Deutscher Gewerkschaftsbund

28.08.2018

Der Letzte macht die Zeche zu

Es ist das Ende einer Ära: In ein paar Monaten macht das letzte deutsche Steinkohle-Bergwerk dicht. Wie geht es danach weiter, was bedeutet das für die Menschen? Um das herauszufinden, haben wir die Zeche Prosper Haniel in Bottrop besucht - und einen Bergmann getroffen, der das Unvermeidliche und die Wehmut einfach wegmalocht.

Eingang Steinkohlebergwerk Prosper Haniel in Bottrop

DGB

Ein heißer Sommertag im August, die Hitzewelle hat Deutschland fest im Griff. Doch so richtig heiß, das werden wir später merken, ist es nicht hier oben, sondern 1.200 Meter weiter unten.

Wir sind auf Prosper Haniel, dem letzten aktiven Steinkohlebergwerk im Ruhrgebiet. Es ist die erste Station der diesjährigen Sommerreise von DGB-Vorstand Stefan Körzell – und ein Ort, den es so bald nicht mehr geben wird. Seit 150 Jahren wird hier in Bottrop Kohle gefördert, insgesamt über 300 Millionen Tonnen. Ende des Jahres ist damit Schluss, dann ist für immer Schicht im Schacht.

Ausstieg nach Plan

2007 wurde der Ausstieg aus dem subventionierten Bergbau beschlossen, seitdem bereitet man sich auch auf Prosper Haniel auf das Ende der Förderung vor. Das heißt zum Beispiel: keine neuen Bergleute mehr ausbilden, das Personal nach und nach abbauen, jüngere Kollegen in neue Jobs vermitteln. Niemand soll „ins Bergfreie fallen“, also arbeitslos werden.

4.200 Menschen haben mal auf Prosper Haniel gearbeitet, heute sind es noch 1.600. Einer von ihnen ist Dirk Tomke. Er ist Bergmann in der dritten Generation, hat sich jahrzehntelang unter Tage um den Vortrieb gekümmert und „Strecke gemacht“. Seit keine neuen Strecken mehr gebraucht werden, bringt er Besuchergruppen die Arbeit unter Tage nahe. Auch uns nimmt er mit in die Grube – denn natürlich wollen wir uns eine der allerletzten Chancen, beim Hobelbetrieb live dabei zu sein, nicht entgehen lassen.

 

Gruppenfoto Stefan Körzell mit DGB-Team und Bergleuten in Bergmannskluft vor der Einfahrt in die Grube

Alle noch schön sauber: Das DGB-Team mit Bernd Beier, Personaldirektor auf Prosper Haniel (ganz rechts), vor der Einfahrt in die Grube. DGB

Arbeit unter Tage: archaisch, dreckig, besonders

In traditioneller Bergmannskluft, ausgestattet mit Atemschutzgerät, Lampe und reichlich Getränken geht die Seilfahrt in die Tiefe, zwölf Meter in der Sekunde, bis runter auf 1.200 Meter. Ein paar Minuten Fußweg, dann weiter mit der Dieselkatze, einem Zug, der an Stahlschienen von der Firste hängt und uns tief in den Flöz hineinbringt. Es ist dreckig, eng und laut, wir erleben hautnah, wie die Kohle von einem gigantischen Hobel aus dem Berg geschält und über Förderbänder zu Tage befördert wird. An manchen Stellen ist es trotz eines ausgeklügelten Belüftungssystems fast unerträglich heiß; im Schnitt steigt die Temperatur pro 100 Meter, die es in die Tiefe geht, um drei Grad.

Die Technik, mit der auf Prosper Haniel die Kohle gefördert wird, ist weltweit führend – trotzdem wirkt hier unten alles archaisch, wild und rauh. Die harte körperliche Arbeit, die hier seit Jahrzehnten verrichtet wird, die Tradition des Bergbaus, der Stolz der Kumpels: All das ist überall und in jedem Moment zu spüren. “Bergmann sein, das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Dirk Tomke. „Dieser Zusammenhalt ist einmalig, das gibt es sonst nirgends. Hier unten sind alle gleich, jeder ist auf jeden angewiesen. Niemand wird allein gelassen, jeder weiß, wo er hin gehört.“

 

Gruppenfoto Stefan Körzell mit DGB-Team und Bergleuten in Bergmannskluft nach der Ausfahrt der Grube

Nach der Ausfahrt: Der Hobelbetrieb in 1.200 Metern Tiefe hat seine Spuren hinterlassen. DGB

Eine Region im Wandel

Das gilt auch, sagt Tomke, für die, die in der Schule nicht die Allerhellsten waren. Im Bergbau war für jeden Platz, hier ist jeder untergekommen. Wenn Ende des Jahres die letzten Zechen schließen, ist es auch damit vorbei. Für geringer Qualifizierte wird es weniger Jobs geben, nicht jeder ist für eine Arbeit im Dienstleistungssektor oder der Digitalwirtschaft gemacht - auch wenn Städte wie Dortmund oder Bochum gerne als Vorzeigemodelle im laufenden Prozess des Strukturwandels präsentiert werden. „Was wir hier im Ruhrgebiet brauchen, sind Industriearbeitsplätze“, sagt Bergmann Tomke. Doch Neuansiedelungen von großen Unternehmen sind selten, gerade vielen jungen Menschen fehlt eine Perspektive. „Und wer nichts zu tun hat, der kommt auf dumme Gedanken“, fürchtet Dirk Tomke.

Wie es mit dem Ruhrgebiet weitergeht, wenn es den Bergbau nicht mehr gibt: Die Frage beschäftigt Dirk Tomke. Er spürt jetzt schon, wie sich die Stimmung verändert, wie die Spaltung der Gesellschaft stärker wird. Dabei geht es nicht nur um den Verlust von Arbeitsplätzen: „Die Zeche ist für viele von uns das zweite Zuhause, die Kumpels sind Familie. Wenn das wegbricht, fallen viele in ein Loch“. Der Bergbau, das ist nicht nur hier in Bottrop mehr als ein Job. Er ist ein Stück Heimat, Identität und Tradition.

 

Portrait Bergmann Dirk Tomke

"Die Tradition darf nicht sterben": Dirk Tomke, 47 Jahre alt, Bergmann in der dritten Generation WDR/Klaus Görgen

Rente mit 49 – und dann?

Dafür, dass diese Tradition nicht in Vergessenheit gerät, kämpft Dirk Tomke. Deshalb macht er die Führungen hier auf Prosper Haniel, deshalb wird er auch nach dem Ende der Kohleförderung, über das Jahr 2018 hinaus, in der Öffentlichkeitsarbeit des Bergwerks arbeiten. Ab Mitte 2019 wechselt er dann, wenn alles so klappt, wie er sich das vorstellt, in die Abteilung „Technik und Logistik“. Sie ist für den Rückbau der Anlagen und die so genannten Ewigkeitsaufgaben zuständig; Maßnahmen also, die auch nach dem Ende der Förderung anfallen.

Dirk Tomke ist einer der wenigen, die nach der offiziellen Schließung im Dezember bleiben können – doch Ende März 2020 ist auch für ihn endgültig Schluss. Dann ist er 49 Jahre alt und kann nach der Anpassungsregelung für Bergleute steuerfrei in den Vorruhestand gehen, so wie die meisten seiner Kollegen hier. Über 30 Jahre war er dann dabei. Was kommt danach? „Erstmal will ich für viereinhalb Monate mit dem Wohnwagen durch Skandinavien reisen, das ist ein lang gehegter Traum von mir.“ Und dann – mal sehen. Eine sinnvolle Aufgabe finden. Führungen auf der Zeche Zollverein machen, Einsätze bei der Freiwilligen Feuerwehr, Ehrenamt bei der Tafel oder im Knappenverein, sowas in dieser Richtung. „Man muss sich vorbereiten, sonst funktioniert das nicht“, sagt Tomke. Doch so richtig konkret sind seine Pläne nicht. Es scheint, als ob er sich trotz allem nicht vorstellen kann, dass in ein paar Monaten tatsächlich alles vorbei sein wird – obwohl sie sich hier seit Jahren auf den Tag X vorbereiten.

Bericht der Süddeutschen Zeitung über den Besuch des DGB im Bergwerk Proper Haniel:
Ende der Steinkohle-Förderung: Der Steiger kommt nicht mehr

Bis zum letzten Tag

Das geht nicht nur Dirk Tomke so. Bei unserem Besuch erfahren wir, dass momentan so viel Steinkohle gefördert wird, dass das Soll schon lange vor dem offiziellen Stichtag am 21.12.2018 erfüllt sein wird. Von Resignation oder Problemen, sich angesichts des baldigen Endes zu motivieren, keine Spur. Im Gegenteil: „Jeder gibt hier nochmal alles, bis zum letzten Tag“, sagt Tomke. Das sei eine Frage der Ehre – aber nicht nur: „Wir tun einfach so, als ob nichts wäre, machen einfach weiter wie immer, mit vollem Einsatz.“ Verdrängen als Überlebensstrategie, das Unvermeidliche einfach wegmalochen. Und die Wehmut.

So richtig verstehen, warum das alles bald vorbei sein soll, kann hier sowieso kaum jemand. „Es ist ja nicht so, dass in Deutschland keine Steinkohle mehr gebraucht wird, nur weil wir keine mehr abbauen“, sagt Dirk Tomke. „Die Kohlekraftwerke laufen weiter, aber dann eben mit Kohle aus Kolumbien oder Russland. Ich hätte mir gewünscht, dass wir wenigstens noch so lange Zugang zur Lagerstätte gehabt hätten, wie wir noch Steinkohle verstromen, bis wir wirklich weg sind von den fossilen Brennstoffen. Allein davon, dass wir jetzt hier dicht machen, wird die Luft kein bisschen sauberer.“

 

Stefan Körzell mit Kohelenstaub

DGB-Vorstand Stefan Körzell hat es unter Tage den Kohlestaub ins Gesicht getrieben. DGB

DGB-Vorstand Stefan Körzell ist Mitglied der
Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung"

Mehr zum Thema: einblick September 2018 - Schicht im Schacht. Über den Abschied von der Kohle im Bergwerk Ibbenbüren


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