Deutscher Gewerkschaftsbund

07.01.2015
Bildungsgipfel-Bilanz des DGB

Soziale Schieflage in der "Bildungsrepublik"

Vor gut sechs Jahren riefen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die MinisterpräsidentInnen in Dresden die "Bildungsrepublik Deutschland" aus. Doch wichtige Versprechen wurden nicht eingelöst. Zu viele Jugendliche brechen die Schule ab, Millionen junger Menschen haben keine abgeschlossene Ausbildung. Die vermeintliche Bildungsrepublik bleibt ein sozial gespaltenes Land.  Das zeigt die Bildungsgipfel-Bilanz 2014, die der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm im Auftrag des DGB gezogen hat. Die soziale Spaltung bleibt bestehen. "Wir brauchen eine neue Bildungsstrategie", sagt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack.

Demo Schild "Bildung in Not"

DGB/Simone M. Neumann

Überblick über Ziele des Bildungsgipfels und deren tatsächliche Umsetzung

"Zu viele junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung"

Mit Stephan Weil (Niedersachsen, SPD) und Annegret Kramp-Karrenbauer (Saarland, CDU) unterstützen zwei MinisterpräsidentInnen gegenüber der Süddeutschen Zeitung die DGB-Forderung.

Süddeutsche Zeitung: "Abgehängt und alleingelassen"

Im Herbst 2008 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ministerpräsidenten der Länder zu einem Bildungsgipfel nach Dresden eingeladen. Dort vereinbarten Bund und Länder einige konkrete, messbare Ziele. Diese Ziele sollen bis zum Jahr 2015 erreicht sein. Wir haben den Essener Bildungsforscher Klaus Klemm gebeten, in einer Bildungsgipfel-Bilanz 2014 zu prüfen, ob und in wie weit, diese Ziele umgesetzt wurden. Diese Bilanz kommt sehr nahe an die Abschluss-Bilanz des Bildungsgipfel-Prozesses heran. Hier eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse:

Ziel: Halbierung  der Quote der Schulabgänger/innen ohne Schulabschluss von 8 auf 4 Prozent.

Umsetzung: Die angestrebte Halbierung der Quote auf 4,0 % ist nicht absehbar. In den Jahren von 2008 bis 2013 ist diese Quote– von 8,0 auf 5,7 Prozent. Ein Maßnahmenbündel, das in diesem Handlungsfeld Erfolge versprechen würde, ist nicht erkennbar – schon gar nicht ein solches, das die Förderschulen, aus denen mehr als die Hälfte der Absolvent/innen ohne Hauptschulabschluss stammen, einbezöge.

Ziel: Halbierung  der Quote junger Erwachsener ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung von 17 auf 8,5 Prozent

Umsetzung: Die angestrebte Halbierung der Quote ist nicht in Sicht: Von 2008 bis 2013 hat sich die entsprechende Quote von 17,2 % auf 13,8 % nur sehr geringfügig verringert. Da die Integrierte Ausbildungsberichterstattung auch für 2013 noch eine Zahl von fast 258.000 jungen Erwachsenen im Übergangssystem vermeldet (jenem System, das keinen Berufsabschluss vermittelt), besteht kein Anlass, optimistisch in die nähere Zukunft zu blicken.

Ziel: Ausbau der Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige (35% bis zum 1.8. 2013)

Umsetzung: Beim Ausbau der Krippenplätze für unter Dreijährige liegt Deutschland im Betreuungsjahr 2013/14 mit einem Platzangebot von 32,3 % unterhalb der 35 Prozent-Marke. Hier liegen vor allem die Länder des früheren Bundesgebietes mit 27,4 % deutlich unterhalb der anvisierten Zielmarke.

Ziel: Steigerung der Weiterbildungsbeteiligungsquote von 40 auf 50 Prozent

Umsetzung: Mit der Weiterbildungsquote von 49 % ist die Zielquote bereits 2012 nahezu erreicht worden. Bemerkenswert ist allerdings, dass sich hinter dieser Zahl eine enorme soziale Schieflage verbirgt. Vor allem Arbeitslose, Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung und Menschen mit Migrationshintergrund sind bei der Weiterbildungsbeteiligung „abgehängt“.

Ziel: Erhöhung der Quote der Studienanfänger/innen auf 40 Prozent eines Jahrgangs

Umsetzung: Das Ziel  wurde mit inzwischen mit 57,5 % (2013) weit übertroffen. Auch wenn die Bildungsausländer/innen nicht einbezogen werden, liegt diese Quote mit 46,2 % deutlich oberhalb der Zielquote von 40 %. Allerdings ist auch dies verbunden mit einem hohen Maß sozialer Chancenungleichheit: 50 % der Studierenden kommen aus Akademikerfamilien, aber nur 27 % aus Facharbeiterfamilien. Die Steigerung der Studienanfängerquote macht zudem auf die Schwierigkeiten der Hochschulen, den jungen Studierenden angemessene Studienbedingungen zu bieten, aufmerksam.

Ziel: Steigerung der Bildungsausgaben auf 10 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – 7 Prozent für Bildung drei Prozent für Forschung

Umsetzung: Das für 2015 gesetzte Ziel der Steigerung der öffentlich und privat getragenen Bildungsausgaben auf 10 % des Bruttoinlandsprodukts ist Deutschland im Jahr 2012 mit einem Wert von 9,0 % bisher noch nicht nahe gekommen. Die Tatsache, dass dieser Wert von 2011 nach 2012 nach einem zwischenzeitlichen Anstieg wieder leicht gesunken ist, stimmt wenig optimistisch.

Unser Fazit

Klemms Bilanz fällt gemischt aus: Die Zahl der Krippenplätze ist gestiegen und mehr Menschen beginnen ein Studium oder bilden sich weiter. Doch ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt: Die soziale Schieflage bleibt die Achillesferse unseres Bildungssystems. Die Zahl der jungen Menschen ohne Schul- und Berufsabschluss bleibt bedrückend hoch. Auch bei der Weiterbildung und im Studium öffnet sich die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern. Die vermeintliche „Bildungsrepublik Deutschland“ bleibt ein sozial gespaltenes Land. Mehr noch: Der Anteil der Bildungsinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt ist wieder gesunken.

Die enge Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg sowie die strikte Trennung von beruflicher und hochschulischer Bildung bleiben die zentralen Herausforderungen der Bildungspolitik.

Mit dem Jahr 2015 dürfen die gemeinsamen Anstrengungen von Bund und Ländern nicht stehen bleiben. Wir brauchen einen neuerlichen Bildungsgipfel. Bund, Länder und Kommunen müssen zusammen mit den Sozialpartnern eine „gemeinsame Bildungsstrategie“ entwickeln.


Nach oben

Interviews - Bildungsziele 2015


Soziale Spaltung im Bildungssystem nicht beseitigt
Sie benötigen den FlashPlayer (mindestens Version 9) und einen Browser mit aktiviertem JavaScript!

Vor sieben Jahren hat die Bundesregierung konkrete Bildungsziele für 2015 beschlossen. Doch die Ziele wurden nur teilweise erreicht, sagt DGB-Bildungsexperte Matthias Anbuhl im Internetradio detektor.fm. "Die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern im Bildungssystem öffnet sich immer noch".

DGB-Expertise: Bildungsgipfel-Bilanz 2014

Dokument ist vom Typ application/pdf.

Die Umsetzung der Ziele des Dresdner Bildungsgipfels vom 22. Oktober 2008.

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Neustart für die Bildungsrepublik
Deutschland muss mehr Geld in Schulen und Hochschulen investieren und braucht Strategien zur Integration von Flüchtlingen in Bildung und Arbeitsmarkt. Dies gelingt nur, wenn Bund, Länder und Sozialpartner gemeinsam eine neue Bildungsstrategie formulieren, schreiben DGB-Vize Elke Hannack, SPD-Vize-Fraktionsvorsitzender Hubertus Heil und ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke in der Frankfurter Rundschau. weiterlesen …
Pressemeldung
Hannack: Brauchen gesellschaftlichen Bildungsaufbruch
Mehr als eine Million Menschen, darunter hunderttausende Kinder und Jugendliche, sind 2015 nach Deutschland gekommen. Damit sie schnell in Kitas, Schulen und beruflichen Ausbildungen integriert werden können, muss der Bund mehr ins Bildungssystem investieren dürfen", erklärte DGB-Vize Elke Hannack. "Das Kooperationsverbot sollte deshalb aus dem Grundgesetz gestrichen werden", so Hannack. Zur Pressemeldung
Artikel
Girls’ Day: „Frau Hannack, wie wird man Gewerkschafterin?“
Was bedeutet es, sich für die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einzusetzen, was heißt es, in der Politik zu arbeiten? Berliner Schülerinnen aus Berlin wollten beim Girls' Day die Gewerkschaftsarbeit genauer kennenlernen. Zum Berufs-Schnuppertag gehörte auch eine Fragerunde mit der DGB-Vizevorsitzenden Elke Hannack. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten