klartext Nr. 35/2026: Mit Tarifvertrag schließt sich die Ost-West-Lohnlücke
Am 3. Oktober jährt sich die Deutsche Einheit zum 36. Mal. Mehr als ein Drittel der Menschen in Deutschland wurde nach 1990 geboren und kennt die Teilung nur noch vom Geschichtsunterricht. Politisch ist Deutschland vereint. Wirtschaftlich ist die Einheit noch immer nicht vollendet. Besonders deutlich zeigt sich das auf dem Lohnzettel.
So verdienen Vollzeitbeschäftigte im Osten durchschnittlich 12.415 Euro brutto weniger im Jahr als Beschäftigte im Westen. Das entspricht einer Lohnlücke von 19,6 Prozent. Diese Zahl berücksichtigt Sonderzahlungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld. Rechnerisch bedeutet das, dass Beschäftigte im Osten im Vergleich zum westdeutschen Verdienstniveau fast 72 Tage im Jahr ohne Bezahlung arbeiten.
Die Lohnlücke ist gegenüber dem Vorjahr zwar kleiner geworden. 2024 lag sie noch bei 20,9 Prozent beziehungsweise rund 13.374 Euro. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber noch lange keine Angleichung. Fast vier Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist es nicht akzeptabel, dass gleiche Arbeit noch immer nicht zu gleichen Löhnen führt.
Ein zentraler Hebel für höhere Löhne ist die Tarifbindung. Wo Tarifverträge gelten, haben Beschäftigte deutlich mehr im Portemonnaie. Im Osten der Republik ist der Tarifvorteil besonders groß. Vollzeitbeschäftigte in tarifgebundenen Betrieben verdienen dort im Durchschnitt 13.295 Euro mehr im Jahr als Beschäftigte ohne Tarifvertrag. Im Westen beträgt der Tarifvorteil 11.542 Euro. Doch leider profitieren nach wie vor weniger Beschäftigte im Osten von Tarifverträgen. Nur 45 Prozent der ostdeutschen Beschäftigten arbeiten unter Tarifbedingungen, im Westen sind es 50 Prozent.
Die anhaltende Ungleichheit ist mehr als eine Zahl in einer Statistik. Sie prägt die Lebensrealität vieler Beschäftigter und kann das Gefühl verstärken, bei der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt zu werden.
Die Beschäftigten können gemeinsam mit ihren Gewerkschaften für mehr Tarifbindung kämpfen. Doch auch die Politik muss handeln. Wir brauchen eine echte Tarifwende. Erste Schritte zur Stärkung der Tarifbindung sind getan – etwa mit dem Bundestariftreuegesetz. Künftig gehen öffentliche Aufträge des Bundes nur noch an tariftreue Unternehmen. Auch hat die Bundesregierung nun geregelt, dass Gewerkschaftsbeiträge bei der Steuer voll absetzbar sind, wie von den Gewerkschaften gefordert. Das ist richtig und überfällig, aber nur ein Anfang. Wir müssen Tarifbindung wieder zur Regel machen.
Dazu braucht es endlich ein digitales Zugangsrecht für Gewerkschaften in den Betrieben, damit Gewerkschaften Beschäftigte erreichen und organisieren können. Zudem braucht es mehr Transparenz darüber, ob ein Unternehmen tarifgebunden ist (also eine Auskunftspflicht über sogenannte Ohne-Tarif-Mitgliedschaften in Arbeitgeberverbänden), eine leichtere Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen für ganze Branchen sowie einen besseren Schutz vor gewerkschaftsfeindlichem Verhalten.
36 Jahre nach 1990 muss die Einheit auch auf dem Lohnzettel ankommen. Mehr Gerechtigkeit gibt es nur mit mehr Tarifbindung.