Deutscher Gewerkschaftsbund

30.11.2011
Leitbild "Demokratische Hochschule"

Frank Bsirske: "Hürden der Bildungsbeteiligung abschaffen"

Standpunkte zur Hochschule der Zukunft

"Gute Studienbedingungen sind nur durch gute Arbeitsbedingungen an den Hochschulen zu erreichen", schreibt ver.di-Vorsitzender Frank Bsirske in einem Namensbeitrag anlässlich der Debatte um das "Leitbild Demokratische und Soziale Hochschule". Hans-Böckler-Stiftung, DGB und Gewerkschaften wollen damit eine Alternative zum vorherrschenden Paradigma der unternehmerischen Hochschule bieten.

Von Frank Bsirske, Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft  (ver.di)

„Gute Studienbedingungen sind nur durch gute Arbeitsbedingungen an den Hochschulen zu erreichen.“ Standpunkt des ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske zum Leitbild demokratische Hochschule

„Gute Studienbedingungen sind nur durch gute Arbeitsbedingungen an den Hochschulen zu erreichen.“ Frank Bsirske (ver.di) DGB/Simone M. Neumann

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di begrüßt das von der Hans-Böckler-Stiftung vorgelegte „Leitbild für eine Demokratische und Soziale Hochschule“. Das Leitbild mit den Expertisen stellt eine substanzielle Grundlage dar und befördert die Motivation, gewerkschaftliche Perspektiven für eine Hochschule der Zukunft weiter auszuarbeiten. Daher ist es richtig und wichtig, aus dem Diskurs um das Leitbild ein hochschulpolitisches Programm der Gewerkschaften des DGB mit präzisen Positionen und Vorstellungen zu entwickeln, das dem vorherrschenden Paradigma der unternehmerischen Hochschule Alternativen gegenüberstellt. Gegenwärtig sind Politik und Praxis geprägt durch Ökonomsierungsstrategien nach dem Muster des New Public Management. Betriebswirtschaftli­che Kennziffern sind zunehmend Entscheidungsfaktoren für wissenschaftliches Angebot und Mittelvergabe. Verstärkt wird die Mitbestimmung durch Personalräte oder die akade­mische Selbstverwaltung als Störfaktor angesehen.

Exzellenzinitiativen treiben die Hochschulen in einen heftigen Konkurrenzkampf, doch am Fundament wird weiter gespart [...]. Zwei Drittel der Studierenden erwerbstätig, um Lebensunterhalt sowie Ausbildung zu fi­nanzieren.

Gleichzeitig sind Hochschulen seit Jahrzehnten chronisch unterfinanziert, die zusätzlichen Mittel der Hochschulpakte, derer sich die Bundesregierung rühmt, werden vorrangig
als Wettbewerbsinstrumente eingesetzt. Exzellenzinitiativen treiben die Hochschulen in einen heftigen Konkurrenzkampf um die bekanntesten Köpfe, aber vor allem die lukrativsten Töpfe. Doch am Fundament wird weiter gespart, Hörsäle sind überfüllt, Bibliothe­ken schlecht ausgestattet, technische Ausstattung ist veraltet, die Personalschlüssel las­sen eine nur mangelhafte Betreuung der Studierenden zu. Wissenschaftler/innen werden vermehrt über Drittmittel finanziert, stehen so der Lehre kaum zur Verfügung und ein gro­ßer Teil dieser Arbeit wird auf prekär beschäftigte Lehrbeauftragte abgewälzt. Zudem sind zwei Drittel der Studierenden erwerbstätig, um Lebensunterhalt sowie Ausbildung zu fi­nanzieren. Gleichzeitig sollen sie schneller studieren, auch um die Bildungsausgaben zu senken. Zu diesen Bedingungen können und wollen sich viele junge Menschen eine wis­senschaftliche Ausbildung nicht leisten oder verlassen die Hochschule ohne Abschluss  – immerhin mehr als ein Fünftel. Daher müssen die materiellen Rahmenbedingungen so verbessert werden, dass sich alle Studierenden auf ihr Studium konzentrieren können. Stipendien-Programme oder Studiengebühren sind dafür keine geeigneten Instrumente, sie verfestigen vielmehr bestehende Bildungsbarrieren. Gerecht geht anders!

Die Öffnung der Hochschule ist eine Möglichkeit, die Auswirkun­gen sozi-ökonomischer und sozi-kultureller Hürden der Bildungsbeteiligung zu ent­schär­fen, das langfristige Ziel ist aber die Abschaffung dieser Hürden selbst.

In der ver.di-Grundsatzerklärung heißt es: „Der aktive Sozialstaat muss die Beteiligung aller an einer lebensbegleitenden Bildung gewährleisten. Er muss in die Bildung investieren. Alle brauchen gleiche Bildungschancen, niemand darf benachteiligt und ausgegrenzt werden.

Wir wollen ein gemeinschaftliches, von Gebühren freies Bildungswesen von der frühkindlichen Förderung, der Kindertagesstätte bis zu den Hochschulen. Lehre und Forschung müssen frei sein und ihre gesellschaftliche Verantwortung beachten.“ In diesem Sinne geht es ver.di immer auch um Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Bildungspolitik ist für ver.di eine wichtige politische Aufgabe, denn Bildung sichert den Zugang zu Arbeit und Beruf und ist damit Teil der sozialen Frage um faire Lebenschancen. Gleichsam ist Bil­dung in dieser globalisierten wissensbasierten Wirklichkeit der zentrale Faktor und damit entscheidend für die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft.

Im Leitbild heißt es: „An den Hochschulen generiertes und in der wissenschaftlichen Bildung und Ausbildung vermitteltes Wissen muss ein öffentliches Gut bleiben, dass die Menschen befähigen soll, die künftigen Entwicklungen selbstbewusst, mündig und nachhaltig mit zu gestalten.“ Dem stimmen wir ausdrücklich zu, Bildung darf nicht zum ökono­mi­schen Faktor mutieren. Humanisierung, Demokratisierung, Partizipation und Emanzipa­tion müssen weiterhin wichtige Leitlinien sein, insbesondere für die Funktion der Hoch­schule.

ver.di setzt sich mit ihren aktiven Gewerkschafter/-innen und engagierten Personalräten sowie auch mit den ver.di-Initiativen CAMPUS DER ZUKUNFT und FAIRSPEKTIVE für eine demokratische und soziale Hochschule ein, an der Studierende und Beschäftigte wirksam mitbestimmen. Gute Studienbedingungen sind nur durch gute Arbeitsbedingungen zu erreichen. Ein ebenso wichtiges Handlungsfeld ist die auch im Leitbild geforderte soziale Öffnung der Hochschulen. Dazu gehört insbesondere ein hohes Maß an Durch­lässigkeit zwischen Bildungseinrichtungen, gerade auch zwischen beruflicher und hoch­schulischer Ausbildung. Die Öffnung der Hochschule ist eine Möglichkeit, die Auswirkun­gen sozio-ökonomischer und sozio-kultureller Hürden der Bildungsbeteiligung zu ent­schär­fen, das langfristige Ziel ist aber die Abschaffung dieser Hürden selbst. Alle Men­schen haben das Recht auf gute Bildung, gute Arbeit und ein gutes Leben!


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Dieser Artikel gehört zum Dossier:

Das Leitbild "Demokratische und Soziale Hochschule“ in der Diskussion

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