Die Pflege ist keine Privatangelegenheit

Datum

Dachzeile Gastbeitrag von Anja Piel

3.245 Euro Eigenanteil im Pflegeheim, im ersten Jahr. Davon 1.600 Euro allein für die Pflege selbst. Dagegen steht die Altersrente mit im Durchschnitt 1.154 Euro. Wer trotz dieser Realität beim Thema Pflege mehr Eigenverantwortung fordert, macht eiskalt die drohende Armut für Tausende von Menschen zur Privatangelegenheit. 

Ministerin Nina Warken hat ihren Reformentwurf vorgelegt: Wer schon im Heim lebt, muss länger auf staatliche Zuschüsse warten. Pflegegrade 1 bis 3 gibt es später und seltener für pflegebedürftige Menschen. Wer seinen Job aufgibt, um Mutter oder Vater zu pflegen, der bekommt zum Dank im Alter eine niedrigere Rente. Was Warken Reform nennt, ist in Wahrheit ein Sparpaket, das voll zu Lasten der Versicherten und des Sozialstaats geht. Und zum wiederholten Mal greift die Ministerin die Tariflöhne in der Pflege an, ausgerechnet bei denen, die als systemrelevant beklatscht wurden. Das alles als “Entbürokratisierung” zu verkaufen, ist menschenverachtend. 

Gute Pflege muss für alle möglich werden

Ein Drittel der Menschen in Pflegeheimen sind heute auf Sozialhilfe angewiesen — historischer Höchststand laut DAK-Studie März 2026. Ohne eine bessere Struktur werden es bis 2035 fast 43 Prozent sein. Das System muss angepasst werden, ganz klar, aber nicht zu Lasten der Schwächsten.

Selbstständige, Beamt*innen, Spitzenverdiener*innen über der Beitragsbemessungsgrenze: Alle zahlen systematisch zu wenig und oft in ein Parallelsystem ein. Der Bund schuldet der Pflegeversicherung noch immer die Erstattung der Corona-bedingten Mehrkosten. Und während die Versicherten diese Milliarden mittragen, bleiben große Vermögen und Erbschaften nahezu unberührt. Für dieses Strukturproblem braucht es eine gerechte Reform, die genau auf der Einnahmeseite ansetzt, bei denen, die mehr tragen können. 

Warkens Entwurf dreht aber an einer anderen Schraube. Wer heute schon hilfsbedürftigen Menschen künftig Ansprüche auf Unterstützung verwehrt, lässt sie in ihrer Not allein. Leistungen damit einzusparen, dass Versicherte versterben, eh ihr Anspruch einsetzt, ist menschenverachtend und politisch verantwortungslos. 

 Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe — Aber Frauen zahlen die Rechnung

Rund 70 Prozent der pflegenden Angehörigen in Deutschland sind Frauen. Sie sind es, die Arbeitszeit reduzieren, Jobs aufgeben und Karrieren abbrechen. Pflege ist in diesem Land weiblich und unbezahlt. Unter dem Motto “mehr Eigenverantwortung” Pflege jetzt noch weiter in den privaten Bereich zu verschieben bedeutet in der Praxis: mehr unbezahlte Arbeit für Frauen, noch niedrigere Renten, noch größere Altersarmut. 

Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer empfiehlt, Vermögen einzusetzen, bevor die Allgemeinheit zahlt – das Eigenheim eingeschlossen. Solche Eigenverantwortung setzt Eigenkapital voraus. Wer aber nur 900 Euro Rente hat, weil jahrelang in Teilzeit gearbeitet wurde, um Kinder großzuziehen oder Eltern zu pflegen, hat nichts angespart. Das Eigenheim ist das Ergebnis eines ganzen Arbeitslebens und für viele das Einzige, was sie ihren Kindern hinterlassen können. 

Auch der geplante Aufschlag für Kinderlose auf 4,3 Prozent ist als Lösung ungeeignet und bestraft nur Menschen dafür, dass sie - aus welchen Gründen auch immer - keine Kinder haben.  

Die Mehrheit will mehr Solidarität im System. Die Reform liefert stattdessen ungerechte Einsparungen

In einer repräsentativen Forsa-Umfrage sprechen sich 65 Prozent für eine gesetzliche Pflegevollversicherung aus und nur 18 Prozent für eine private Pflichtversicherung. Die Mehrheit der Menschen weiß sehr wohl, worum es geht. 

Der DGB fordert eine Pflegevollversicherung für alle pflegebedingten Kosten – zu Hause wie im Heim – ohne Eigenanteil für die Pflege selbst, finanziert von allen Erwerbstätigen. Dass Ministerin Warken die Beitragsbemessungsgrenze anheben will, ist ein erster Schritt – doch er reicht nicht aus. 

Der DGB fordert von der Bundesregierung eine Neuauflage für eine echte Reform, die den Sozialstaat stärkt, statt ihn auszuhöhlen. Bis dahin muss sie sofort wirksam die Eigenanteile deckeln. Jeder Monat Verzögerung treibt noch mehr Familien in die Sozialhilfe. 

Mehr Solidarität in der Pflege ist die bessere politische Entscheidung, als Tausende pflegebedürftiger Menschen und ihre Familien in ihrer Not sich selbst zu überlassen.


Der Beitrag ist zuerst erschienen bei The Pioneer am 8. Juni 2026

zurück

Bleib informiert!

Gute Arbeit, Geld, Gerechtigkeit - Abonniere unseren DGB einblick-Newsletter, dann hast du unsere aktuellen Themen immer im Blick.

Mit der Anmeldung wird dem Erhalt der ausgewählten Newsletter zugestimmt. Diese Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden. Nähere Informationen zur Datenverarbeitung können in unserer Datenschutzbestimmungen nachgelesen werden.