Pflege, Rente, Elterngeld – an allen Enden reicht es nicht
Sozialreformen auf Kosten von Frauen
Die Bundesregierung will mit Sozialreformen das Land modernisieren und den Sozialstaat effizienter machen. Das sind grundsätzlich richtige Ziele. Doch einige der geplanten Maßnahmen benachteiligen besonders Frauen strukturell, weil sie in ihrer Erwerbsbiografie, bei der Sorgearbeit und beim Einkommen ohnehin schon schlechter dastehen als Männer. Statt Frauen wirtschaftlich unabhängiger zu machen, drohen manche Reformpläne sie noch abhängiger zu machen. Schon heute können 7 von 10 erwerbstätigen Frauen nicht langfristig für sich und ein Kind sorgen.
Pflege wird wieder Familiensache
Das geplante Pflegeneuordnungsgesetz hebt die Schwellenwerte für Pflegegrade an und verlängert die Verweildauerstufen im Heim. Der Pflegebedarf verschwindet dadurch nicht; der Staat erkennt ihn nur anders an. Was fehlt, tragen die Familien, meist die Frauen: 82 Prozent der Pflegekräfte sind weiblich, gut die Hälfte arbeitet in Teilzeit. Zugleich will die Regierung die Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige um 30 Prozent kürzen, bei gleicher Pflegeleistung. Damit wächst die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern weiter: Frauen im Westen bekommen heute im Schnitt 842 Euro gesetzliche Rente, Männer 1.256 Euro. Rechnet man alle Alterseinkünfte zusammen – gesetzliche Rente, Betriebsrente, private Vorsorge –, kommen Frauen ab 65 Jahren auf durchschnittlich 1.820 Euro brutto im Monat, Männer auf 2.400 Euro. Der Gender Pension Gap liegt damit bei 24,2 Prozent.
Alleinerziehende trifft es doppelt
Auch bei der finanziellen Unterstützung von Eltern drohen Kürzungen. Das trifft vor allem alleinerziehende Mütter: Familienministerin Karin Prien (CDU) wollte die Altersgrenze für den Unterhaltsvorschuss von 18 auf 15 Jahre (bis zum 16. Geburtstag) senken, die SPD lehnt das ab. Der Plan steckt im Koalitionsstreit fest. Beim Elterngeld sollen Alleinerziehende künftig trotzdem nur noch 12 statt 14 Monate bekommen. “Familien pfeift unter dieser Bundesregierung ein scharfer Wind ins Gesicht. Die Bundesregierung muss sich besinnen und aufhören, Familien weiter zu belasten”, kritisiert Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende.
Gute Arbeit statt stiller Umverteilung
Der DGB stellt sich nicht gegen Reformen an sich, aber gegen Reformen, die bestehende Ungleichheiten verschärfen, statt sie abzubauen. Frauen arbeiten durchschnittlich 8 Stunden pro Woche weniger als Männer, kümmern sich dafür aber 9 Stunden mehr um Kinder, Pflege und Haushalt – unbezahlt. Deshalb fordert der DGB: Tariflöhne in der Pflege erhalten, Rentenanwartschaften pflegender Angehöriger aus Steuermitteln statt aus den Pflegekassen finanzieren, Sorgearbeit rentenwirksam machen, den Unterhaltsvorschuss absichern und die Elterngeldmonate für Alleinerziehende nicht zu kürzen.
Am 26. September 2026 zeigt der DGB mit dem bundesweiten Aktionstag “Hart verdient” in 15 Großstädten: Gute Arbeit für Frauen ist kein Frauenthema, sondern sichert wirtschaftliche Unabhängigkeit, treibt Wachstum voran und hält den Sozialstaat am Laufen.
Dieser Artikel erschien zuerst in der September-Ausgabe 2026 des DGB-einblick, die es hier zum Download gibt.