahr 2024. Der vollständige Rentenreport des DGB: www.nrw.dgb.de/politik-vor-ort/soziale-sicherheit-in-nrw/rentenreport/