Deutscher Gewerkschaftsbund

02.12.2010
klartext 38/2010

Pleitegeier über Privathaushalten

Deutschland feiert seinen „XL-Aufschwung“. Die große Pleitewelle in der deutschen Wirtschaft ebbt ab. Denn Wachstum verbessert bekanntlich die finanzielle Basis der Unternehmen. Mehr Liquidität bedeutet gesamtwirtschaftlich weniger Pleiten. Nach dem Negativrekord im Krisenjahr 2009 geht die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2010 um 2,5 Prozent auf 32.100 zurück.

So weit, so gut. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass bislang nichts von der „heilenden Kraft“ des Wirtschaftsaufschwungs bei einer Vielzahl der Arbeitnehmerhaushalte angekommen ist. In den letzten Jahren haben sich die Privatinsolvenzen vom Konjunkturzyklus abgekoppelt. Nun kreisen die Pleitegeier über den deutschen Privathaushalten.

Vergleich VerBraucherinsolvenzen zwischen 2000 und 2010

Verbraucherinsolvenzen auf dem Vormarsch. Zahlen für 2010 geschätzt. Quelle: Creditreform/Grafik: DGB

So viele Verbraucher/-innen wie nie zuvor sind bis über die Halskrause verschuldet oder müssen gar um ihre finanzielle Existenz fürchten. Inzwischen sind 6,5 Millionen Verbraucher/-innen in Deutschland überschuldet. Da bleibt oftmals nur der schmerzhafte Gang zum Insolvenzverwalter. Die Zahl der Privatpleiten steuert in diesem Jahr einen traurigen neuen Rekord an. Bisher lag er bei 105.300 Verfahren im Jahr 2007. Nun rechnen Experten mit 111.800 Menschen, die vom Verfahren der Privatinsolvenz Gebrauch machen, um sich ihrer Schulden zu entledigen – 10,9 Prozent mehr als im Krisenjahr 2009.

Damit nicht genug: Dem deutschen Jobwunder zum Trotz fällt es zudem 9,5 Prozent der Erwachsenen schwer, ihre Rechnungen zu bezahlen. Auch ihnen droht die Zahlungsunfähigkeit. 2011 muss also ein weiterer Anstieg der privaten Insolvenzen befürchtet werden.

Dabei ist auffällig, dass insbesondere Jüngere und Ältere stärker als zuvor von Insolvenzen betroffen sind. Dies kommt nicht von ungefähr. Denn sie sind es, die überproportional von prekären Beschäftigungsformen, Niedriglöhnen und Armut betroffen sind. Offensichtlich geraten nicht nur Arbeitslose, sondern auch immer mehr Leiharbeiter/-innen und Teilzeitbeschäftigte in die Schuldenfalle. Zudem müssen die Privathaushalte die gestiegenen Belastungen für Gesundheit, Altersvorsorge sowie für Wohnkosten verkraften.

Dabei haben Privatinsolvenzen nicht nur Folgen für die Betroffenen, sondern auch für die gesamte Gesellschaft. Zahlungsausfälle belasten Gläubiger und verursachen volkswirtschaftliche Schäden.

Deshalb braucht es in Deutschland einen Kurswechsel. Flächendeckende Mindestlöhne, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit und der Abbau von prekären Beschäftigungsverhältnissen sind das Gebot der Stunde, um der Schuldenfalle der Privathaushalte und den damit verbundenen gesellschaftlichen Folgen zu begegnen.


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