Deutscher Gewerkschaftsbund

26.01.2016
Inklusion

Job und Behinderung: Ab wann gelte ich als schwerbehindert?

Nachteilsausgleich für Schwerbehinderte: Wer hat einen Anspruch darauf? Die Rechte kennen und nutzen

Fünf Tage zusätzlicher Urlaub, erhöhter Kündigungsschutz und das Recht, Überstunden zu verweigern: Menschen mit einer Schwerbehinderung haben im Job besondere Rechte. Doch viele verzichten darauf – weil sie die Schwerbehinderung verschweigen oder gar nicht wissen, dass sie eine Beeinträchtigung oder Krankheit haben, die als Schwerbehinderung gilt.

Symbolbild für Behinderte / Schwerbehinderte am Arbeitsplatz und an Unis, Mann im Rollstuhl an Tisch vor Laptop

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Beschäftigte mit Behinderung: Dunkelziffer vermutlich hoch

Rund eine Million Menschen mit einer Schwerbehinderung sind in deutschen Unternehmen beschäftigt – offiziell. Die Dunkelziffer liegt viel höher: Viele Betroffene verschweigen die Behinderung gegenüber dem Arbeitgeber, aus Scham oder Angst vor Nachteilen.

Andere wissen vielleicht gar nicht, dass eine ihrer Einschränkungen oder Krankheiten bereits als Behinderung oder sogar Schwerbehinderung gilt.

Damit entgehen diesen Beschäftigten bestimmte Rechte, die ihnen als Nachteilsausgleich zustehen – bezahlter Sonderurlaub etwa oder das Recht, bei Bedarf in Teilzeit zu arbeiten.

Was heißt eigentlich „behindert“?

Die meisten Menschen denken dabei an Menschen im Rollstuhl oder mit einer geistigen Behinderung. Doch auch eine überstandene Krebserkrankung, Diabetes, Rheuma, Depressionen, Tinnitus oder eine schwere Akne können Grund für eine Behinderung sein. Das Schwerbehindertengesetz definiert den Begriff so: 

Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist. (§ 2 SGB IX)

Ab wann gelte ich als "schwerbehindert"? Die GdS-Tabelle hilft

Sätze wie "Sie ist 80% schwerbehindert." kennen wir alle. Die Angabe in Prozent ist allerdings nicht ganz korrekt. Die Zahlen geben keine Prozentzahl, sondern den "Grad der Behinderung" an. Der bewegt sich abgestuft in Zehnerschritten von 20 bis 100. Korrekt wäre also eher die Aussage "Sie hat einen Grad der Behinderung von 80".

Einen groben Anhaltspunkt, wie hoch der Grad der Behinderung bei welchen Krankheiten ist, liefert die so genannte GdS-Tabelle. Die Abkürzung GdS steht für „Grad der Schädigungsfolgen“.

  • Wer einen bestimmten Grad der Behinderung hat, ist noch nicht unbedingt "schwerbehindert".
  • Erst Menschen mit einem Grad der Behinderung von 50 oder mehr gelten als schwerbehindert.
  • Bei einem Grad der Behinderung unter 50, aber von mindestens 30 kann die oder der Betroffene Menschen mit Schwerbehinderung unter bestimmten Umständen gleichgestellt sein.

Der Grad der Behinderung gibt an, wie stark die körperlichen, geistigen oder seelischen Funktionen eingeschränkt sind.

Wichtig: Mehrere Beeinträchtigungen/Krankheiten können den Grad der Behinderung erhöhen, werden aber nicht einfach addiert.

Wenn mehrere Beeinträchtigungen vorliegen, erhöht sich der Grad der Behinderung. Die Werte werden dabei jedoch nicht einfach nur addiert, sondern für jeden Einzelfall entsprechend gewichtet.

Beispiel: Mittelgradiges Stottern mit einem GdS von 20 und eine Neurodermitis mit einem GdS von 40 ergeben also nicht automatisch einen Grad der Behinderung von 60.

Beispiele aus der GdS-Tabelle (Auswahl)

Gesundheitsstörung

Grad der Schädigungsfolgen (GdS)

Echte Migräne, mittelgradige Verlaufsform (häufigere Anfälle, jeweils einen oder mehrere Tage anhaltend)

20-40

Psychische Erkrankungen mit wesentlicher Einschränkung der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit (z.B. ausgeprägtere depressive, hypochondrische oder phobische Störungen)

30-40

Medikamenten-, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit, mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten

30-40

Ohrgeräusche (Tinnitus) mit erheblichen psychovegetativen Begleiterscheinungen

20

Chronische Nasennebenhöhlenentzündung schweren Grades

20-40

Umfassender Zahnverlust, über ein halbes Jahr hinaus nur unzureichend prothetisch zu versorgen

10-20

Stottern (mittelgradig, situationsunabhängig)

20

Bronchialasthma ohne dauerhafte Einschränkung der Lungenfunktion, Hyperreagibilität mit Serien schwerer Anfälle

50

Herzrhythmusstörungen, ohne andauernde Leistungsbeeinträchtigung des Herzens

10-30

Unkomplizierte Krampfadern, mit erheblicher Ödembildung und häufigen Entzündungen

20-30

Bluthochdruck (Hypertonie), schwere Form mit Beteiligung mehrerer Organe

50-100

Zöliakie (Glutenunverträglichkeit), ohne wesentliche Folgeerscheinungen unter diätischer Therapie

20

Leisten- oder Schenkelbruch, bei erheblicher Einschränkung der Belastungsfähigkeit

20

Nierensteinleiden, ohne Funktionseinschränkung der Niere, mit häufigeren Koliken und wiederholten Harnwegsinfekten

20-30

Harninkontinenz, mit leichtem Harnabgang bei Belastung

0-10

Verlust der Brust (Mastektomie), einseitig

30

Verlust der Gebärmutter und/oder Sterilität, in jüngerem Lebensalter bei noch bestehendem Kinderwunsch

20

Diabetes (wenn die Therapie eine Unterzuckerung auslösen kann und es Beeinträchtigungen in der Lebensführung gibt)

20

Neurodermitis mit generalisierten Hauterscheinungen, insbesondere Gesichtsbefall

40

Akne (Akne vulgaris) schweren Grades mit vereinzelter Abzess- und Knotenbildung und entsprechender kosmetischer Beeinträchtigung

20-30

Entzündlich-rheumatische Krankheiten (z.B. Bechterew-Krankheit), mit geringen Auswirkungen, geringe Krankheitsaktivität

20-40

Verlust eines Armes im Schultergelenk oder mit sehr kurzem Oberarmstumpf

80

Verlust eines Daumens

25

Verlust beider Beine im Oberschenkel

100

Die komplette GdS-Tabelle gibt's hier online.


Unterschiedliche GdS-Werte je nach tatsächlicher Beeinträchtigung

Die meisten Beeinträchtigungen/Krankheiten können je nach Ausprägung sehr unterschiedliche GdS ergeben. Das Beispiel unten zeigt: Ein Wirbelsäulenschaden ohne Bewegungseinschränkung bringt gar keinen GdS-Wert, ein Wirbelsäulenschaden mit Geh- oder Stehunfähigkeit hingegen den höchsten GdS von 100.

Grad der Schädigung bei Wirbelsäulenerkrankungen

Auszug aus der DGB-Broschüre: "Was ist, wenn es mir passiert? – Tipps für behinderte und von Behinderung bedrohte Beschäftigte" (Klick auf die Tabelle: Link zur Bestellmöglichkeit für die Broschüre) DGB

Welche Rechte haben Schwerbehinderte im Unternehmen?

Schwerbehinderte Menschen dürfen vom Arbeitgeber nicht benachteiligt werden. Im Gegenteil: Er muss sie umfassend fördern und so beschäftigten, dass sie ihre Kenntnisse und Fähigkeiten möglichst voll verwerten können. Schwerbehinderte haben unter anderem Anspruch auf

  • einen behindertengerechter Arbeitsplatz
  • Teilzeitarbeit, wenn die Behinderung eine kürzere Arbeitszeit erfordert
  • besonderen Kündigungsschutz
  • fünf Tage bezahlten zusätzlichen Urlaub im Jahr
  • Verweigerung von Überstunden.
Wodurch wird eine Behinderung verursacht?

Ein Großteil der behinderten Menschen wurde nicht mit der Behinderung geboren, sondern hat sie im Laufe des Berufslebens erworben. Eine Behinderung kann durch die Arbeit entstehen oder zum Beispiel durch einen Unfall in der Freizeit. In den meisten Fällen geht die Behinderung auf eine chronische Krankheit zurück. Und: Aufgrund der hohen Arbeitsbelastung nehmen vor allem Behinderungen aufgrund von psychischen Erkrankungen stark zu.

Wie wird eine (Schwer-)behinderung festgestellt?

Dafür muss ein Antrag beim Versorgungsamt (oder einer nach Landesrecht zuständigen Behörde) gestellt werden. Das kann formlos erfolgen. Es reicht der Satz „Hiermit beantrage ich die Feststellung der Schwerbehinderteneigenschaft.“ Das Amt schickt daraufhin ein mehrseitiges Formular zu und fordert bei Bedarf zusätzliche ärztliche Gutachten an. Anhand dieser Informationen stellt es fest, ob eine Behinderung vorliegt und welchen Grad sie hat. Bei einem Grad von mindestens 50 wird ein Schwerbehindertenausweis ausgestellt

Wozu brauche ich einen Schwerbehindertenausweis?

Er dient gegenüber Arbeitgebern, Behörden und Sozialleistungsträgern als Nachweis und ermöglicht es, so genannte Nachteilsausgleiche in Anspruch zu nehmen. Hintergrund ist, dass schwerbehinderte Menschen bestimmte Leistungen nur deshalb beziehen, damit sie, genau wie alle anderen, am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Wie sag ich’s meinem Arbeitgeber?

Vorab: Niemand muss eine Schwerbehinderung von sich aus offenbaren. Aber: Nur wenn der Arbeitgeber davon weiß, kann er den entsprechenden Nachteilsausgleich gewähren. Für die Mitteilung reicht ein formloses Anschreiben an das Personalbüro mit einer Kopie des Schwerbehindertenausweises aus. Wer Hemmungen hat oder unsicher ist kann sich Unterstützung bei der gewählten Vertrauensperson der Schwerbehinderten im Betrieb holen. Spätestens, wenn es zu einer Kündigung kommt, sollte die Schwerbehinderung allerdings auf jeden Fall offenbart werden: Der Arbeitgeber kann Schwerbehinderte nur entlassen, wenn das Integrationsamt zustimmt.  

Muss ich Nachteile fürchten?

Die besonderen Rechte für Schwerbehinderte sind kein freundliches Entgegenkommen der Arbeitgeber, sondern geltendes Recht. Wenn ein Arbeitgeber sie nicht gewährt, ist das ein Gesetzesverstoß. Vor allem große und mittlere Unternehmen haben auch selbst ein Interesse daran, genügend Schwerbehinderte zu beschäftigen: Wenn sie das nicht tun, müssen sie monatlich eine Ausgleichsabgabe zahlen, also eine Art Strafe. Außerdem bekommen sie Unterstützung von den Integrationsämtern, wenn Arbeitsplätze auf die Bedürfnisse Schwerbehinderte angepasst werden müssen.

Tipp: Jeder Fall ist anders. Bei Ihrer Gewerkschaft, der Schwerbehindertenvertretung oder dem Betriebsrat bekommen Sie Unterstützung und qualifizierte Beratung.

Der DGB ist Partner des Aktionsbündnisses MyHandicap. Auf der Internetseite gibt es aktuelle Meldungen und Infos rund um das Thema Behinderung und eine Jobbörse.

Kostenlos zum Download: DGB-Ratgeber: Was ist, wenn es mir passiert? Tipps für behinderte und von Behinderung bedrohte Beschäftigte.

Mit Infos zur Situation schwerbehinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt, zur Rehabilitation und den rechtlichen Grundlagen zur Rückkehr an den Arbeitsplatz sowie den Chancen auf Ausbildung für behinderte Jugendliche. 


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Schwerbehindertenausweis: Kein "Vorteil", sondern wichtig für den Nachteilsausgleich

"Welche Vorteile hat ein Schwerbehindertenausweis - und wo kann man ihn beantragen?" sind häufig gestellte Fragen. Zunächst einmal ist wichtig: Eine Behinderung, beziehungsweise Schwerbehinderung ist selbstverständlich kein "Vorteil". Die Rechte, auf die behinderte Menschen Anspruch haben, sind ein "Nachteilsausgleich", um Behinderten und Schwerbehinderten dieselbe Teilhabe zu ermöglichen, wie allen Menschen.

Aber wo kann man eigentlich einen Schwerbehindertenausweis beantragen? Und was bringt er tatsächlich für Vorteile? Einen Schwerbehindertenausweis beantragt man je nach Bundesland bei den zuständigen Versorgungsämtern, beziehungsweise Landesämtern. Alle weiteren Infos zum Thema:

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