Deutscher Gewerkschaftsbund

Öffentlicher Dienst und Beamte

08.12.2016
Magazin für Beamtinnen und Beamte 11/2016

Bundesbeamte: Maßnahmen gegen den steigenden Krankenstand

Der Krankenstand in der unmittelbaren Bundesverwaltung ist auf ein neues Allzeit-Hoch gestiegen. Erstmals hat er die Schallmauer von 20 Arbeitstagen durchbrochen. Welche Maßnahmen helfen, um Arbeit gesünder zu gestalten, zeigt eine neue Handlungshilfe der Bundesministerien auf. Der DGB hat sie tatkräftig mitgestaltet. Doch solche Handlungshilfen laufen ins Leere, wenn das Geld fehlt. Dort setzt eine neue Initiative des DGB an.

Zettel mit Aufschrift "Krank" auf Tastatur auf Tatsta

Colourbox

Mitte November veröffentlichte das Bundesministerium des Innern (BMI) den Gesundheitsförderungsbericht 2015 der unmittelbaren Bundesverwaltung. Danach waren Beschäftigte der Bundesverwaltung im Durchschnitt an 20,25 Arbeitstagen im Jahr krank oder in Rehabilitationsmaßnahmen.

Pflichtprogramm: Gefährdungsbeurteilung

Um hier umzusteuern, setzen DGB und Gewerkschaften auf den Arbeitsschutz. Insbesondere der psychischen und physischen Gefährdungsbeurteilung kommt eine Schlüsselrolle bei der Gesunderhaltung der Beschäftigten zu: Nach dem Arbeitsschutzgesetz müssen auch öffentliche Arbeitgeber und Dienstherren systematisch ermitteln, was ihre Beschäftigten während der Arbeit gesundheitlich gefährdet. Außerdem sind Maßnahmen festzulegen und zu dokumentieren, mit denen die Gefährdungen beseitigt oder zumindest begrenzt werden. Später muss geprüft werden, ob sie auch wirken. Dabei sind alle Aspekte der Arbeit zu untersuchen, von Arbeitsstätten über Einwirkungen, Arbeitsstoffe, Arbeitsmittel bis hin zu Arbeitsmethoden, Arbeitsorganisation und Qualifikation der Beschäftigten. Es geht dabei auch um den Stress, der auf die Psyche wirkt.

Behörden halten Gesetze nicht ein

Soweit die gesetzliche Theorie. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat festgestellt, dass 26 Prozent der Arbeitgeber bzw. Dienstherren im öffentlichen Sektor gar keine Gefährdungsbeurteilung durchführen. Weitere 13 Prozent haben zwar begonnen, aber nicht alle Schritte von der Analyse bis zur Evaluation durchgeführt. Mit 43 Prozent führt ein Großteil der Behörden zwar alle Schritte durch, übersieht dabei aber vorgeschriebene Faktoren – wie zum Beispiel die psychischen. Nur 18 Prozent der Dienststellen und Betriebe im öffentlichen Sektor haben die Gefährdung so umfassend analysiert und bekämpft, wie es das Gesetz vorschreibt.

Kontrolle ist besser

Eine bessere Qualifizierung von Fachkräften für Arbeitssicherheit sowie der Betriebsärztinnen und -ärzte ist also überfällig. Doch das allein reicht nicht. So fordert die „Bundeskommission Beamtinnen und Beamte“ des DGB in einem Beschluss vom Oktober, dass „auch effektive Mittel dienststellenübergreifender Kontrolle bis hin zu laufbahnrechtlichen Beurteilungsmaßstäben genutzt werden, damit Leitungskräfte ihrer arbeitsschutzrechtlichen Verantwortung gerecht werden.“ Dazu müsste in den Aufsichtsbehörden mehr eingestellt werden. Außerdem müsste in der öffentlichen Verwaltung in gleichem Maße kontrolliert und sanktioniert werden wie in der Privatwirtschaft.

Gesundheit ist ein Thema für alle

Doch die Gestaltung gesunder Arbeit ist nicht nur ein Thema für die Arbeitsschützerinnen und -schützer. Das neue Schwerpunktpapier „Von der Analyse zur Umsetzung: Handlungsschwerpunkte und Maßnahmen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement“ der Bundesverwaltung zeigt auf, wie mit Querschnittsthemen wie „gesundheitsförderliches Führungsverhalten“, „Zusammenarbeit im Team“ oder „gesundheitsgerechte Arbeitszeitgestaltung“ auch diejenigen zur Gesundheit beitragen können, die für Personalentwicklung, Organisation oder Dienstrecht zuständig sind. Ebenso wie das bereits vor einem Jahr erschienene Schwerpunktpapier „Analyse im BGM der Bundesverwaltung“ setzt die Handlungshilfe darauf, Personalräte frühzeitig und umfassend einzubeziehen und die einzelnen Beschäftigten zu beteiligen. Ein Ansatz, der auch bei der Erarbeitung des Papiers galt. So zeigte sich die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack im Spitzengespräch mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Herbst äußerst erfreut über die sozialpartnerschaftliche Art und Weise, mit der die Zentralabteilung seines Hauses den DGB an der Erarbeitung des Rahmenkonzepts zur Weiterentwicklung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) beteiligt. Neben der Unfallversicherung Bund-Bahn konnte der DGB tatkräftig an den Handlungshilfen mitarbeiten und empfiehlt Personalräten, Gleichstellungsbeauftragten und Schwerbehindertenvertreterinnen und -vertretern, diese zu nutzen.

Gesundheitsmanagement braucht Ressourcen

Doch was, wenn in der Behörde die Personaldecke so dünn ist, dass sich niemand um das Gesundheitsmanagement kümmern kann? Was, wenn sich die Dienststellenleitung ein Prestigeprojekt in den Kopf gesetzt hat und deshalb kein Geld für eine Beschäftigtenbefragung bleibt? Diese Frage stellten DGB-Vertreter Ende November im halbjährlich tagenden Konsultationskreis des BMI. Natürlich nicht ohne einen Vorschlag zu präsentieren: Ein gesonderter Haushaltstitel müsse her. Aus diesem sollten beispielsweise „Gesundheitskoordinatorinnen und -koordinatoren“ in den Behörden und Kosten für zentrale Analysen und Konzeptionen finanziert werden. Unbeschadet davon soll die Praxis fortgeführt werden, dass auch Ausgaben aus anderen Töpfen der Gesundheit zu Gute kommen. Zum Beispiel wenn eine Schulung neben der Personalentwicklung auch der gesundheitsförderlichen Führung und Zusammenarbeit dient. BMI-Zentralabteilungsleiter Prof. Dr. Hofmann verwies auf die gute Zusammenarbeit im Demografiedialog der Bundesregierung und dem Ressortarbeitskreis Gesundheitsmanagement und dankte für das Engagement der Sozialpartner. Ein Schwerpunktpapier zu Zielen und Strukturen für die Umsetzung des BGM sei in diesen Gremien in der Erarbeitung. Thema werde dabei auch eine geeignete finanzielle Ausstattung sein, die für eine erfolgreiche Umsetzung sicher nötig sei. Gedanken an eine eigene Berücksichtigung in der Haushaltssystematik sei man gegenüber offen. Es werden im nächsten Jahr mögliche Regelungsvorschläge ausgelotet und vorbereitet. Die Einrichtung fester Budgets ist eine wichtige Forderung der Gewerkschaften. Deshalb sind die Ankündigungen des BMI für den DGB ein erfreuliches Zeichen.

Erschienen im DGB-Magazin für Beamtinnen und Beamte


Nach oben
  1. Schichtarbeit im öffentlichen Dienst: Mindeststandards für Entlastung, Planbarkeit und Beteiligung
  2. Bund weiter mangelhaft
  3. Der öffentliche Dienst in Deutschland: Zahlen und Fakten
  4. Standards für Gute Arbeit in Wechselschichtdiensten
  5. Tagung: Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst und privatisierten Dienstleistungssektor
  6. Für Gute Arbeit im Schichtdienst
  7. Hannack: Schluss mit sachgrundlosen Befristungen!
  8. Schichtarbeit: Gegen den biologischen Rhythmus
  9. Zerrieben zwischen Idealismus und schlankem Staat
  10. Bundesbeamte: Maßnahmen gegen den steigenden Krankenstand
  11. Hoher Krankenstand: Bundes-Beschäftigte werden "aufgerieben"
  12. Bundespolizei: Verkürzter Aufstieg – verkürzte Chancen?
  13. Stellungnahme zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf für BeamtInnen
  14. Öffentlicher Dienst: Starke Belastung und hoher Krankenstand
  15. Gewerkschaften erkämpfen Praxisaufstieg in gehobenen Dienst
  16. Gesundheitsmanagement: Ministerien greifen DGB-Vorschläge auf
  17. Praxisaufstieg: Innenministerium gesprächsbereit
  18. Flüchtlingspolitik: Mehr Personal dringend erforderlich
  19. Beamte: Qualifikationen aus Berufspraxis anerkennen!
  20. Ernstes Problem: Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst
  21. Was gibt´s Neues im Urlaubsrecht?
  22. Familienpflege: Was gilt wo für Beamtinnen und Beamte?
  23. Spitzengespräch des DGB mit Bundesinnenminister de Maizière
  24. Whistleblowing: Risiko für Beamte
  25. Bund und Länder: Befristungen nehmen zu
  26. Beschäftigte im öffentlichen Sektor: Gleich wichtig – ungleich behandelt
  27. Elke Hannack: Verlässliche öffentliche Dienstleistungen für die Menschen – nur mit einer verlässlichen Politik!
  28. Bundesverwaltung: Personalabbau und steigender Krankenstand
  29. Öffentlicher Dienst: Gute Arbeit trotz Schuldenbremse?
  30. Demografischer Wandel im öffentlichen Dienst: Befristungsquote verringern, Leistung sichern
  31. Demografiestrategie im öffentlichen Dienst: Am Sparzwang orientiert
  32. Öffentlicher Dienst: Fachkräfte sichern
  33. Fragen und Antworten zum Streikrecht für Beamte
  34. Krankenstand in der Bundesverwaltung auf Rekordhoch
  35. Der öffentliche Dienst: Kein Musterarbeitgeber
  36. Index Gute Arbeit: Sonderauswertung Öffentlicher Dienst 2011
  37. Gemeinsame Initiative zur Förderung des Gesundheitsmanagements in der Bundesverwaltung
  38. Schöneberger Forum: Reiche sollen zahlen
  39. Öffentlicher Dienst: Sparen um jeden Preis ist nicht akzeptabel
  40. Sparpolitik im öffentlichen Dienst führt in die Bredouille
  41. Preis für Personalräte mit Einsatz und Köpfchen
  42. DGB: Personellen Kahlschlag im öffentlichen Dienst verhindern!
  43. DGB-Stellungnahme zum Gesetzentwurf Familienpflegezeit und flexiblerer Ruhestand für Beamte des Bundes vom 1.12.2012

Mehr zum Thema

Ge­sund­heits­ma­na­ge­ment: Mi­nis­te­ri­en grei­fen DGB-Vor­schlä­ge auf
Hände (Mann) hinter Aktenordnern mit Schild "Hilfe"
Colourbox.de
In der Bundesverwaltung steigt seit rund zehn Jahren stetig der Krankenstand. Jetzt haben alle Bundesministerien einen Leitfaden zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement beschlossen – und greifen eine Reihe wichtiger Forderungen des DGB auf. Die Bundesministerien bekennen sich beim Gesundheitsschutz außerdem klar zur wichtigen Rolle der Mitbestimmung.
weiterlesen …

Bundesministerium des Innern: Schwerpunktpapier "Von der Analyse zur Umsetzung: Handlungsschwerpunkte und Maßnahmen im BGM"

Dokument ist vom Typ application/acrobat.

Weitere Themen

Der DGB-Zu­kunfts­dia­log
Text: "Reden wir über..." Der Zukunftsdialog; davor stilisierte Satzzeichen (Fragezeichen, Ausrufezeichen, ...)
DGB
Mit dem DGB-Zukunftsdialog starten der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften einen breiten gesellschaftlichen Dialog. Wir fragen, was die Menschen in Deutschland bewegt, sammeln ihre Antworten und entwickeln daraus Impulse für eine gerechtere Politik in Deutschland.
weiterlesen …

Jetzt un­ter­schrei­ben: Be­zahl­ba­res Woh­nen für al­le!
Kleines und großes Haus jeweils mit kleinem und großem Münzstapel
DGB/Anna Grigorjeva/123RF.com
Wohnen ist ein Menschenrecht und keine Handelsware - doch inzwischen können sich breite Schichten der Bevölkerung das Dach über dem Kopf kaum noch leisten. Mit der Europäischen Bürgerinitiative "Housing for all" fordern wir die EU auf, die Rahmenbedingungen für bezahlbares Wohnen zu verbessern. Geben auch Sie Ihre Stimme ab!
zur Webseite …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Gute Führung in der digitalisierten öffentlichen Verwaltung
Die Digitalisierung des öffentlichen Dienstes in Deutschland kommt nur langsam in Fahrt. Um die Umsetzung zu beschleunigen, fördert der Bund bis Ende 2019 das Projekt "Führung in der digitalisierten öffentlichen Verwaltung". Sieben Pilotorganisationen sind daran beteiligt, nun gibt es erste Ergebnisse. weiterlesen …
Artikel
"Dänemark ist durchdigitalisiert"
Einen Kita-Platz organisieren, die Scheidung einreichen oder die Rente beantragen: Das alles geht in Dänemark digital, ohne lange Warteschlangen auf dem Amt oder komplizierte Antragsformulare. Warum ist uns das kleine Land bei der digitalen Verwaltung so weit voraus? Und was bedeutet das für Bürger und Beschäftigte? Eine Spurensuche in Kopenhagen. weiterlesen …
Artikel
Fehltage in der Bundesverwaltung weiter auf Rekordniveau
Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat hat den Gesundheitsförderungsbericht 2017 veröffentlicht. Demnach bleiben die krankheitsbedingten Fehlzeiten in der unmittelbaren Bundesverwaltung weiterhin auf Rekord-Niveau und die Ursachen dafür werden nicht erfasst. Es stellt sich die Frage, inwieweit überhaupt der politische Wille besteht, den Fehlzeiten entgegenzuwirken. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten