Die Bundesregierung will den 8-Stunden-Tag durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzen. Für die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi ist das der falsche Hebel, um die Wirtschaft anzukurbeln.
Im Podcast "Politik mit Anne Will" (Aufzeichnung: 27. Mai 2026) dreht sie die Debatte um: weg von Kürzungen für die Beschäftigten, hin zu einer Agenda für Wachstum und Gute Arbeit. Wer die anderthalb Stunden nicht komplett hören kann, findet hier die wichtigsten Aussagen. Die Fragen wurden sinngemäß wiedergegeben. Alle Zitate wurden sinnwahrend gekürzt.
Frau Fahimi, warum verteidigen Sie den 8-Stunden-Tag so vehement?
Das Arbeitszeitgesetz ist längst flexibel – 10 Stunden am Tag sind möglich, und in Tarifverträgen lässt sich das passgenau regeln. Was die Regierung plant, wäre eine Machtverschiebung hin zu den Arbeitgebern. Millionen Beschäftigte ohne Tarifvertrag wären dem Weisungsrecht ausgeliefert. Und es ist nachgewiesen: Nach 8 Stunden steigt die Unfallgefahr, nach 10 Stunden sogar exponentiell.
Der Kanzler sagt, die Deutschen arbeiteten 200 Stunden weniger als die Schweizer.
Diese Zahl stammt aus einer OECD-Studie, die selbst sagt, dass die Werte nicht vergleichbar sind. Tatsächlich arbeiten Vollzeitbeschäftigte in der Schweiz 40,1 Stunden pro Woche, in Deutschland 40,2. Wir können aufhören, dieses Märchen zu erzählen.
Wo liegen dann die echten Reserven?
Bei einem riesigen erwerbstätigen Potenzial: 2,5 Millionen Menschen, meist Frauen, würden gerne mehr arbeiten, dürfen aber nicht. Über 3 Millionen junge Erwachsene haben keine abgeschlossene Ausbildung. Wir müssen die Arbeit auf mehr Köpfe verteilen und nicht denen, die schon Vollzeit arbeiten, noch mehr aufladen.
Sie sind also zu Reformen bereit. Wo ist das Problem?
Reformbedarf gibt es definitiv. Aber was mir vorgelegt wird, sind Kürzungsprogramme. Ich will Reformen in den Strukturen und über die Einnahmeseite reden: Kapitalerträge werden mit 25 Prozent versteuert, Einkommen aus Arbeit im Schnitt mit 43. Darüber muss man reden können.
Beim Thema Rente verweist der Kanzler auf "Demographie und Mathematik".
Die Rentenformel hat mehr als 2 Faktoren. Wer Mathematik nur als Gleichung mit 2 Unbekannten versteht, ist auf einem mathematisch niedrigem Niveau. Dasselbe Argument hören wir seit 40 Jahren. Die Prognosen haben sich nie erfüllt, weil das Erwerbstätigenpotenzial gestiegen ist.
Was halten Sie davon, die Frühverrentung zu beenden?
Wer abschlagsfrei früher geht, hat im Schnitt 47 Beitragsjahre. Das sind 10 Jahre mehr als alle anderen Rentenbeziehenden. Was genau ist daran Frühverrentung? Und ein höheres Eintrittsalter ist für alle, die es nicht schaffen, schlicht eine Rentenkürzung.
Was wäre die richtige Antwort auf die Lage?
Wir müssen über Wachstum, Produktivität, Innovation und den europäischen Binnenmarkt reden. Stattdessen wird den Beschäftigten gesagt "Jetzt seid mal weniger krank und geht mal eine Stunde mehr in der Woche arbeiten". Das ist doch absurd.
Der Kanzler will die Gewerkschaften vom Aufbruch überzeugen.
Seit Bestehen der Bundesrepublik begleiten die Gewerkschaften den Wandel. Wir sind nicht die Bremser. Aber Innovation und Wachstum bekommt man nicht hin, indem man sagt: weniger Leistung, mehr Arbeit. Das ist ökonomischer Unsinn. Was wir brauchen, ist Bock auf Zukunft.
Wo stehen wir in der Arbeitszeitfrage in einem Jahr?
Ich weiß zumindest, wo wir stehen: Wir werden dafür sorgen, dass diejenigen, die unter dem Schutz eines Tarifvertrags stehen, nicht in die Willkür der Arbeitgeber fallen – unsere Vereinbarungen gelten weiter. Deswegen: Macht euch stark mit uns, werdet Gewerkschaftsmitglied und holt euch Tarifverträge ran!