Deutscher Gewerkschaftsbund

06.02.2020
Armut

"Wer Kinderarmut bekämpfen will, muss den Niedriglohnsumpf austrocknen"

1,5 Millionen Kinder leben in Hartz IV

Kein Rückgang in Sicht: Die wirtschaftlich gute Lage und die günstige Entwicklung am Arbeitsmarkt haben nicht dazu geführt, dass spürbar weniger Kinder von Hartz IV leben müssen. DGB-Vorstand Annelie Buntenbach fordert deshalb ein "beherztes Aktionsprogramm": "Kinderarmut in einem reichen Land wie Deutschland ist und bleibt ein nicht hinnehmbarer Skandal."

Kleines Mädchen an einer Schaukel

DGB/famveldman/123rf.com

zeit.de: Kinderarmut - Mehr als eine Million Kinder auf Hartz IV angewiesen

Nach wie vor leben 1,5 Millionen Kinder in Deutschland von Hartz IV, kaum weniger als vor drei Jahren. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des DGB. Danach sind Haushalte mit Kindern von der ansonsten relativ günstigen Entwicklung bei der Anzahl der Hartz-IV-Bezieher weitgehend abgekoppelt: Die wirtschaftlich gute Lage und die günstige Entwicklung am Arbeitsmarkt haben nicht dazu geführt, dass sich die Zahl von Kindern im Hartz-IV-Bezug spürbar reduziert hat.

Kinderarmut raubt Zukunft und Entwicklungschancen

"Kinderarmut in einem reichen Land wie Deutschland ist und bleibt ein nicht hinnehmbarer Skandal", sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. "Kinderarmut ist deshalb besonders bitter, weil sie in die Zukunft wirkt und Entwicklungschancen raubt. Das Gefühl, nicht mithalten und oft sogar nicht mitspielen zu können, hinterlässt Spuren. Armut schränkt die Spielräume von Kindern ein – buchstäblich und im übertragenen Sinn.“

Aktionsprogramm gegen Kinderarmut nötig

"Weil die Zahl armer Kinder in den letzten Jahren kaum zurückgegangen ist, brauchen wir dringend ein beherztes Aktionsprogramm gegen Kinderarmut", so Buntenbach. "Arbeitslosigkeit der Eltern und Niedriglohn sind die hauptsächlichen Ursachen für arme Familien, denn niedrige Löhne machen es trotz Arbeit oftmals unmöglich, den eigenen Lebensunterhalt und den eines Kindes aus eigenen Mitteln zu decken.

Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor in West-Europa. Das Hartz-IV-System wird so durch das Aufstocken zum Reparaturbetrieb für nicht existenzsichernde Löhne. Deshalb gilt: Wer Kinderarmut bekämpfen will, muss den Niedriglohnsumpf austrocknen. Dazu muss der Mindestlohn einmalig über den bestehenden Anpassungsmechanismus hinaus erhöht werden und es muss möglich gemacht werden, dass Tarifverträge leichter für alle Arbeitgeber verbindlich gemacht werden.“

Portrait Annelie Buntenbach

DGB/Joanna Kosowska

Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied

"Haushalte mit Kindern, in denen beide Elternteile arbeitslos sind, müssen besonders unterstützt und gefördert werden. Bei dem neuen Förderinstrument ‚Teilhabe am Arbeitsmarkt‘, bei dem Arbeitsplätze für Langzeitleistungsbezieher gefördert werden, sollten Eltern vorrangig berücksichtigt werden.“

„Der bestehende Kinderzuschlag wurde dieses Jahr erhöht und leichter zugänglich gemacht, ebenso die Leistungen des sogenannten Bildungs- und Teilhabepakets. Das sind Schritte in die richtige Richtung, aber noch längst nicht der Durchbruch, den wir brauchen, um Kinderarmut zu überwinden.“

„Kein Haushalt sollte Hartz IV beziehen müssen, nur weil Kinder darin leben. Die kinderbezogenen Leistungen für Geringverdienende sollten so gebündelt und erhöht werden, dass ein Leben unabhängig von Hartz IV möglich wird.“


DGB-Auswertung: Weiterhin 1,5 Millionen Kinder im Hartz-IV-Bezug (PDF, 314 kB)

Die Zahl von Kindern bis 14 Jahren, die mit ihren Eltern Hartz-IV-Leistungen beziehen müssen, stagniert auf hohem Niveau. Im September 2019 erhielten 1.510.440 Kinder Hartz IV. Das sind kaum weniger als drei Jahre zuvor, als 1.558.428 Kinder Leistungen bezogen. Damit sind Haushalte mit Kindern von der relativ günstigen Entwicklung bei der Anzahl der Hartz-IV-Bezieher weitgehend abgekoppelt. Dies sind die Ergebnisse einer aktuellen Auswertung des DGB von Statistiken der Bundesagentur für Arbeit. Dabei hat der DGB die Zahl der Leistungsbezieher differenziert nach Personenmerkmalen im September 2016 und September 2019 verglichen.


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