Deutscher Gewerkschaftsbund

25.01.2011
klartext 03/2011

Deutschland: Extraprofite dank Euro

Die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion durchläuft eine tiefe Krise. Die Zweifel der Menschen an Sinn und Zweck des Euro stiegen im letzten Jahr insbesondere hierzulande. Vielerorts heißt es, Deutschland sei der Leidtragende Europas und müsse für die in Saus und Braus lebenden Griechen, Iren und Portugiesen mit kräftigen Finanzspritzen in die Bresche springen. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Deutschland ist nicht Europas Samariter, sondern hat dank der Eurozone satte Extraprofite eingestrichen. Kein Land hat von der Gemeinschaftswährung so stark profitiert.

Grafik: Komponenten der deutschen Zahlungsbilanz mit den Ländern der Eurozone

Das Geschäft mit den Euroländern: Komponenten der deutschen Zahlungsbilanz mit den Ländern der Eurozone; Größen kumuliert seit Einführung der Eurozone 1999 bis drittes Quartal 2010. Grafik: DGB; Zahlen: Deutsche Bundesbank, DGB

Zudem stiegen die Schulden der Krisenländer nicht aus heiterem Himmel: Die Schuldenländer von heute waren gestern die Konjunkturlokomotiven Deutschlands. Mit der Euroeinführung schwanden die Wechselkursrisiken für unsere Exportwirtschaft. Die heutigen Krisenländer konnten mit dem Euro unsere Produkte kaufen, ohne über eigene Exporte die nötigen Devisen beschaffen zu müssen. Beide Seiten profitierten. Im Laufe der Jahre entwickelten sich diese einseitig fließenden Handelsströme jedoch zu gefährlichen Ungleichgewichten für die Stabilität der Eurozone. Die deutschen Handelsbilanzüberschüsse mit der Eurozone summierten sich seit Einführung des Euros auf sagenhafte 886 Milliarden Euro. Gleichzeitig stiegen die Leistungsbilanzüberschüsse auf 564 Milliarden Euro.

Damit nicht genug: Deutsche verdienten tüchtig an wachsendem Finanzierungsbedarf der heutigen Schuldnerländer. Rund 2200 Milliarden Euro legten sie in den Euroländern seit der Euroeinführung an. Ein rentables Geschäft. Im gleichen Zeitraum flossen 885 Mrd. an Dividenden und Zinserträgen aus Anleihen, Geldmarktpapieren und Krediten von den Euroländern zurück nach Deutschland.

Hinzu kommt die Euro-Abwertung um zeitweise knapp 15 Prozent gegenüber dem US-Dollar. Dies verbilligte die Waren und Güter für den Rest der Welt. Rund 60 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in Länder ohne Euro. Im Falle einer eigenen Währung hätte sich Deutschland vermutlich in einer Aufwertungsspirale befunden, was der deutschen Exportwirtschaft enorm zugesetzt hätte.

Die Euroskeptiker werden nicht müde, Ängste zu schüren und den Euro für alles Erdenkliche verantwortlich zu machen. In Wahrheit haben wir mehr als andere Nationen von der Eurozone profitiert. Allerdings ist die Bundesregierung dabei, mit einer einseitigen Politik zulasten der Krisenländer das europäische Wachstum zu gefährden. Denn wenn alle Länder in der Eurozone massive Ausgabenkürzungen vornehmen, wird die europäische Wirtschaft abgewürgt – mit massiven Folgen für Arbeitsplätze auch in Deutschland. Die Eurozone braucht eine wachstums- und beschäftigungsfördernde Strategie gegen die Krise. Im Interesse Europas und vor allem Deutschlands.


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