Sozialstaatsdebatte verunsichert – viele schränken ihren Konsum ein

Datum

Dachzeile IMK-Studie

Was passiert, wenn Menschen nicht mehr darauf vertrauen, im Alter, bei Krankheit oder im Pflegefall abgesichert zu sein? Sie legen eher Geld zurück, verschieben Anschaffungen und verzichten auf Ausgaben.

Die Sorgen reichen weit in die Bevölkerung

Eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung untersucht den Zusammenhang zwischen der Debatte über mögliche Einschnitte und dem Verhalten der Menschen. Im Mittelpunkt stehen Kürzungen bei der Rente, der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung sowie bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Für die Untersuchung wurden vom 17. Juni bis zum 13. Juli 2026 rund 4.000 Menschen zwischen 18 und 75 Jahren online befragt. Die Stichprobe wurde unter anderem nach Alter, Geschlecht, Region und Haushaltseinkommen quotiert und gewichtet.

81 Prozent der Befragten sagen, dass ihnen die aktuelle Debatte einige oder große Sorgen um ihre finanzielle Absicherung bereitet. 34 Prozent äußern große Sorgen, weitere 47 Prozent einige Sorgen. 19 Prozent geben an, dass ihnen die Debatte keine Sorgen macht.

Besonders groß ist die Sorge bei den unter 30-Jährigen. 92 Prozent von ihnen machen sich zumindest einige Sorgen. Auch das Einkommen beeinflusst die Einschätzung: Bei den Befragten mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 2.000 Euro äußern 53 Prozent große Sorgen. Bei einem Haushaltseinkommen von mindestens 4.500 Euro sind es 21 Prozent. Arbeiter*innen und Angestellte berichten häufiger von großen Sorgen als Beamt*innen und Selbstständige.

Mehrheit lehnt soziale Einschnitte ab

Im Fragebogen wurden 4 Maßnahmen genannt: eine Erhöhung des Renteneintrittsalters, Leistungskürzungen in der gesetzlichen Krankenversicherung, Leistungskürzungen in der Pflegeversicherung und die Streichung der Entgeltfortzahlung am ersten Krankheitstag.

76 Prozent lehnen diese Maßnahmen ab, 55 Prozent sogar entschieden. 16 Prozent befürworten sie, 8 Prozent sind unentschieden.

Besonders deutlich ist die Ablehnung bei den Leistungen für Gesundheit und Pflege. 85 Prozent sprechen sich gegen Leistungskürzungen in der Pflegeversicherung aus, 83 Prozent gegen Kürzungen in der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Streichung der Entgeltfortzahlung am ersten Krankheitstag lehnen 76 Prozent ab. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters lehnen 73 Prozent ab.

Die Ablehnung überwiegt in den Anhängerschaften aller Parteien. Unter den Anhänger*innen von CDU/CSU lehnen 51 Prozent die Maßnahmen ab, bei den Anhänger*innen der FDP sind es 62 Prozent. Bei SPD und Grünen liegt der Anteil bei rund drei Vierteln, bei den Anhänger*innen der Linken und der AfD bei mehr als vier Fünfteln.

Auch Menschen mit höheren Einkommen, Beamt*innen und Selbstständige lehnen die Maßnahmen mehrheitlich ab.

Unsicherheit verändert das Konsumverhalten

42 Prozent der Befragten geben an, ihre Ausgaben wegen der Debatte einzuschränken. Der Anteil steigt mit der Sorge um die eigene Absicherung. Unter den Menschen mit großen Sorgen halten sich 71 Prozent beim Konsum zurück. Bei denjenigen mit einigen Sorgen sind es 35 Prozent. Von den Befragten ohne Sorgen schränken knapp neun Prozent ihre Ausgaben ein.

Die genannten Einschränkungen betreffen zum Beispiel Restaurantbesuche und größere Anschaffungen. Geld wird zurückgelegt, statt ausgegeben.

Die Befragung zeigt einen Zusammenhang zwischen Sorgen um die soziale Absicherung und Konsumeinschränkungen. Sie belegt jedoch nicht, dass die Debatte allein für die allgemeine Konsumschwäche verantwortlich ist.

Sorgen und sinkendes Vertrauen in die Bundesregierung

Mit zunehmenden Sorgen sinken auch das Vertrauen in die Bundesregierung und die Zufriedenheit mit ihrer Arbeit. 57 Prozent der Menschen mit großen Sorgen sagen, dass sie überhaupt kein Vertrauen in die Bundesregierung haben. Bei den Befragten mit einigen Sorgen sind es 27 Prozent, bei jenen ohne Sorgen 16 Prozent.

65 Prozent der Menschen mit großen Sorgen geben an, mit der Arbeit der Bundesregierung sehr unzufrieden zu sein. Auch hier weisen die Daten auf einen Zusammenhang hin, belegen aber keinen alleinigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.

Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Debatte über soziale Sicherung nicht auf Leistungen und Beiträge beschränkt bleibt. Sie betrifft auch die Frage, ob Menschen staatliche Absicherung als verlässlich ansehen.

Die Menschen wollen Sicherheit statt Kürzungen

Die Befragung zeigt eine klare Ablehnung der diskutierten Einschnitte. Viele Menschen sorgen sich um ihre finanzielle Zukunft und schränken nach eigenen Angaben bereits heute ihre Ausgaben ein.

Der Sozialstaat braucht deshalb verlässliche Leistungen bei Krankheit, Pflege und im Alter. Dazu gehören der Verzicht auf Leistungskürzungen in Gesundheit und Pflege, keine Karenztage und keine Streichung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Erforderlich sind auch eine gesetzliche Rente, die den Lebensstandard sichert, und eine solidarische Finanzierung, bei der Menschen mit höherem Einkommen mehr beitragen.

Soziale Sicherheit schafft den Rahmen dafür, dass Menschen ihre Ausgaben planen und auf staatliche Absicherung vertrauen können. Die Politik sollte diese Sicherheit stärken, statt weitere Kürzungen anzukündigen.

zurück

Bleib informiert!

Gute Arbeit, Geld, Gerechtigkeit - Abonniere unseren DGB einblick-Newsletter, dann hast du unsere aktuellen Themen immer im Blick.

Mit der Anmeldung wird dem Erhalt der ausgewählten Newsletter zugestimmt. Diese Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden. Nähere Informationen zur Datenverarbeitung können in unserer Datenschutzbestimmungen nachgelesen werden.