Während die Debatten über Arbeitszeitverlängerung, Rentenkürzungen und Sozialstaatsabbau toben, haben sich in Berlin 400 Delegierte versammelt, die gemeinsam 5,4 Millionen Gewerkschaftsmitglieder vertreten. Vier Tage lang berieten sie auf dem 23. Ordentlichen Bundeskongress des DGB über die Zukunft der Arbeit und setzten ein kraftvolles Zeichen für sozialen Fortschritt, wirtschaftliche Erneuerung und ein selbstbewusstes Europa.
Rund 400 Delegierte aus 8 Mitgliedsgewerkschaften haben beim sogenannten "Parlament der Arbeit" in Berlin ihre Antwort auf die Krisen unserer Zeit formuliert. Statt in Abwehrkämpfe zu verfallen, beschloss der Kongress ein starkes Programm für sozialen Fortschritt, wirtschaftliche Erneuerung und ein selbstbewusstes Europa.
Der Kongress warnte vor Einschnitten bei Rente, Gesundheit und öffentlicher Daseinsvorsorge und machte klar: Sozialstaat und Mitbestimmung sind Grundpfeiler von Demokratie und wirtschaftlicher Stärke. Statt Kürzungen forderten die Delegierten strukturelle Reformen, eine Stärkung der Tarifbindung sowie Investitionen in Arbeit, Industrie und Infrastruktur.
Geschäftsführender Bundesvorstand mit überwältigender Mehrheit bestätigt
Am Montag, den 10. Mai, wurde Yasmin Fahimi von 96,1 Prozent der Delegierten erneut zur DGB-Vorsitzenden gewählt. Elke Hannack (86,5 Prozent) und Stefan Körzell (97,6 Prozent) wurden als Stellvertreter*innen bestätigt bzw. neu gewählt, ebenso bleibt Anja Piel DGB-Vorstandsmitglied (95,2 Prozent).
"Wir bieten an, gemeinsam mit aufgeklärten Kräften, unsere demokratische Identität und unser eigenständiges Modell wirtschaftlicher Entwicklung, im Geiste sozialer Verantwortung, zu verteidigen und fortzuschreiben. Wir wollen deutsche und europäische Selbstbehauptung in einer erneuerten Kultur der Gemeinsamkeit und des Miteinanders."
– Yasmin Fahimi in ihrer Grundsatzrede
Kanzler, Vizekanzler und Arbeitsministerin zu Gast
Der Kongress war auch politische Bühne: Am Montagabend sprach Vizekanzler und SPD-Vorsitzender Lars Klingbeil zu den Delegierten und warb für einen gemeinsamen Kurs in schwierigen Zeiten. Die DGB-Vorsitzende Yasmin machte im Anschluss klar: "Wir erwarten von der SPD nicht nur, das Schlimmste zu verhindern, sondern echte, solidarische Strukturreformen."
Am Dienstag richtete Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ein Grußwort an den Kongress. Er konnte die gesamte Redezeit über in konzentrierter Atmosphäre seine Gedanken mit den Delegierten teilen. Auf dem Kongress waren viele Kolleg*innen aus den Betrieben, die seit Monaten eine Debatte über Kürzungen erleben, die sie zurecht kritisieren. Diese Kritik wurde im Raum auch deutlich. Die Gewerkschaften sind zu Reformen bereit, aber nicht, wenn sie ausschließlich zu Lasten der Beschäftigen gehen. Davon zu sprechen, dass alle Opfer bringen müssten und dann die Arbeitgeber einseitig zu entlasten und die Arbeitnehmer*innen zu belasten, das geht nicht.
Am Dienstagnachmittag folgte Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas (SPD), die ihren persönlichen Einsatz gegen Sozialabbau versprach. Das eindrucksvolle Riesenbanner "Mit Macht für die 8 – Hände weg vom 8-Stunden-Tag!" gegenüber dem Rednerpult mahnte die Ministerin, den Plan zur Abschaffung des 8-Stunden-Tags zu verwerfen. Die DGB-Jugend nutzte die Gelegenheit für eine spektakuläre Aktion im Anschluss an die Rede: "Dring, Dring! Die Jugend ist am Telefon" – junge Delegierte machten mit einem Riesen-Handy und Schildern auf ihre Anliegen aufmerksam. Die Forderungen: soziale Sicherheit, soziale Gerechtigkeit und vor allem aktive Einbindung der jungen Generation in Entscheidungen, die ihre Zukunft beeinflussen.
Reformbereitschaft statt Konfrontation: Konkrete Vorschläge für die Zukunft
Der Kongress machte deutlich: Der DGB setzt nicht nur auf Widerstand, sondern bringt konstruktive Lösungen ein. Die Delegierten beschlossen umfassende Reformvorschläge für das Gesundheitswesen – etwa die Durchsetzung des Non-Profit-Prinzips, den flächendeckenden Aufbau von Gesundheitszentren und die Absenkung der Mehrwertsteuer auf Medikamente von 19 auf 7 Prozent. Solche Maßnahmen würden die Krankenversicherung stabilisieren, ohne Leistungen für Versicherte zu kürzen.
Bei der Rente stellte der Kongress klar: Eine leistungsfähige gesetzliche Rente muss das zentrale Standbein bleiben. Wer ein Leben lang arbeitet und einzahlt, muss im Alter sicher leben können – das gilt für alle Generationen. Die Delegierten warnten: Wer das Renteneintrittsalter beliebig nach oben setzen will oder das Sicherungsniveau angreift, riskiert einen gesellschaftlichen Großkonflikt.
Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Daseinsvorsorge
Investitionen in Bildung, Infrastruktur und öffentliche Daseinsvorsorge sind für die Delegierten ein Beitrag zur Zukunftssicherung. Der Kongress forderte ein Aktionsprogramm für die 4,5 Millionen Menschen ohne Berufsabschluss. Damit könnten Fachkräfte gewonnen und gleichzeitig Teilhabechancen verbessert werden. Beschlossen wurde zudem die Forderung, die Ausbildungsgarantie so zu erweitern, dass alle jungen Menschen Zugang zu einer Erstausbildung erhalten. Zudem stellten die Delegierten die Forderung auf, Auszubildende und Studierende bei Wohnheimen, Fahrtkosten und Auslandsaufenthalten vollständig gleichzustellen.
Die Delegierten betonten außerdem: Gute öffentliche Versorgung schafft die Voraussetzung für Wohlstand und entlastet Bürger*innen von existentiellen Sorgen. Wer daran spart, macht alle ärmer.
Europa stark machen: „Made in Europe“ durchsetzen
"Wofür wir uns starkmachen, ist ein Europa der Selbstbehauptung", sagte Yasmin Fahimi in ihrer Grundsatzrede. Sie forderte die schnelle Umsetzung des Industrial Accelerator Act, damit öffentliche Beschaffung europäische Produktion bevorzugt. Wer in Europa verkaufen will, muss auch überwiegend in Europa produzieren. Gleichzeitig sprach sie sich für den Aufbau einer europäischen Digitalwirtschaft aus, mit eigenen KI-Lösungen, strengen ethischen Standards und fairer Besteuerung der Tech-Giganten.
Tarifbindung als Schlüssel für soziale Sicherheit und Wirtschaftskraft
Ein zentrales Thema des Kongresses war die Stärkung der Tarifbindung. Die Delegierten machten deutlich: Bei flächendeckender Tarifbindung würden den Sozialversicherungen, der Staatskasse und den Beschäftigten rund 123 Milliarden Euro mehr zur Verfügung stehen, ohne Beitragserhöhungen. Der Kongress beschloss deshalb Maßnahmen zur Durchsetzung der Tarifwende, darunter die Ausweitung der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen und die Bindung öffentlicher Aufträge an Tarifstandards.
Demokratisierung der Arbeitswelt, Mitbestimmung in Betrieben und auf Unternehmensebene sowie die Stärkung betrieblicher Interessenvertretungen sind für die Delegierten unverzichtbare Elemente einer zukunftsfähigen Wirtschaft.
Das Parlament der Arbeit: Höchstes Gremium des DGB
Alle 4 Jahre tagt der Ordentliche Bundeskongress des DGB – das "Parlament der Arbeit". Er ist das höchste Entscheidungsgremium des DGB. Rund 400 Delegierte aus 8 Mitgliedsgewerkschaften beraten und beschließen hier die Ziele und Aufgaben des DGB für die kommenden 4 Jahre. Die Beschlüsse sind bindend und öffentlich einsehbar.