Betriebsrätepreis 2026: Das sind die drei Gold-Preisträger

Datum

Dachzeile Betriebsratsforum #BR26

Über 800 Menschen aus Betrieben, Gewerkschaften, Politik und Wissenschaft kamen am 16. und 17. September 2026 beim Betriebsratsforum #BR26 in Berlin zusammen. Höhepunkt war die Verleihung des Deutschen Betriebsrätepreises in Gold, Silber und Bronze an neun Preisträger*innen – erstmals in dieser Form.

“Die Betriebsrätinnen und Betriebsräte und die Kolleginnen und Kollegen in den Aufsichtsräten sind diejenigen, die am ernsthaftesten an den Zukunftsstrategien der Unternehmen in Deutschland arbeiten", sagte DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi in ihrer Eröffnungsrede. Und weiter: “Mitbestimmung im Betrieb, das ist nicht nur irgendein Gedöns, sondern es ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie!”

Dahinter stehen drei völlig unterschiedliche Geschichten mit einem gemeinsamen Nenner: Mitbestimmung bewegt etwas, wenn Menschen sie nutzen.

Gold für Inklusion: Körber Technologies GmbH – IG Metall

Es beginnt mit einem einzigen Tag. Beim DUOday lernen Menschen aus Werkstätten für Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz im Betrieb kennen und suchen sich selbst aus, wo sie arbeiten wollen. Bei Körber Technologies in Hamburg-Bergedorf hat die Schwerbehindertenvertretung daraus über Jahre ein System gebaut.

Kleines Gremium mit großer Wirkung

“Das war für mich der schönste Tag meines Lebens”, sagte ein Teilnehmer nach seinem ersten DUOday. Schwerbehindertenvertreter Carsten Schmela saß in der Abschlussrunde: “Da habe ich zum ersten Mal wirklich gespürt, was ein einziger Tag bei uns im Unternehmen für einen Menschen bedeuten und bewirken kann.”

Aus dem einen Tag wurde ein Weg mit klaren Stufen: erst eine Arbeitsgruppe mit drei bis vier Beschäftigten der Elbewerkstätten, die einfache Aufgaben übernahmen, dann eine wachsende Gruppe von acht bis zwölf Kolleg*innen, ausgestattet mit der gleichen Arbeitskleidung wie alle anderen. Später folgten Einzelarbeitsplätze, etwa im Schraubenlager und in der Poststelle. “Genau dort fand für uns die eigentliche Inklusion statt: nicht am Rand des Betriebes, sondern mitten im Arbeitsalltag, in der Montagehalle gemeinsam mit den Werkern”, so Schmela.

Der Weg war nicht ohne Reibung: Auch innerhalb der eigenen Reihen wurde gerungen, etwa um eine angemessene Bezahlung der Beschäftigten. Zudem gab es die Angst vor dem Jobverlust. Am Ende stand ein Ergebnis: “Es wurde kein einziger Arbeitsplatz verdrängt”, so Schmela. Stattdessen wurden Teams entlastet, und aus Gästen wurden Kolleg*innen.

Für die Jury überzeugte das kleine Gremium mit großer Wirkung: Es erhielt Gold in der Kategorie kleine Gremien.

Gold für Zukunft: Maschinenfabrik ALFING Kessler GmbH – IG Metall

In Aalen stand ein Traditionsunternehmen am Abgrund. Als Kurbelwellenhersteller war die Maschinenfabrik ALFING Kessler stark vom Verbrennungsmotor abhängig. Der Wandel in der Automobilindustrie brachte den Betrieb ins Wanken. Teilbereichsschließungen und der Abbau von bis zu 25 Prozent der rund 1.200 Arbeitsplätze standen im Raum.

Mitbestimmung kann Transformation erfolgreich gestalten

Der Betriebsrat entschied sich gegen Abwarten. Schon im September 2020 verständigten sich Betriebsrat und Geschäftsführung auf ein Rahmenabkommen: Beschäftigungssicherung bis Ende 2021, Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen und ein gemeinsames Transformationsteam, das seither an der Zukunft des Standorts arbeitet.

Statt abzuwarten, ob der Verbrennungsmotor verschwindet, erschloss das Unternehmen gemeinsam mit Betriebsrat, IG Metall und Belegschaft neue Geschäftsfelder: Teile für den Gleisbau und Wellen für Elektromotoren. Die Zahlen sprechen für sich: Seit 2020 hat sich der Umsatz verdoppelt; die Belegschaft wuchs von 1.100 auf 1.500 Beschäftigte. Statt der befürchteten Entlassungen entstanden neue Arbeitsplätze.

Die Jury würdigte das Projekt als Beleg dafür, dass Mitbestimmung Transformation nicht nur begleiten, sondern erfolgreich gestalten kann. Dafür gab es Gold in der Kategorie mittlere Gremien.

Gold für neue Arbeitswelten: Airbus Operations GmbH – IG Metall

In Hamburg ging es nicht um die Existenz des Standorts, sondern um die Frage, wie Arbeit dort in Zukunft aussieht. Der klassische Büroalltag passte nicht mehr zur flexiblen Realität der Beschäftigten. Gleichzeitig zwang der begrenzte Platz am Standort Hamburg dazu, über neue Flächenkonzepte nachzudenken, um langfristiges Wachstum und Beschäftigung zu sichern.

Mehr als ein neues Bürokonzept

Besonders ein Thema polarisierte das Gremium und die Belegschaft: Desk-Sharing (engl. für die gemeinsame Nutzung von Schreibtischen). Hier setzte der Betriebsrat auf wissenschaftliche Begleitung. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) wurden neue Arbeitsformen unter echten Bedingungen getestet – mit Zeitreihenbefragungen und methodischen Evaluationen des mobilen Arbeitens.

Das Ergebnis war mehr als ein neues Bürokonzept: Es veränderte die Art, wie Mitbestimmung am Standort funktioniert. Aus einem Betriebsrat, der vor allem Bedenken einbrachte, wurde ein Gremium, das aktiv mitgestaltet. Die Mitbestimmungskultur am Standort hat sich dadurch grundlegend gewandelt. Für dieses Umdenken gab es Gold in der Kategorie große Gremien.

Auch ausgezeichnet: Silber und Bronze

Sanacorp Pharmahandel GmbH, Langenhagen (Silber, kleine Gremien) – ver.di

Beim Pharmagroßhändler Sanacorp fielen in der Niederlassung Langenhagen zeitweilig mehr als 20 Prozent der Beschäftigten krankheitsbedingt aus; Kündigungen standen im Raum. Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung setzten eine Vielzahl an Maßnahmen für mehr Gesundheitsschutz durch: ergonomischere Büroarbeitsplätze, höhenverstellbare Transportfahrzeuge im Lager und – für alle, denen die Belastung trotzdem zu groß wird – die Möglichkeit, auf einen anderen Job im Betrieb zu wechseln.

Arkema GmbH, Leuna (Bronze, kleine Gremien) – IGBCE

Der Betriebsrat hat für die Beschäftigten am Standort Leuna eine erweiterte Gesundheitsvorsorge durchgesetzt. Dazu gehören Blutuntersuchungen, Krebsvorsorge, Ultraschall und EKG. Der betriebliche Medizinische Dienst führt die Untersuchungen während der Arbeitszeit durch; die Teilnahme ist freiwillig und vertraulich. Der Tarifvertrag zur lebensphasengerechten Arbeitszeitgestaltung ist ein Instrument der ostdeutschen Chemieindustrie. Finanziert wird das Angebot aus seinem Demografiefonds. Damit gehen die Vorsorgeangebote deutlich über gesetzliche Standards hinaus.

STEAG Power GmbH, Essen (Silber, mittlere Gremien) – IGBCE

Der Betriebsrat hat mit “Q-FiT” ein Programm durchgesetzt, das gezielt teilzeitarbeitende Frauen bei Qualifizierung und Aufstieg unterstützt. Hintergrund: Das Unternehmen bietet jährlich zahlreiche Qualifizierungskurse an. Frauen in Teilzeit nahmen daran aber kaum teil, weil Kurszeiten und -formate nicht zu ihren Arbeitszeiten passten und Aufstiegswege für sie kaum sichtbar waren. Betriebsrat und Personalabteilung entwickelten gemeinsam mit den betroffenen Frauen passgenaue Qualifizierungsmodelle für Teilzeitarbeit – wissenschaftlich begleitet vom Helex-Institut in Bochum und gefördert durch die Hans-Böckler-Stiftung.

Brose Fahrzeugteile SE & Co. KG, Würzburg (Bronze, mittlere Gremien) – IG Metall

Unter dem Motto “Würzburg bleibt!” verhinderte der Betriebsrat nicht nur drohende Schließungspläne, sondern eröffnete dem Standort eine neue Zukunft: Der Betrieb ist bis mindestens Ende 2030 gesichert. Auf Initiative des Gremiums steigt Brose künftig zusätzlich in den Luft- und Raumfahrtsektor ein. Erste Kooperationsverträge wurden bereits geschlossen. Das ist ein strategischer Meilenstein, der dem Standort eine Perspektive bis weit ins nächste Jahrzehnt eröffnet.

Elbkinder – Vereinigung Hamburger Kitas gGmbH, Hamburg (Silber, große Gremien) – ver.di/GEW

Mit einer bilderstarken Plakataktion hat der Betriebsrat klar Stellung gegen Diskriminierung bezogen – ein sichtbares Zeichen in einem Betrieb, in dem Menschen aus vielen Ländern gemeinsam arbeiten. Die Botschaft: In den Einrichtungen sei kein Platz für rechtsextremes Gedankengut oder diskriminierende Haltungen. Die Kampagne stieß nach Angaben des Betriebsrats auf große Resonanz: Kolleg*innen öffneten sich und sprachen über eigene Fluchterfahrungen. Das ist ein Beispiel dafür, dass Mitbestimmung auch gesellschaftliche Haltung zeigen kann – weit über Tarif- und Arbeitszeitfragen hinaus.

AUMOVIO Germany GmbH, Babenhausen (Bronze, große Gremien) – IG Metall

Am Standort Babenhausen prägen seit Jahren Transformation, Wettbewerb, Geopolitik und permanente Restrukturierungen den Alltag. Statt abzuwarten, entwickelte der Betriebsrat eigene Szenarien zur Standorterhaltung, unterstützt von Fachexpert*innen der Hans-Böckler-Stiftung, und baute ein eigenes Strategieteam auf, um vor die Welle unternehmerischer Entscheidungen zu kommen, statt ihr hinterherzulaufen.

Was die Projekte verbindet

Ein kleines Gremium lebt Inklusion, ein mittleres erfindet einen ganzen Standort neu, und ein großes definiert seine eigene Rolle neu. Sechs weitere Gremien haben für Gesundheit, faire Chancen und Standorterhalt sowie klar gegen Diskriminierung gekämpft. Die neun Ausgangslagen waren völlig unterschiedlich, doch es galt ein gemeinsames Prinzip: Wo Betriebsräte nicht nur reagieren, sondern gestalten, verändert sich etwas – nicht nur für die Beschäftigten, sondern für den ganzen Betrieb.

Der Deutsche Betriebsrätepreis ist eine Initiative der Fachzeitschrift “Arbeitsrecht im Betrieb” (AiB). Seit 2009 zeichnet er das Engagement und die erfolgreiche Arbeit von Betriebsrät*innen aus. Die Bewerbungsrunde für den #BR27 läuft noch bis zum 30. April 2027.

zurück

Bleib informiert!

Gute Arbeit, Geld, Gerechtigkeit - Abonniere unseren DGB einblick-Newsletter, dann hast du unsere aktuellen Themen immer im Blick.

Mit der Anmeldung wird dem Erhalt der ausgewählten Newsletter zugestimmt. Diese Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden. Nähere Informationen zur Datenverarbeitung können in unseren Datenschutzbestimmungen nachgelesen werden.